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Wirtschaft im Norden Bringt Stormarnerin den NC zu Fall?
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18:11 05.10.2017
Wohl dem, der einen Medizin-Studienplatz ergattert hat: Auf einen Platz kommen in Deutschland derzeit mehr als fünf Bewerber. Quelle: Foto: Grubitzsch/dpa
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Karlsruhe/Lübeck

Von Kindesbeinen an war es ihr sehnlichster Wunsch: Ärztin werden. Die heute 27 Jahre alte Frau aus dem südlichen Kreis Stormarn tat auf der Schule alles für ein prima Zeugnis. Am Ende stand die Abinote von 2,0. Ein guter Abschluss, aber zu schlecht, um irgendwo in Deutschland Humanmedizin studieren zu können. Denn dafür bedarf es eines Einser-Abis, idealerweise mit der Überflieger-Note 1,0.

Gestern verhandelte das Bundesverfassungsgericht (BVG) in Karlsruhe den Fall der jungen Stormarnerin, gemeinsam mit der gleichgelagerten Klage eines 26-jährigen Rettungssanitäters aus Hamburg (Az. 1 BvL 3/14 und 4/14). Bekommen die Kläger Recht, dass der Numerus clausus (NC) nicht das wesentliche Zulassungskriterium sein darf, könnte die bisherige Praxis des Auswahlverfahrens kippen.

Die 27-jährige Klägerin möchte sich nicht selbst äußern. Sie hat ihrer Hamburger Anwältin Stefanie Nießen erlaubt, ihre Geschichte zu erzählen. Nießen erinnert sich: „Die Klägerin war gerade 21 Jahre alt, als sie völlig verzweifelt vor mir stand.“ Ihr ganzes Leben habe sie auf die Medizin ausgerichtet. Die Wartezeit auf einen Studienplatz hatte sie inzwischen mit einer Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin überbrückt. „Ich fand es sympathisch, dass sich die Frau nicht zu schade war, als Krankenschwester zu arbeiten“, sagt Nießen. Die Stormarnerin habe sich gefreut, Menschen helfen zu können. Doch ihren Traum vom Arztberuf wollte sie auch nach vier Wartesemestern noch nicht aufgeben. Um sofort zugelassen zu werden, braucht man in 14 von 16 Bundesländern die Abinote 1,0.

Im Fach Humanmedizin drängen sich derzeit bundesweit 62 000 Bewerber auf knapp 11000 Ausbildungsplätze. 20 Prozent der Studienplätze werden nach Abiturnote vergeben, 20 Prozent an Bewerber, die lange genug gewartet haben, der Rest wird in einem Auswahlverfahren direkt an den Hochschulen verteilt – bei dem die Abiturnote ebenfalls eine große Rolle spielt.

Nießen klagte auf Wunsch ihrer Mandantin gegen fünf deutsche Universitäten, darunter die Lübecker Uni und die CAU in Kiel. Außerdem klagte Nießen für ihre Mandantin gegen die Stiftung für Hochschulzulassung in Dortmund, das ist die frühere ZVS. Sie ist für die bundesweite Vergabe der Studienplätze in den Fächern Humanmedizin, Tier- und Zahnmedizin und Pharmazie verantwortlich. Die für die Zentralvergabestelle zuständigen Richter sitzen am Verwaltungsgericht Gelsenkirchen. Sie halten erreichte Wartezeiten von 15 Semestern, die die Regelstudienzeit (zwölf Semester) überschreiten, für verfassungswidrig.

 „Ein Glücksfall für uns“, sagt Nießen. „Und weil die Verwaltungsrichter unseren Fall so eindrucksvoll fanden, fragten sie an, ob sie ihn dem Bundesverfassungsgericht vorlegen dürfen.“ Von ihrer Mandantin habe sie ein Ja bekommen, sagt die Anwältin. Die Stormarnerin absolvierte unterdessen noch eine Weiterbildung zur Fachpflegekraft für Intensivpflege und Anästhesie. Die Anwältin wertet das als Beleg für den eisernen Willen der jungen Frau, in der Medizin zu bleiben.

Seit gestern beschäftigt sich nun der erste Senat des Bundesverfassungsgerichts mit dem Numerus clausus. Es geht dabei im Kern um die Frage, ob das Auswahlverfahren mit dem grundgesetzlich verbürgten Recht auf freie Wahl des Berufes und Ausbildungsplatzes sowie dem Gleichheitsgrundsatz vereinbar ist. „Ich erwarte, dass das Gericht den NC in Humanmedizin kippt. Das Urteil dürfte dann eine Signalwirkung für andere Fachbereiche entfalten“, sagt Nießen.

 Der Vorsitzende des Ersten Senats am BVG, Ferdinand Kirchhof, fragte gestern eingangs der Verhandlung, ob die Abiturnote in einem föderal differenzierten Schulsystem überhaupt aussagekräftig sei.

Ein Fingerzeig. Bis zur Urteilsverkündung können erfahrungsgemäß einige Monate vergehen.

Lübeck vergibt Bonuspunkte

Die Universität Lübeck bietet jedes Wintersemester 190 Plätze in der Humanmedizin an. Im hochschuleigenen Auswahlverfahren werden Bewerber auf Basis ihrer Abiturnote zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen und können sich verschiedene „Bonierungen“ anrechnen lassen. So lässt sich die Abinote etwa durch den Abschluss einer Ausbildung in einem medizinischen Beruf um 0,4 aufbessern.

Außerschulische Leistungen können die Note um 0,2 verbessern. Insgesamt ist eine maximale Verbesserung der Abinote um 1,0 möglich.

 Curd Tönnemann

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