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Der Abgas-Skandal feiert Geburtstag

Wolfsburg Der Abgas-Skandal feiert Geburtstag

Es war ein bis dahin unvorstellbarer Absturz für Volkswagen – und wie sich später zeigte: für die gesamte erfolgsverwöhnte Autobranche. Mit einem Schlag wurde die vielgerühmte deutsche Ingenieurskunst in Frage gestellt. Vor fast zwei Jahren kam der Abgas-Skandal ins Rollen.

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Verkehrsminister Alexander Dobrindt (l.) und VW-Vorstand Herbert Diess in einer VW-Werkstatt.

Quelle: Foto: Nietfeld/dpa

Wolfsburg. Selbstbewusste Manager wurden entthront, Anwälte und Verbraucherschützer bliesen zum Angriff auf die erschütterte Industrie-Ikone VW, Arbeitsplätze bei VW wurden gestrichen, viele Leiharbeiter mussten gehen. All das ist „Dieselgate“. Und doch ist es nur die halbe Wahrheit. Denn „Dieselgate“, die Enthüllung millionenfacher Abgasmanipulation an VW- Dieselmotoren im Herbst 2015, brachte eine Wende, an die bei VW bis dahin so recht vermutlich niemand geglaubt hatte – eine Wende nicht nur in Sachen Unternehmenskultur, sondern vor allem hin zum Elektroauto. Seit „Dieselgate“ wird die E-Mobilität akzeptiert und ernst genommen, während die viel beschworene Technik der Zukunft zuvor eher als „Alibi“ eingesetzt wurde, wie Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer sagte.

Der tiefe Fall änderte also alles für VW – im Nachhinein wird man aber möglicherweise sagen: nicht nur zum Schlechteren.

Was war passiert? Die Umweltbehörden in den USA geben am 18. September 2015 bekannt, dass es bei Abgasmessungen von VW-Modellen nicht mit rechten Dingen zugegangen sei. Zu dem Zeitpunkt scheint VW auf dem Zenit, will größter Autobauer der Welt werden und Toyota ablösen. Am 20. September 2015 endet die Rekordfahrt im größten Crash der Konzerngeschichte. Die bis dahin so selbstbewussten Wolfsburger müssen „Manipulationen“ an ihren Dieselmotoren einräumen. Am 23. September fegt der Skandal Vorstandschef Martin Winterkorn aus dem Amt. VW im Ausnahmezustand – und noch immer dauert die Aufarbeitung an, noch immer fährt VW wie die Branche im Modus der „Gefahrenabwehr“, wie Experte Stefan Bratzel sagt.

Sicher ist: Deutschlands größter Industriekonzern befindet sich weiter auf einer Gratwanderung. VW stellt mit dem 2020 startenden Elektro-Hoffnungsträger ID und seinen Ablegern eine ganz neue Modellfamilie aufs Gleis, hat verstanden, wie wichtig Digitalisierung und Mobilitätsdienstleistungen sind – und geht auch kühn voran mit der 13. Konzernmarke Moia, die etwa Shuttle-Dienste anbieten soll. Gleichzeitig müssen die Verbrennungsmotoren weiterentwickelt werden, was Milliarden verschlingt. Außerdem muss VW Milliardenkosten für die „Dieselgate“- Folgen schultern, Ermittlungen an vielen Fronten hinnehmen und Vertrauen zurückgewinnen.

Und all das, während die Krise eine ganze Branche erfasst: „Im Prinzip hat sich die Abgasaffäre zu einer generellen Diesel-Affäre weiterentwickelt“, urteilt Bratzel. Sogar Fahrverbote in mehreren Städten sind im Gespräch – der schmutzigen Dieselfahrzeuge wegen, die auf der Straße weitaus mehr Stickoxid ausstoßen als bei Tests auf dem Prüfstand. Und das betrifft nicht mehr nur Volkswagen. Um dem Dilemma zu entkommen, lässt sich VW auf eine wahre Rabattschlacht ein und bietet Besitzern alter Diesel Preisnachlässe von bis zu 10000 Euro – wenn sie einen Euro-6-Neuwagen von VW oder Audi kaufen.

Zwar hat sich vermutlich niemand vorstellen können, welches Ausmaß die Krise annehmen würde. Aber zwei Jahre nach Bekanntwerden des Skandals ist auch klar: Der Wolfsburger Autoriese muss und will sich neu erfinden.

Dabei hatte die Belegschaft bereits eine echte Kröte schlucken müssen: Der „Zukunftspakt“, dem Betriebsratschef Bernd Osterloh nach langem Ringen mit VW-Markenchef Herbert Diess zustimmte, ist bei allen notwendigen Ausgaben für Innovationen vor allem eines: ein Sparprogramm, das unter anderem den Wegfall von weltweit bis zu 30 000 Jobs vorsieht – aber ohne betriebsbedingte Kündigungen. Dafür sollen Tausende Jobs in Zukunftsfeldern entstehen.

Tatsächlich wird der Umstieg auf Elektroautos einer Studie zufolge in den kommenden Jahren Zehntausende Arbeitsplätze in der Branche kosten – die gleichzeitig fortschreitende Digitalisierung der Fahrzeuge könnte den Verlust aber in großen Teilen auffangen. Dudenhöffer geht davon aus, dass Volkswagen seine Marktposition stabilisieren wird – und sieht den Autoriesen auch beim Elektroauto alles andere als abgehängt: „Es ist ein offenes Rennen.“ Daher geht er davon aus, dass es keine großen Entlassungswellen geben wird.

Dennoch wird VW die Geister der Vergangenheit vermutlich so schnell nicht los, nicht nur, weil es neben Schadenersatzklagen auch strafrechtliche Ermittlungen gibt. Es geht um möglichen Betrug und Marktmanipulation. Sondern auch, weil VW sich vor allem in Deutschland den Unwillen seiner Kunden zugezogen hat. Die Marktanteile sinken nach Dudenhöffers Angaben.

Während die VW-Kernmarke mit Golf, Passat und Co. Anfang 2015 auf einen Marktanteil von 24,5 Prozent kam, waren es im vergangenen August noch 17,2 Prozent.

Sind das günstige Bedingungen für einen glaubwürdigen Neuanfang? „Vertrauen gewinnen Sie nicht über Nacht“, gibt Dudenhöffer zu bedenken. Bratzel betont, die Krise sei ein Katalysator für die Entwicklung der Elektromobilität, ohne sie hätte man möglicherweise nicht so schnell die nötige Kraft aufgebracht, meinte er: „Das war ein Riesen-Wachmacher.“

VW auf deutschem Markt schwächer

Im August hat der VW- Konzern trotz der anhaltenden Diesel-Debatte insgesamt ein Verkaufsplus erzielt. Auf dem Heimatmarkt Deutschland gab es allerdings erneut einen Dämpfer. Dort lieferte der Konzern 2,4 Prozent weniger Fahrzeuge aus als vor einem Jahr, teilte der Konzern mit. Im Juli lag der Rückgang bei 5,9 Prozent. Weltweit steigerte VW die Auslieferungen im August um 8,0 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat auf 820 000 Fahrzeuge, im bisherigen Jahresverlauf bauen die Wolfsburger das Plus damit auf 2,0 Prozent aus. Nach acht Monaten hat VW 6,8 Millionen Autos verkauft.

„Dieselgate“-Chronologie

18. September 2015: Das US-Umweltamt EPA teilt mit, VW habe eine Software eingesetzt, um Abgaswerte von Dieselautos zu fälschen.

25. September: Der VW-Aufsichtsrat beruft nach dem Rücktritt von Martin Winterkorn Porsche-Chef Matthias Müller zum Konzernchef.

8. Oktober: Razzia bei VW. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig lässt Büros in Wolfsburg und an anderen Orten durchsuchen.

15. Oktober: Das Kraftfahrt-Bundesamt ordnet einen Pflichtrückruf aller VW-Dieselautos mit Betrugs-Software an. In ganz Europa müssen 8,5 Millionen, in Deutschland 2,5 Millionen Wagen in die Werkstatt.

22. April 2016: Der Abgas-Skandal brockt dem Volkswagen-Konzern für 2015 mit 1,6 Milliarden Euro den größten Verlust aller Zeiten ein.

25. Oktober: US-Rechtsstreit um VW-Dieselwagen mit 2,0-Liter-Motoren: Kunden, Behörden, Händler und US-Bundesstaaten sollen mit 16 Milliarden Dollar entschädigt werden.

8. Dezember: Die EU-Kommission sieht massive Mängel bei der Aufarbeitung des Abgas-Skandals und geht wegen mutmaßlicher Verletzung europäischen Rechts unter anderen gegen Deutschland vor.

11. Januar 2017: VW und das US-Justizministerium verständigen sich in einem Vergleich auf eine Zahlung von 4,3 Milliarden Dollar.

17. Mai: US-Rechtsstreit um VW-Dieselwagen mit 3,0-Liter-Motoren: Ein Zivilrichter billigt einen Vergleich, nach dem sich VW zur Zahlung von 1,2 Milliarden Dollar an Kunden verpflichtet.

Software-Lieferant Bosch soll 327,5 Millionen Dollar zahlen.

31. Mai: Es wird bekannt, dass die VW-Tochter Audi in Europa unzulässige Abgas-Software verwendet hat.

10. Juli: Die Stuttgarter Staatsanwaltschaft nimmt wegen möglichen Abgasbetrugs auch Mitarbeiter der VW-Tochter Porsche ins Visier.

2. August: VW kündigt Software-Updates für vier Millionen Diesel an.

Thomas Strünkelnberg

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