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Der Souffleur auf der Brücke

Travemünde Der Souffleur auf der Brücke

24 Lotsen begleiten Schiffe die Trave entlang in den Lübecker Hafen – Da ist Fingerspitzengefühl gefragt.

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Marcus Meyer (46), Obmann der Lotsenbrüderschaft NOK II für den Bezirk Trave, begleitet bis zu 350 Schiffe pro Jahr.

Quelle: Fotos: Lutz Roeßler

Travemünde. Die Travetonne ist der Treffpunkt. 3,5 Seemeilen vor der Nordermole in Travemünde steuert das orangerote Lotsenboot backbords an die „Finnmill“ heran. Ab jetzt übernimmt Marcus Meyer die Revierfahrt der stolzen Frachtfähre in den Lübecker Hafen hinein. Der 46-Jährige ist einer von 24 Lotsen im Bereich der Trave. Da ist Fingerspitzengefühl gefragt.

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24 Lotsen begleiten Schiffe die Trave entlang in den Lübecker Hafen – Da ist Fingerspitzengefühl gefragt.

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Denn viele Schiffe, die in Travemünde einlaufen, sind für die Fahrwasserrinne recht groß.

An der sogenannten Bunkerpforte wird Meyer vom Wachoffizier in Empfang genommen. Von dort geht es etliche Stufen hoch zur Brücke. Oben wird er von Kapitän Kent Dahl (50) mit einem freundlichen Händedruck und einem Becher Kaffee empfangen. „Das ist eine gute Kooperation hier, ich kenne die Lotsen gut“, erklärt der Schwede, der fast wöchentlich in Lübeck einläuft. Diesmal werden Papierrollen, Holz, Zellulose und Lkw transportiert. „Man begegnet sich auf Augenhöhe“, meint Meyer. Schließlich haben sie beide dieselbe Ausbildung.

Eingangsvoraussetzung für die Lotsenausbildung ist das Kapitänspatent. Das gebe doppelte Sicherheit.

Derweil hat sich der Lotse per Funk bei der Verkehrszentrale gemeldet. „Es ist kein Schiff unterwegs“, berichtet Meyer. An der Grünen 1, der ersten Fahrwassertonne zur Rechten, sind wir im Fahrwasser. „Da haben wir Vorfahrt“, erklärt er. Mit 15 Knoten (knapp 30 Stundenkilometer) geht es Richtung Travemünde, direkt auf das Maritim zu. Man orientiere sich an den Fahrwassertonnen, und auch an der Richtfeuerlinie an Land. Es gibt auch elektronische Seekarten und ein Radarbild. „Aber technische Systeme haben Grenzen“, betont Meyer. Es gelte immer, alle Eindrücke miteinander zu vergleichen. In Kiel habe es vor einiger Zeit einen Zusammenstoß zweier Schiffe gegeben, weil beide Steuerleute nur auf ihre elektrische Seekarte, aber nicht aus dem Fenster geschaut hatten.

Haarscharf schiebt sich die 187 Meter lange und 26,5 Meter breite „Finnmill“ am weiß-grünen Leuchtfeuer auf der Nordermole vorbei. Passanten winken. Mit knappen Worten gibt Meyer dem philippinischen Seemann Jorge Antigo, dem sogenannten Rudergänger, auf Englisch den Kurs vor. „Damit wir um die Mole herumkommen, müssen wir mit mindestens 15 Grad pro Minute drehen“, weiß Meyer.

„Ich souffliere an Bord.“ Der Kapitän lehnt sich derweil in seinem Chef-Sessel zurück. Manche Kollegen etwa von Kreuzfahrern seien aber auch recht angespannt, hat Meyer beobachtet. „Es handelt sich meist um Einzelanläufe, das ist aufregend für sie.“

Für die Arbeit des Lotsen braucht es viel Erfahrung. „Das Schiff lässt keine Fehler zu.“ Der Wasserweg habe eine dritte Dimension. Schiffe bewegten sich eben nicht in einem festen Element, zu bedenken seien unter anderem die Strömungsverhältnisse am Schiff. In der Pötenitzer Wiek scheint die Sonne grell von vorn, die Farben der Fahrwassertonnen sind kaum zu erkennen. „Aber ich weiß genau, wo ich bin“, sagt Meyer, der seit 2009 als Lotse auf der Trave arbeitet.

Rund 350 Lotsungen macht er pro Jahr. Schließlich muss in Travemünde jedes Schiff, das länger ist als 60 Meter und breiter als zehn Meter, einen Lotsen nehmen. Die Kosten liegen zwischen 250 und 800 Euro – je nach Größe des Schiffes und Länge der Fahrt. Gearbeitet wird in 24-Stunden-Diensten. Dabei fallen im Schnitt vier Fahrten an. Anschließend gibt es 24 Stunden frei, danach 24 Stunden Bereitschaft.

Hinter der Großen Holzwiek, der größten Bucht in der Trave, wird es immer schmaler. „Da reduziert sich die aufsummierte Bewegungsbreite auf 35 Meter.“ Ein Schiff, das der „Finnmill“ entgegenkommt, darf also nur noch höchstens neun Meter breit sein. Inzwischen ist die Geschwindigkeit auf zwölf Stundenkilometer gedrosselt. Auch das kann schwierig werden: „Bestimmte Schiffe brauchen eine gewisse Geschwindigkeit, um gut und sicher fahren zu können“, erklärt Meyer. Ein kleines Segelboot hält auf den finnischen Frachter zu. Der Kapitän lässt das Schiffshorn ertönen. Der Segler kreuzt hektisch – und dreht ab. „Wenn 300 Meter vorm Bug etwas passiert, hat man wenig Möglichkeiten, etwas zu machen.“ Das werde in der Freizeitschifffahrt oft vergessen.

Nach rund neun Kilometern und eineinhalb Stunden kommt der Zielpunkt in Sicht. In Siems übernimmt der Kapitän wieder die Steuerung. Kapitän Dahl steuert die RoRo-Fähre zentimetergenau an ihren Platz am Lehmannkai 2. Derweil bestellt Meyer mit dem Handy schon sein Taxi. Auf dem Weg zur Lotsenstation kann er sich zurücklehnen.

Nachwuchssorgen

850 Seelotsen etwa regeln den Schiffsverkehr auf Nord- und Ostsee sowie dem Kanal. Doch es droht ein Mangel: Denn jährlich gehen rund 40 Lotsen in den Ruhestand, gleichzeitig sinkt die Zahl der Bewerber. In diesem Jahr wurden nur 180 Anfänger an den Seefahrtsschulen gezählt. Davon steigen am Ende aber erfahrungsgemäß nur 20 Prozent in die Seefahrt ein.

Mit einer Reform der Ausbildung will die Bundesregierung nun gegensteuern. Das geht aus einer Antwort des Verkehrsministeriums auf eine Anfrage der Grünen-Bundestagsabgeordneten Valerie Wilms hervor. Im Seelotsgesetz sollen die Einstellungskriterien geändert werden. Danach sollen künftig auch Schulabgänger direkt nach dem Abitur mit der Ausbildung beginnen können – ohne vorherige Qualifikationen.

Julia Paulat

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