Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Wirtschaft im Norden Bankenexpertin Susanne Schmidt (65) warnt: Scheitern des Euro hätte böse Folgen
Nachrichten Wirtschaft Wirtschaft im Norden Bankenexpertin Susanne Schmidt (65) warnt: Scheitern des Euro hätte böse Folgen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:00 21.10.2012
Lübeck

Lübecker Nachrichten: Hatten Sie auf Ihrer Lesereise schon Gelegenheit, Ihren Vater zu treffen?Susanne Schmidt: Ja, ich war vergangenes Wochenende bei ihm.LN: Und wie geht es ihm?Schmidt: Danke, es geht ihm gut.LN: Sie leben in der Grafschaft Kent in England. Wie oft können Sie sich sehen?Schmidt: Relativ häufig, ich denke, so vier- bis fünfmal im Jahr. Nächstes Frühjahr will mein Vater uns in England besuchen kommen.LN: Es scheint grünes Licht für neue Griechenland-Hilfen zu geben. Eine gute Nachricht?Schmidt: Ja, ich bin der Meinung, dass man Griechenland mehr Zeit geben muss bei der Rückzahlung der Rettungshilfen, man könnte auch an eine temporäre Rücknahme der Zinszahlungen denken. Und man muss dem Land helfen, sein Wachstum anzukurbeln. Griechenland ist ein Paradebeispiel für Kaputtsparen. Ausschließliches Sparen bringt nichts, damit senkt man die Schuldenquote nicht.LN: Wie könnte man besser helfen?Schmidt: Die Europäische Union könnte Geld für Strukturhilfen umwidmen oder den Zwang zur Kofinanzierung von Projekten zeitlich aussetzen. Es wäre auch ein positives Zeichen, wenn die EU die hohe Jugendarbeitslosigkeit bekämpft.LN: Sie fordern in Ihrem Buch „mutiges Handeln der Politik“. Können Sie schon Fortschritte erkennen?Schmidt: Ja, ich habe das Gefühl, dass sich etwas bewegt. Wir sind auf besserem Weg als vor einem Jahr. Auch Frau Merkel spricht jetzt häufiger von Wachstum, das finde ich gut. Man hat die Rettungstöpfe installiert. Aber noch ist die Europäische Zentralbank der Notnagel, der den Politikern Zeit kauft. Diese Zeit müssen sie nutzen. Zurücklehnen darf nicht sein.LN: Wie bewerten Sie die Politik der Bundesregierung?Schmidt: Sie war anfangs sehr zögerlich, hat sich öfter im Ton vergriffen und war immer nur aufs Sparen fixiert. Sie hätte geschmeidiger und effizienter handeln können.LN: Über wen ärgern Sie sich in dieser Krise am meisten?Schmidt: Ich ärgere mich über die Tatsache, dass die Meinungsführerschaft oft den Populisten und Heilsverkündern überlassen bleibt. Die machen den Bürgern Angst vor der Inflation und davor, dass andere nach ihrem Geldbeutel greifen. Es ärgert mich, dass die Politik dem relativ tatenlos zugeschaut hat anstatt immer wieder zu erklären, warum die EU und die Währungsunion für uns gut und wichtig sind.LN: Was würde passieren, wenn Griechenland die Eurozone verlässt? Wer trüge die Kosten?Schmidt: Dann würde sich die Ansteckungsgefahr in der Währungsunion realisieren, und es wäre für die Finanzmärkte der Beweis, dass die Währungsunion nicht hält. Das hätte katastrophale Folgen für die Realwirtschaft, auch bei uns.LN: Der Begriff Euro-Krise ist für Sie eine Erfindung der Banken . . .Schmidt: Die Banken haben den Begriff erfunden, um von eigenen Fehlern abzulenken. Es ist keine Euro- Krise, die Währung ist im Binnen- wie im Außenverhältnis stark. Aber der Bankensektor ist nicht gesund, die Regulierung ist noch viel zu zahm. Vieles wurde durch die mächtige Bankenlobby verwässert.LN: Gibt es Banken, die sich besser verhalten als andere?Schmidt: Ich ziele auf die großen, globalen Investmentbanken. Aber auch kleinere haben sich vollgesogen mit Papieren, die sich später als Giftmüll herausstellten. Landesbanken dachten, sie müssten beim großen Geschäft mitmischen. Aber mit Steuergeld darf das nicht sein.LN: Wie bewerten Sie die Rolle der HSH Nordbank?Schmidt: Ich habe diese Bank nicht speziell verfolgt. Aber generell ist überhaupt nicht einzusehen, dass Landesbanken permanent mit Steuergeld gerettet werden. Wenn sie kein funktionierendes Geschäftsmodell haben, ist es vielleicht an der Zeit, sie aufzulösen.LN: In Deutschland ist die Angst vor einer Inflation sehr groß. Wie bewerten Sie die Gefahr?Schmidt: Kurz- bis mittelfristig sehe ich keine Gefahr. Da haben wir eher Deflationsgefahr, aber davon spricht hier niemand. Die Inflationsangst wird von Populisten geschürt und gnadenlos ausgenutzt.LN: Wann werden wir die Krise überwunden haben?Schmidt: Das weiß ich nicht, meine Kristallkugel ist nicht besser als Ihre. Aber wir müssen das packen. Ein Auseinanderbrechen der Währungsunion hätte auch politisch katastrophale Folgen. Dann würde auch die EU zerbröseln, und das würde ohne Zweifel Deutschland angelastet, ob zu Recht oder nicht.

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Ein Thunfisch hat sich in der Nacht zum Samstag in das Netz eines Ostsee-Fischers verirrt.

21.10.2012

Der Gesamtverband Schleswig-Holsteinischer Häfen fordert einen höheren Stellenwert der Häfen in der Landespolitik.

21.10.2012

– Angestellte des Lübecker Faltschachtelwerkes legen Arbeit für 24 Stunden nieder.

20.10.2012