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Das Pils, das „flenst“

Flensburg Das Pils, das „flenst“

Vor 175 Jahren wurde in Böhmen das erste Pils gebraut. Bis heute ist die Biersorte ein Renner – auch in der Flensburger Brauerei, der größten in Schleswig-Holstein, macht Pils immer noch den größten Anteil am Absatz aus.

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Braumeister Michael Seip (54) hat sich eine Probe vom Kellerbier gezwickelt. Es ist noch ungefiltert und etwas bitterer als das Endprodukt.

Flensburg. „Eigentlich ist in der Brauerei ja Alkoholverbot.“ Braumeister Michael Seip (54) schaut etwas schuldbewusst, während er den silbernen Probierkrug unter den Zwickel hält, mit dem er die Probe abzapft.

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Vor 175 Jahren wurde in Böhmen das erste Pils gebraut. Bis heute ist die Biersorte ein Renner – auch in der Flensburger Brauerei, der größten in Schleswig-Holstein, macht Pils immer noch den größten Anteil am Absatz aus.

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Doch das frisch gebraute Bier, noch ungefiltert, müsse nun einmal verkostet werden, erklärt der „Flens“-Experte, der an der Bier-Universität Weihenstephan studiert hat. Das trübe, sogenannte Kellerbier, mit weniger Kohlensäure, schmecke etwas bitterer als das Endprodukt, stellt Seip fest und nimmt einen Schluck. „Die Qualität ist einwandfrei.“ Seip ist zufrieden. „Früher zwickelten wir ab und zu am Wochenende, wenn die Produktion nicht lief“, sagt der Braumeister. Das Alkoholverbot im Betrieb sei erst wenige Jahre alt. Noch in den 80er Jahren hätten die Arbeiter in den Gärkellern regelmäßig konsumiert. Das aber sei nun Geschichte.

Irgendwie schade, denn es riecht überall verführerisch nach Bier in den heiligen Hallen der norddeutschen Bierkultur, das durch den Werbespruch „das flenst“ bekannt ist. Bis hinaus auf die Straße weht der Odem des Gerstensaftes. Seit 1888 wird hier gebraut, von Anfang an vor allem Pils. Und das Rezept, schwört Seip, hat sich seit 1888 nicht geändert. Die Zutaten nach dem Deutschen Reinheitsgebot von 1516 ohnehin nicht.

Dennoch schmecke das Flens, dessen Markenzeichen der klassische „Plop“-Verschluss ist, heute etwas anders als noch vor einigen Jahren. „Es war früher etwas bitterer“, erinnert sich der Brauer. Das Pils werde nun etwas höher vergoren als früher. Trotzdem müsse es vollmundig bleiben. „In Sachen Bitterkeit sind wir immer noch der Marktführer.“

Herb und würzig soll das Flens sein. Wesentliche Zutaten seien „Küstengerste“, die nur aus dem Norden stamme und das einmalige Flensburger Gletscherwasser. „Das ist an die 6000 Jahre alt“, weiß der Braumeister. Das Nass aus der „Gletscherquelle“ komme aus 240 Metern Tiefe und sei absolut unbelastet von modernen Umwelteinflüssen. Allerdings, gibt er zu, beziehe ganz Flensburg sein Trinkwasser aus diesem Reservoir. Fehlt noch der Hopfen – der wächst in der bayerischen Hallertau, einem der wenigen Anbaugebiete weltweit.

Im Sudhaus der Brauerei werden die Inhaltsstoffe zum „Flens“ gemischt. In großen Kupferkesseln schäumen Gerstenmalz und Wasser bei 50 Grad Wärme vor sich hin. Seip: „Eine Hamburger Mälzerei liefert uns das fertige Gerstenmalz.“ Es gibt helles Malz für helle Biere, dunkleres und geröstetes für dunkle Biere. „Das Malz mahlen wir und setzen das Quellwasser zu.“ Zucker und Eiweiß werden so abgebaut. 90 Minuten dauert es, bis die „Maische“ die gewünschte Zusammensetzung erreicht hat.

Es folgt das „Läutern“. Die Maische läuft durch einen Filter, Fette, Gerbstoffe und auch die Spelzen der Gerste bleiben hängen: „Treber“, der an das Vieh verfüttert wird. Was zu Bier weiterverarbeitet wird, ist die geklärte „Würze“.

Diese wird in einem dritten Arbeitsschritt mit Hopfen versetzt und eine Stunde lang gekocht. „Vor 1000 Jahren stellten die Brauer fest, dass der Hopfen das Bier haltbarer macht“, sagt Seip, der jetzt die alten Granitstufen zum Braukeller hinabsteigt.

Nun muss die Würze gekühlt werden. Im Gär- und Lagerkeller wird sie zur Alkoholbildung mit Hefe versetzt. Eine Woche dauert der Prozess, bei einer Temperatur von 14 Grad. Durch Trübungsmessungen wird die richtige Hefekonzentration ermittelt. Im Pilskeller landet das Bier dann in acht riesigen Tanks. Jeder ist 15 Meter hoch, hat einen Durchmesser von fünf Metern und fasst 400000 Liter.

Das ist genau die Menge, die alle zwanzig Stunden produziert wird. Neben den Tanks stehen auch die silbernen Probier-Humpen. Jeden Tank müssen die Brauer abschmecken und entscheiden, ob der Inhalt freigegeben wird. Noch dreimal wird gefiltert, dann landet das Endprodukt in 1000-Hektoliter-Tanks und noch einmal werden Proben genommen, diesmal für das Labor.

Am Ende steht die Abfüllanlage. Stolz steigt Seip zu einem Balkon hinauf, unter dem die „Flens“-Flaschen auf Laufbändern vorbeirattern. „Unsere Märklin-Eisenbahn“, freut sich der Braumeister. Zehn Millionen Euro habe die moderne Abfüllanlage gekostet, die 40000 Flaschen in der Stunde reinigt und befüllt. Eine zweite Anlage für 35000 Flaschen steht eine Halle weiter. Seit 2015 seien 25 Millionen Euro in die Modernisierung der Abfüllung gesteckt worden, bemerkt Seip und winkt einem Arbeiter grüßend zu. Sechs Männer mit Mützen und Schürzen beaufsichtigen die Maschinen.

„Insgesamt hat die Brauerei mehr als 200 Mitarbeiter. Wir produzieren im Jahr 550000 Hektoliter Bier“, erklärt Flensburger-Sprecherin Sara Sausmikat-Theilen (39). 16 Sorten werden heute produziert, vom Pils bis zum „Radler“. Sogar Flensburger Wasser mit „Plop“-Verschluss gibt es. Neu im Sortiment sind seit Februar zwei Craft-Biere, hergestellt unter anderem mit englischer Ale-Hefe oder slowenischem Aromahopfen, wie Sausmikat-Theilen mitteilt. „Läuft sehr gut. Die ersten 600 Hektoliter waren gleich verkauft.“ 70 Prozent des Absatzes aber mache nach wie vor das Pils aus. „Unsere beliebteste Biersorte.“ Den 175. Geburtstag des Verkaufsschlagers habe die Brauerei trotzdem nicht besonders gefeiert. „Das Pils hat bei uns jeden Tag Geburtstag.“

Von Marcus Stöcklin

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