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Wirtschaft im Norden Betriebe verzweifelt: 1142 Lehrstellen offen
Nachrichten Wirtschaft Wirtschaft im Norden Betriebe verzweifelt: 1142 Lehrstellen offen
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22:16 10.09.2013
Koch-Nachwuchs bei den Landesmeisterschaften in Wismar: Gerade in den Gastronomie-Berufen sind zum Start des Ausbildungsjahres noch viele Stellen offen. Quelle: Foto: Jens Büttner
Grevesmühlen

Das neue Ausbildungsjahr nimmt langsam Fahrt auf. Die Mitglieder der Kreishandwerkerschaft Nordwestmecklenburg haben auch schon mehr als 100 neue Lehrverträge abgeschlossen. Trotzdem sind die Unternehmen unzufrieden. „600 unserer 2000 zugehörigen Handwerksbetriebe könnten Auszubildende einstellen. Doch die Realität sieht anders aus“, sagt Antje Lange, Geschäftsführerin der Kreishandwerkerschaft. Der Nachwuchs komme nicht wie erhofft in die Betriebe.

Die Gründe: Häufig sei die Qualifikation der Bewerber nicht den Anforderungen entsprechend. „Ausbildungsfirma und Azubis passen oft nicht zueinander. Häufig haben sich die Jugendlichen zu spät informiert“, schätzt Antje Lange ein. Dabei, so betont sie, sehe es auf dem Arbeitsmarkt derzeit blendend für Neueinsteiger aus.

Händeringend werden zum Beispiel Anlagenmechatroniker und Elektroniker gesucht. „Es sind anspruchsvolle technische Berufe. Hier die Stellengesuche abzudecken, ist derzeit unmöglich“, berichtet die Geschäftsführerin.

Dirk Heyden, Geschäftsführer der Agentur für Arbeit Schwerin, unterstrich gestern in der Grevesmühlener Malzfabrik diese Einschätzung. „Unternehmen haben Probleme, Nachwuchs zu gewinnen“, sagte Heyden. Ende August gab es in Westmecklenburg nach Erkenntnissen der Agentur 1142 freie Ausbildungsplätze. Andererseits suchten 576 potenzielle Lehrlinge noch eine Ausbildungsstelle. Während in den Betrieben vornehmlich Stellen im Hotel- und Gastrobereich oder in technischen Berufen frei sind, suchen Schulabgänger eher eine Ausbildung im Handel oder im Büro. Um diesen Gegensatz zu beheben, seien alle gefordert. „Beruforientierung ist eine gesellschaftliche Aufgabe“, sagte Heyden.

Der Kasache Alexey Sengileyev hat bereits Erfolg gehabt. Der 26-Jährige Wahl-Grevesmühlener trat am 2. September seine Lehre zum Elektriker an, obwohl er in Kaschastan bereits eine Ausbildung in dieser Branche erfolgreich abgeschlossen und im Beruf gearbeitet hat. „In Deutschland wird der Abschluss aber nicht anerkannt“, erklärt Karsten Joost, Chef der gleichnamigen Elektrofirma in Grevesmühlen. Der 35-Jährige entschied sich unter fünf Bewerbern für den seit acht Jahren in Deutschland lebenden Kasachen und ist zufrieden mit seiner Wahl. „Wir hatten fünf Bewerber, Alexey und einen weiteren Bewerber habe ich zum Vorarbeiten eingeladen. Mit Alexey haben wir einen Glücksgriff getan. Er wusste aufgrund seiner vorherigen Ausbildung schon viel und passt bestens in unser 14-köpfiges Team“, meint Karsten Joost. Auch Alexey Sengileyev ist froh, dass er die Lehre antreten konnte. Nach einer 7000 Kilometer langen Busfahrt von Kasachstan nach Deutschland war er zunächst als Teilezurichter beschäftigt, damit aber nicht zufrieden und entschied sich, die Elektrikerlehre noch einmal zu machen. „Elektrik ist mein Hobby. Das macht mir Spaß“, erzählt er.

Dreieinhalb Jahre dauert die Ausbildung, Alexey kann sie aufgrund seiner Vorkenntnisse möglicherweise früher beenden. „Ich empfehle jedem Lehrling, der das vor hat, sich nach zwei Jahren zu entscheiden, ob er sich den Stoff des letzten halben Jahren selbst aneignen kann und verkürzen will. Schließlich muss die Prüfung bestanden werden“, erzählt Karsten Joost, der zugleich Fachgruppenleiter des Landesinnungsverbandes ist.

Die gefragtesten Lehrstellen in Westmecklenburg
Diese Lehrstellen sind gefragt:

1. Kaufmann/-frau im Einzelhandel   162

2. Verkäufer/-in   157

3. Bürokaufmann/-frau   105

4. Medizinische/r Fachangestellte 104

5. Fachlagerist/in   81

Zahlen: Bewerber Diese Azubis wollen die Betriebe:

1. Koch/Köchin   164

2. Restaurantfachmann/-frau   144

3. Kaufmann/-frau im Einzelhandel   135

4. Hotelfachmann/-frau   113

5. Bürokaufmann/-frau   89

Zahlen: Gemeldete offene Stellen

Hesse: Land in der Pflicht
Beim Thema Berufsorientierung hat Landrätin Birgit Hesse (SPD) die Landesregierung in die Pflicht genommen. „Ich sehe es als große Verantwortung des Landes, sich Gedanken zu machen, wie der Übergang von der Schule in den Beruf gestaltet werden soll“, sagte Hesse gestern in der Grevesmühlener Malzfabrik eingangs der Jugendkonferenz zum Praxislerntag Nordwestmecklenburg. Die Landrätin knüpfte ihre Aufforderung gleichzeitig an eine entsprechende Finanzierung durch das Land. Hintergrund ist, dass die Kreisverwaltung mit der Stelle Regionales Übergangsmanagement (RÜM) seit drei Jahren das Netzwerk zwischen Schulen, überbetrieblichen Bildungsträgern und Betrieben koordiniert. Die Förderung des Projektes RÜM durch den Bund läuft Ende September aus. Der Kreis selbst hat offenbar keine Mittel dafür.

Ein Ergebnis des RÜM ist der Praxislerntag, ein Konzept, dass die Vermittlung von Schulabgängern in Ausbildungsstellen kreisweit koordinieren soll. In drei Arbeitsgruppen werteten gestern die Teilnehmer der Jugendkonferenz den bisherigen Verlauf des Konzeptes aus. Die Ergebnisse, etwa eine stärkere Einbeziehung der Eltern, sollen nun eingearbeitet werden, unabhängig davon, ob RÜM überlebt.ron

Maik Freitag und Robert Niemeyer

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