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Wirtschaft im Norden Das lange Warten auf den Handwerker
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07:56 31.07.2017
Maurergeselle Jörg Friese von der Firma Frank Zingler verfugt in Bad Schwartau einen Fenstersturz neu. Quelle: Fotos: Ulf–kersten Neelsen

Die Mitarbeiter der Lübecker Firma Elektro Haaker sind im Dauerstress. „Wir kommen mittlerweile nicht mehr hinterher, die Aufträge abzuarbeiten“, sagt Geschäftsführer Joachim Kegel. Drei Monate müssten Kunden zurzeit bei kleineren Anliegen auf einen Termin warten, bei größeren Aufträgen seien sie sogar bis Ende des Jahres ausgebucht.

Sechs bis zehn Wochen sind normal – Viele Firmen haben volle Auftragsbücher – Fachkräfte fehlen.

Ähnlich sieht es bei vielen Handwerksbetrieben im Norden aus. Vor allem im Bau- und Ausbaugewerbe seien sechs bis zehn Wochen Wartezeit momentan normal, sagt Anja Schomakers, Sprecherin der Handwerkskammer Lübeck. Auch im Elektrohandwerk sei die Nachfrage enorm. Der Grund sei die anhaltend gute Konjunktur gepaart mit dem Fachkräftemangel. „Viele Firmen haben volle Auftragsbücher und sind an der Grenze ihrer Kapazitäten“, sagt Schomakers. „Sie würden gerne mehr Mitarbeiter einstellen, aber das geht nicht, da der Markt leergefegt ist.“

Das bestätigt auch Joachim Kegel. 21 Mitarbeiter zählt Elektro Haaker aktuell. Diese seien bereit, Mehrarbeit zu leisten, um die vielen Aufträge abzuarbeiten. So werde inzwischen auf Wunsch der Kunden auch mal abends bis 22 Uhr sowie sonnabends gearbeitet. „Die Mitarbeiter fahren auf 120 Prozent“, sagt er. Irgendwann sei aber der Punkt erreicht, wo es nicht mehr gehe. „Wir könnten mindestens zwei Personen mehr gebrauchen.“ Diese seien aber einfach nicht zu bekommen.

Viele Kunden hätten Verständnis für die Situation – aber nicht alle. „Manche probieren dann, herumzutelefonieren, um einen anderen Handwerker zu finden“, sagt Kegel. „Nach 15 Minuten rufen sie dann wieder bei uns an und nehmen doch den Termin in drei Monaten, weil es woanders auch nicht besser aussieht.“

Die Auslastung sei sehr hoch, bestätigt Maurermeister Frank Zingler aus Travemünde. Die Ferienzeit verstärke die Situation noch. Zwei bis drei seiner 18 Mitarbeiter fehlten in den kommenden Wochen jeweils urlaubsbedingt – und das mache sich stark bemerkbar. „Mehr dürften nicht weg sein, sonst könnten wir die Auftragslage nicht bewältigen“, sagt der 54-Jährige. Drei bis vier Wochen müssten Kunden zurzeit auf einen Termin warten. Das Geschäft laufe schon seit einiger Zeit gut, aber dieses Jahr habe es sich noch mal hochgeschaukelt, sagt er. „Wir sind an der Obergrenze der Belastung.“

Auch Christina Wichelmann- Meyer, Maler- und Lackierermeisterin aus Lübeck, muss im Moment große organisatorische Herausforderungen bewältigen. Von den 28 Mitarbeitern der Willi Berderow GmbH fehlten zurzeit sieben wegen Urlaub oder längerer Krankheit. „Das ist schon heftig“, sagt sie. Zuletzt habe sie zwei Kunden absagen müssen, weil sie keine freien Kapazitäten mehr hatte. „Das tut einem in der Seele weh, aber wir wollen unsere Zusagen ja auch einhalten“, sagt Wichelmann-Meyer. Inzwischen seien bei ihr erst ab Oktober wieder Termine zu bekommen.

Auch bei den anderen Handwerksbetrieben in Lübeck sei die Auftragslage gut, sagt die stellvertretende Kreishandwerksmeisterin. Und die Stimmung ebenfalls. „Wir stöhnen ja auf hohem Niveau“, betont Wichelmann-Meyer. „Andersherum, wenn die Aufträge ausbleiben würden, wäre es für uns alle viel, viel schlimmer.“

Es gebe aber nach wie vor auch Unternehmen, die kurzfristig Aufträge realisieren könnten, sagt Anja Schomakers. Zudem seien nicht alle Bereiche des Handwerks gleichermaßen betroffen.

„Einen Friseurtermin zu bekommen und beim Bäcker die Brötchen ist auch weiterhin kein Problem“, sagt Schomakers. Auch Notdienstarbeiten würden trotz allem von den Betrieben immer noch im vollen Terminkalender dazwischengeschoben – etwa wenn ein Kunde einen Wasserschaden hatte und die Dusche danach wieder eingebaut werden muss. „So etwas geht natürlich vor“, sagt Maurermeister Frank Zingler. „Die Menschen müssen ja wieder duschen können.“

Branche erwartet weiterhin gute Konjunktur

Die meisten Betriebe in Schleswig-Holstein glauben, dass sich die gute konjunkturelle Lage in den kommenden Monaten fortsetzt. Das ist das Ergebnis der jüngsten Konjunkturumfrage der Handwerkskammer. 22 Prozent der Unternehmen erwarten demnach sogar noch eine Verbesserung der Geschäftslage im laufenden dritten Quartal, nur sechs Prozent gehen von einer Verschlechterung aus.

Rund ein Viertel der Betriebe erwartet steigende Umsätze.

56 Prozent der Befragten bewerteten ihre Geschäftslage im zweiten Quartal als „gut“. Im Bauhauptgewerbe (60 Prozent „gut“) sowie im Ausbaugewerbe (67 Prozent „gut“) sind die Werte besonders hoch. Im Vergleich zum Vorquartal verzeichnete das Handwerk einen leichten Anstieg der Umsatz- und Auftragseingangszahlen. Der Kammerbezirk Lübeck blickt sogar auf das bisher beste zweite Quartal eines Jahres seit Jahren zurück.

Janina Dietrich

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