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Der Markt für E-Zigaretten boomt

Lübeck Der Markt für E-Zigaretten boomt

Viele Raucher entdecken E-Zigaretten zunehmend als Alternative. Doch: Der gesundheitliche Nutzen ist umstritten.

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Andreas Marx (55) testet bei Heike Roks (56) im Lübecker „Dampfkontor“ verschiedene Dampf-Geschmacksrichtungen.

Quelle: Fotos: Lutz Roeßler

Lübeck. Die beleuchteten Vitrinen stehen voller bunter Gerätschaften und nicht minder farbenfroher Fläschchen. „Strawberry Dream“, „Blue Alien“ oder „Pink Mamba“ steht darauf; andere nennen sich „Desert Safari“ oder ganz schlicht „Vanille“. „Inzwischen gibt es auf dem Markt wohl so an die zehntausend verschiedene Geschmacksrichtungen“, erklärt Muhammed Özkaya, der zusammen mit seinem Bruder Dursan Ali den „Lübecker Liquid Shop“ an der Königstraße betreibt — ein Spezialgeschäft für die stetig wachsende Gemeinde der „Dampfer“.

Der Handel mit Dampf-Geräten und Liquids, also den Flüssigkeiten, mit denen der Dampf erzeugt wird, boomt: Nachdem 2010 bundesweit nur fünf Millionen Euro erwirtschaftet wurden, stieg der Gesamtumsatz der Branche im Jahr 2015 mit 270 Millionen Euro praktisch um das 54-fache, sagt Philip Drögemüller, Sprecher des Verbandes des E-Zigarettenhandels (VdeH) in Seevetal. Inzwischen existieren in der Bundesrepublik rund 30 mittelständische Betriebe und mehr als 200 Kleinunternehmen, die sich auf den Vertrieb von Dampfer-Utensilien spezialisiert haben. Und die Zielgruppe ist groß. „Die E-Zigarette hat ein großes Potenzial, weite Teile der heute noch 17 Millionen Tabakraucher zum Umstieg auf eine wesentlich weniger schädliche Alternative zu bewegen“, glaubt Drögemüller.

BGH-Urteil bringt Unruhe

Einen Nackenschlag hat der noch jungen Branche jetzt allerdings ein Grundsatzurteil des Bundesgerichtshofs versetzt, der den freien Verkauf nikotinhaltiger Liquids kurzerhand für illegal erklärt hatte. Denn nach Auffassung der Richter seien die Liquids als Tabakprodukte zu werten. Und die dürfen nach geltender Rechtslage nicht mit Aromen oder anderen Zusatzstoffen versetzt werden. Der VdeH zeigt sich aber gelassen. Zwar habe das Urteil „für viel Unruhe“ bei den Händlern gesorgt. Praktische Konsequenzen würde es aber nicht mehr haben, da schon Ende Mai die EU-Tabakrichtlinie auch in der Bundesrepublik Gesetz werde, die den Verkauf von nikotinhaltigen Liquids ausdrücklich gestatte.

Die Kritik an den E-Zigaretten dürfte nicht so schnell verhallen. Denn ob der Dampf so unschädlich ist, wie es die Branche betont, ist stark umstritten. Während einige Mediziner überzeugt sind, dass allein durch den wegfallenden Verbrennungsprozess einer herkömmlichen Zigarette ein positiver Effekt eintritt, verweisen andere auf fehlende Langzeitstudien. Bisher ist weitgehend unerforscht, was die Inhaltsstoffe der Liquids im Körper anrichten (siehe unten).

„Natürlich ist ganz ohne besser — das gilt auch für die E-Zigarette“, sagt Händler Dursan Ali Özkaya. „Harmlos“ sei das Dampfen keineswegs. Bei ihren Kunden handele es sich aber nahezu ausschließlich um starke Tabakraucher, die bereits der Nikotinsucht verfallen seien. „Und viele berichten uns, dass es ihnen weit besser geht, seit sie auf die E-Zigarette umgestiegen sind. Sie bekommen wieder besser Luft, sind fitter — und stinken auch nicht mehr nach Rauch“, erzählt der 34-Jährige, der selbst früher bis zu 40 Zigaretten am Tag rauchte. Vereinzelt kämen zwar auch Nichtraucher, die die Vielfalt der Geschmäcker reize. „Denen raten wir ausdrücklich davon ab.“ Das Angebot richte sich daher ausschließlich an Raucher, die eine günstigere Alternative suchen oder von ihrer Sucht loskommen wollten.

Andreas Marx, Kunde im Lübecker „Dampfkontor“, ist vom Raucher inzwischen ebenfalls zum Dampfer geworden. Bis Silvester habe er noch gut 20 Filterlose am Tag geraucht. Mit E-Zigarette sei er jetzt auf zwei Stück runter. „Mir ging es beim Umstieg gar nicht so sehr um die Gesundheit, sondern um den Geschmack, der einfach vielfältiger ist“, sagt der 54-Jährige. „Aber seit ich damit angefangen habe, sehe ich auch die anderen Vorteile. Es ist billiger — und es riecht besser.“

Neue Regeln ab Mai

Vorschriften, die Hersteller einhalten müssen, existieren derzeit allerdings so gut wie nicht. Mit Inkrafttreten der EU-Tabakrichtlinie in Deutschland beginnt sich das zu ändern: So werden unter anderem die Nikotin-Konzentration auf 20 Milligramm pro Milliliter beschränkt, Kindersicherungen an Fläschchen und Geräten vorgeschrieben und das Werbeverbot für Tabak auf E-Zigaretten ausgeweitet.

Unter das Nichtraucherschutzgesetz fallen die E-Zigaretten allerdings nicht. Deshalb darf — jedenfalls theoretisch — auch in Gaststätten gedampft werden. Stefan Scholtis, Landesgeschäftsführer des Hotel- und Gaststättenverbandes, bestätigt das. „Eine gesetzliche Regelung gibt es nicht, und auch wir geben da keine Empfehlung ab. Ob in ihren Räumen gedampft werden darf oder nicht, können die Betreiber ganz allein entscheiden.“

Erstes Patent 1963

E-Zigarette: Das ursprüngliche Konzept für eine rauch- und tabakfreie Zigarette wurde bereits 1963 von dem Amerikaner Herbert A. Gilbert patentiert. Der Chinese Hon Lik entwickelte daraus 2003 die heutige Version, die es inzwischen in etlichen Größen und Leistungsstärken gibt.

E-Liquid: Die Flüssigkeit, die in E-Zigaretten verdampft wird. Sie besteht meist aus Propylenglykol, Glycerin und für die Lebensmittelherstellung zugelassenen Aromen. Liquids sind in verschiedenen Nikotin-Konzentrationen und auch ohne Nikotin erhältlich.

Verdampfer: Das zentrale Element einer E-Zigarette. Der Verdampfer besteht aus einem mit Watte umwickelten Heizdraht. Das Liquid wird von der Watte aufgesogen und verdampft.

DREI FRAGEN AN . . .

Dr. Klaas F. Franzen, Lungenarzt im UKSH

1Wie schädlich ist der Genuss von E-Zigaretten?

Die Datenlage dazu ist noch sehr inkonsistent. Einen Nachweis, dass der Dampf aus E-Zigaretten Tumore auslösen kann, gibt es derzeit zwar nicht — allerdings auch keinen für das Gegenteil. Mit belastbaren Aussagen ist voraussichtlich erst in drei bis fünf Jahren zu rechnen. Während aber in Großbritannien die wissenschaftliche Meinung vorherrscht, dass der Dampf von E-Zigaretten nur fünf bis zehn Prozent der Schädlichkeit einer Tabakzigarette besitzt, ist die Forschung in Deutschland wegen der geringen Daten mit derlei Aussagen zurückhaltend.

2 Würden Sie Rauchern zu einer Umstellung auf die E-Zigarette zur Entwöhnung raten?

Ich werde das oft gefragt. Zwar ist es richtig, dass die Verbrennugsprodukte, wie sie beim Rauch einer Zigarette entstehen, im Dampf von E-Zigaretten nicht in derselben Art und Weise vorhanden sind. Wegen der noch fehlenden Erkenntnisse, welche Schadstoffe beim Erhitzen von Liquids entstehen, lässt sich die Frage nach der Schädlichkeit aber, wie gesagt, nicht beantworten.

Das gilt auch für die passive Aufnahme. Insofern ist auch keine fundierte Antwort auf die Frage möglich, ob E-Zigaretten ein gutes Mittel zur Rauchentwöhnung sind.

3 Was wünschen Sie sich als Mediziner von der Politik?

Es bedarf einer Regulierung des Marktes. Bisher gibt es weder für Dampf-Geräte noch die Liquids einheitliche Regeln und Standards über Bauweise und Inhaltsstoffe. Das muss sich ändern. Interview: Oliver Vogt

Oliver Vogt

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