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Das Zittern um die großen Firmen

Lübeck Das Zittern um die großen Firmen

Die befürchtete Abwanderung der Schwartauer Werke entfacht die Debatte neu: Welche Standortfaktoren braucht eine Stadt, um attraktiv für große Unternehmen zu bleiben.

Die Absicht der Schwartauer Werke, ihren Stammsitz mitsamt Hunderter von Mitarbeitern zu verlassen, hat die Debatte neu entfacht.

Quelle: Olaf Malzahn

Lübeck. Eine weitsichtige Planung, sagt die IHK zu Lübeck. Ein attraktives Lebensumfeld und Hilfsangebote beim Aufbau von Netzwerken, erklärt Lübecks Wirtschaftsförderer Dirk Gerdes. Einen Bürgermeister, der einen lieb hat, heißt es bei Dräger, dessen Abwanderung aus der Hansestadt vor Jahren im letzten Moment abgewendet wurde. Einen Flughafen, dem nicht die Abwicklung droht, sagt Euroimmun- Chef Winfried Stöcker. Kein staatliches Fördergefälle zwischen zwei benachbarten Bundesländern, meint der Kieler Wirtschaftsminister Reinhard Meyer (SPD).

Fangen wir damit an: Siedeln sich große Unternehmen in Mecklenburg-Vorpommern an, kann ihre Investition mit maximal 15 Prozent staatlich gefördert werden. In Schleswig-Holstein sind es fünf Prozentpunkte weniger. Konsequenz sind Schlagzeilen vom ewigen Bruderzwist. Sie lauten dann etwa: „Upahl gegen den Rest der Welt“. Upahl liegt in Mecklenburg-Vorpommern, unweit von Lübeck hinter der Landesgrenze. 22 Betriebe mit 1177 Arbeitsplätzen hat Lübeck seit der Wiedervereinigung an Kommunen in Nordwestmecklenburg verloren. Schon 1991 ging die Dräger-Tochter Tescom nach Selmsdorf, Dassow ging die Anker Fisch- und Feinkostfabrik ins Netz. Ladenbau Weimann zog 1994 von Lübeck nach Selmsdorf und nahm 130 Mitarbeiter mit. Hansano (heute Arla), 1900 in Lübeck als Hansa-Milch gegründet, eröffnete 1995 sein Werk in Upahl (450 Mitarbeiter). Zuletzt wanderte 2014 der Lübecker Maschinenbauer Rono nach Selmsdorf ab.

Gehen demnächst die Schwartauer Werke (800 Mitarbeiter) in den Osten? Das Unternehmen will in der Nähe der Sieben Türme Lübecks bleiben. Doch auch Schönberg (Nordwestmecklenburg) ist nah und hat seinen Hut in den Ring geworfen. Der Kieler Wirtschaftsminister Reinhard Meyer verspricht: „Wir machen uns stark dafür, dass die Schwartauer Werke in Schleswig-Holstein bleiben, stehen deshalb im engen Kontakt mit dem Unternehmen und der Wirtschaftsförderung.“ Verschiedene Optionen würden gerade geprüft. Sein Amtskollege in Schwerin ist längst hellhörig geworden.

Was können Städte und Gemeinden tun, um Firmen zu halten, die mit einer Abwanderung drohen? „Klare Signale aussenden“, hieß es in der Lübecker CDU, als der Weltkonzern Dräger vor sechs Jahren damit drohte, die Hansestadt zu verlassen. 1700 Arbeitsplätze standen auf dem Spiel. Am Ende beschloss die Bürgerschaft, die Finkenstraße für das Unternehmen zu opfern und Dräger städtische Flächen zur Verfügung zu stellen. Das Wichtigste aber sei die Zusage von SPD-Bürgermeister Bernd Saxe gewesen, für die Expansion in weniger als einem Jahr Baurecht zu schaffen, sagt Sprecherin Melanie Kamann.

Die Grünen sprachen uncharmant von einem „Wettbewerb im Füßeküssen“.

Vor vier Jahren drohte Euroimmun-Chef Winfried Stöcker damit, Lübeck zu verlassen, wenn der Flughafen in Blankensee abgewickelt werden sollte. Euroimmun ist ein weltweit agierender Hersteller von Labordiagnostika. Stöcker sah das Land in der Pflicht, zwei Millionen Euro jährlich möge Kiel bitte für den Airport zuschießen. Wirtschaftsminister Meyer reiste aus Kiel an, versprach gar nichts, regte stattdessen eine Beteiligung der regionalen Wirtschaft an. Die Lage stellt sich bis heute nicht anders dar. Oder doch? Dem insolventen Flughafen droht die Schließung. Mit 500 Mitarbeitern und einem Teil seiner Produktion ist Stöcker schon in die 4000-Seelen-Gemeinde Dassow gezogen. Jetzt sagt Euroimmun-Sprecherin Johanna Fraune: „Ohne den Flughafen würde eine Expansion unseres Unternehmens, falls nötig, nicht unbedingt in Lübeck stattfinden.“ Eine konkrete Planung gebe es jedoch nicht.

Um Unternehmen für eine Neuansiedlung zu gewinnen, seien immer seltener harte Standortfaktoren ausschlaggebend, sondern immer häufiger weiche Faktoren, die den Mensch betreffen, erläutert Lübecks Wirtschaftsförderer Dirk Gerdes (KWL). „Die Unternehmen achten darauf, dass ein Standort ein attraktives Lebensumfeld bietet.“ Grundvoraussetzung allerdings: Es müsse am Ort ein Potenzial an qualifizierten Arbeitskräften vorhanden sein. Obendrein müsse es Firmen leicht gemacht werden, Netzwerke knüpfen zu können, etwa über Kooperationen zu Hochschulen. Oberzentren wie Lübeck sieht Gerdes deshalb im Vorteil gegenüber ländlichen Räumen.

„Immer bedeutsamer wird die Verfügbarkeit eines vielfältigen Gewerbeflächenangebots, das Unternehmen ausreichende Entwicklungsmöglichkeiten bietet“, betont Rüdiger Schacht, Vize-Hauptgeschäftsführer der IHK zu Lübeck. Weitsicht also. Hat Bad Schwartau diese Aufgabe verkannt?

Von Curd Tönnemann

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