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Wirtschaft im Norden B-Ware im Obstregal hat es noch schwer
Nachrichten Wirtschaft Wirtschaft im Norden B-Ware im Obstregal hat es noch schwer
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23:45 26.10.2013
Christa Quast verkauft auf dem Markt am Hansering Obst aus eigener Produktion — zweite Wahl gibt es zum reduzierten Preis.
Stuttgart

Karotten mit drei Wurzeln, verwachsene oder rissige Äpfel, in die Länge gezogene, schlangenförmige Kartoffeln — sie haben meist keine Chance. Auch im Supermarktregal galt bislang: Erfolg hat nur, wer in Top-Form ist. „Wir haben ein Luxusproblem“, sagt Manfred Edelhäuser, Referatsleiter für Lebensmittelüberwachung beim Verbraucherschutzministerium in Baden-Württemberg. „Der Handel schafft es nicht, schlecht aussehende Ware zu verkaufen.“

Als Ursache des Schönheitswahns bei Obst und Gemüse gelten die sogenannten Vermarktungsnormen der EU, in denen auch die Handelsklassen geregelt sind. Sie hatten eigentlich zwei Ziele, erklärt Edelhäuser: Zum einen wurde die Qualität der Sorten in Klassen eingeteilt und sollte so einfacher verglichen werden können, zum anderen vereinfachte die einheitliche Form von Gemüse Transport und Lagerung. Doch inzwischen sind die Regeln in die Kritik geraten.

Denn überwiegend wird das makellose Obst der Klasse I angeboten. Ware aus Klasse II, die auch mal Fehler in der Schale oder Druckstellen aufweisen darf, kommt dagegen kaum noch vor. „Wir finden dieses Angebot bei unseren Kontrollen nur in seltenen Fällen“, sagt Maria Reinhardt, die beim Regierungspräsidium Stuttgart für landwirtschaftliche Produkte zuständig ist. Dabei müssen streng genommen nur ungenießbare — also zum Beispiel von Fäulnis oder Schädlingen befallene — Lebensmittel aus dem Verzehr gezogen werden.

Einige Supermarktketten versuchen es nun und bieten auch Früchte an, die von der Bestform abweichen — zu günstigeren Preisen. Der Edeka-Verbund hat vergangene Woche in verschiedenen Bundesländern ein Pilotprojekt gestartet, an dem sich auch der Discounter Netto beteiligt. In Österreich läuft ein Testprojekt der Rewe-Gruppe unter dem Titel „Wunderlinge“. Ob das Prinzip auch nach Deutschland importiert werde, sei offen, sagt ein Rewe-Sprecher.

Reinhardt sieht vor allem die Verbraucher in der Pflicht. „Der Handel stellt sich auf das ein, was nachgefragt wird, also liegt es am Kunden“, meint die Lebensmittel-Expertin. „Das Bewusstsein bei den Verbrauchern muss sich entwickeln.“ Äpfel der Klasse II schmeckten genau so gut wie ebenmäßiges Obst der Klasse I.

Jedoch scheint sich das Bewusstsein langsam zu wandeln. In einer aktuellen Online-Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov gaben 84 Prozent der Bundesbürger an, dass sie bei Obst und Gemüse trotz optischer Makel wie Flecken oder Verformungen zugreifen würden.

Bei der Ernährungsorganisation Slow Food begrüßt man die Initiativen des Handels. Dort schätzt man, dass teilweise bis zu 40 Prozent des produzierten Obstes und Gemüses am Ende nicht in den Regalen landen. Was nicht den Schönheitsansprüchen entspricht, wird aber nicht immer automatisch weggeworfen. Aus vernarbten Äpfeln wird Saft gepresst, Kartoffeln oder Rüben können zu Tierfutter verarbeitet werden, verwachsener Kohl oder Salat wird auf dem Feld untergepflügt.

Für den Handel haben die wählerischen Verbraucher auch wirtschaftliche Folgen. Bei der Rewe- Gruppe schätzt man, dass trotz moderner Lagerhaltungsprogramme gut ein bis zwei Prozent des Gesamtumsatzes durch weggegebene oder weggeworfene Lebensmittel verloren gehen. Ein schwacher Trost: Zumindest ein Teil der nicht verkauften Produkte erfüllt einen guten Zweck — und geht an gemeinnützige Organisationen. Mehrere 10 000 Tonnen kommen nach Angaben des Bundesverbands Deutsche Tafeln so jährlich zusammen.

Klasse II darf auch Form- und Entwicklungsfehler haben
Die Allgemeine Vermarktungsnorm (AVN) regelt in der Europäischen Union, wie Obst und Gemüse aussehen soll, das in den Verkauf geht. Nach den Vorgaben muss es in „zufriedenstellendem Zustand sein“. Damit ist unter anderem gemeint, dass es nicht verdorben oder verfault ist. Gemäß der AVN sollen die Früchte aber auch ganz und nicht zerbrochen sein.
Spezielle Vermarktungsnormen legen fest, welche qualitativen Eigenschaften Obst und Gemüse für die Auszeichnung mit bestimmten Klassen haben muss. Um der Klasse „Extra“ anzugehören, müssen Äpfel beispielsweise einen unverletzten Stiel besitzen. Für „Klasse I“ dürfen sie schon kleine Druckstellen aufweisen. „Klasse II“ darf auch Form- und Entwicklungsfehler haben. Die EU hatte die Zahl der speziellen Vermarktungsnormen schon im Jahr 2009 von 36 auf zehn reduziert. Darunter fallen noch Äpfel, Birnen, Erdbeeren, Pfirsiche und Nektarinen, Tafeltrauben, Kiwis, Zitrusfrüchte, Salate und Endivien, Gemüsepaprika und Tomaten.

LN

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