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Wirtschaft im Norden Ausziehen für den Chef
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22:24 08.11.2013
Die Comazo-Mitarbeiter machen auch im Fotostudio eine gute Figur. Die Firma setzt für Werbung nur die Belegschaft ein. Quelle: Isa Planck/Comazo

Wenn der Chef zum Fotoshooting in BH und Höschen bittet, würden die meisten Mitarbeiterinnen wohl ganz schnell die Flucht ergreifen. Beim Unterwäschehersteller Comazo lassen sie hingegen freiwillig die Hüllen fallen — zu Werbezwecken. Ob im Online-Shop oder auf Werbeplakaten, das schwäbische Unternehmen verzichtet gänzlich auf professionelle Models und präsentiert stattdessen die eigenen Leute in Schlafanzug und Boxershorts. Allein ist Comazo mit seiner ungewöhnlichen Werbekampagne nicht: Auch andere Unternehmen setzen auf Mitarbeiter statt Models.

„Ob im Webshop des Wäscheherstellers Comazo oder in TV-Spots des Wurstproduzenten Rügenwalder Mühle: Die eigenen Mitarbeiter sollen gegenüber potenziellen Kunden Werte wie Glaubwürdigkeit und Stolz auf die Produkte vermitteln“, sagt Maik Luckow, Sprecher des Zentralverbandes der deutschen Werbewirtschaft (ZAW). Auch für die HSH Nordbank standen schon die eigenen Leute vor der Kamera. Die Bank präsentierte ihre Mitarbeiter einst auf Werbeplakaten in eher ungewöhnlichen Situationen — vom Eisloch bis zur Feuerleiter.

„Menschen, die mit ihrem Gesicht für die Produkte stehen, sind glaubwürdiger als Manager, die alle zwei bis drei Jahre das Unternehmen wechseln“, sagt Godo Röben, der beim Lebensmittelhersteller Rügenwalder Mühle für das Marketing zuständig ist. „Das ist so ein wenig wie früher und teilweise auch heute noch beim Fleischer vor Ort: Den kenne ich und dem vertraue ich.“ Rügenwalder Mühle tauschte erst jüngst den Moderator Jörg Pilawa als Botschafter aus. Neben Werbespots mit den Beschäftigten lachen die Mitarbeiter den Kunden nun auch auf der Wurstverpackung entgegen.

Eine repräsentative Studie von TNS Infratest im Auftrag des Herstellers hatte ergeben, dass 52 Prozent der Befragten, sich mehr Offenheit von Unternehmen wünschen. Das gesparte Werbebudget ist allerdings nicht das Hauptmotiv solcher Kampagnen, beteuern die Unternehmen. Comazo spendet beispielsweise das Honorar, das „echte“ Models bekommen hätten, für soziale Zwecke — wenngleich die Shootings mit Laienmodels unterm Strich nicht unbedingt billiger sind. „Wir brauchen länger. Es ist auch wahnsinnig anstrengend, was die meisten vorher gar nicht dachten“, sagt Sprecherin Yasmin Kozhua. Die acht „Hauptmodels“ fehlen ihr zufolge für die Shootings gut zwei Tage bei der Arbeit. Da auch der Chef schon mal die Hüllen fallen lasse, bleibe sein Stuhl ebenfalls zeitweise leer. Dass der Boss selbst den Kopf hinhält, ist in der deutschen Werbelandschaft allerdings keine Seltenheit: Neben Trigema, Seitenbacher und Hipp stellte sich auch der Chef des Ulmer Schmierstoffherstellers Liqui Moly schon selbst vor die Kamera. Neben einer authentischen Werbekampagne sieht man bei Comazo noch andere Vorteile: Mitarbeiterbindung. Durch die Auftritte in der hauseigenen Wäsche stehe die Belegschaft selbstbewusst hinter dem Unternehmen, sagt Kozhua.

Und wie ist es, sich vor dem Chef auszuziehen? „Es ist so, als ob man mit seinen Kollegen ins Schwimmbad geht“, sagt Comazo-Mitarbeiterin Stephy Massow. Die knappe Kleidung vergesse man ganz schnell.

Eine gute Figur will die 31-Jährige aber trotzdem machen: „Ein paar Maßnahmen werden auf jeden Fall getroffen“, sagt sie. Vorher achte sie schon darauf, dass sie „weniger Kuchen esse“.

Obi-Mitarbeiter singen, Filialleiterin joggt
Der schwäbische Wäschehersteller Comazo ist mit seinen Mitarbeiter-Models keine Ausnahme. In einem Werbespot der Commerzbank joggt derzeit eine Filialleiterin der Bank mit Kapuzenpulli und Musik auf den Ohren durch die Stadt. Im Werbeclip des Autoglas-Reparateurs Carglass treten stets die eigenen Mitarbeiter auf. Die Baumarktkette Obi ließ einst die Belegschaft zu der Melodie von Queens „We will rock you“ den Slogan „Wie, wo, was weiß Obi“ intonieren. Die Werbeagentur Jung von Matt erdachte nicht nur die Obi-Werbung, sondern setzte auch selbst schon auf die eigenen Köpfe. In einer Kampagne mit dem Titel „Jede zweite Ehe entsteht am Arbeitsplatz“ warb die Agentur um neue Leute — mit nackten Kolleginnen.

LN

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