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Wirtschaft im Norden Die Ära der Gratis-Tüten geht zu Ende
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10:52 10.02.2016
Noch sind Plastik-Einkaufstüten insbesondere in Bekleidungsgeschäften kostenfrei. Quelle: Fotos: Dpa/l. Modrow
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Lübeck

Bianka Flindt arbeitet im Einzelhandel und kennt die Gewohnheiten der Kunden: „Viele nehmen kostenlose Plastiktüten gern mit, aber wenn sie etwas kosten, sagen sie: ,Dann nehme ich keine‘“, erzählt die 34-Jährige.

Diese Beobachtung hat auch der Einzelhandelsverband gemacht und hat deshalb mit dem Bundesumweltministerium eine Vereinbarung geschlossen, der viele Unternehmen hierzulande freiwillig zustimmen: Ab dem 1. April sollen 60 Prozent der Plastiktüten in den Geschäften etwas kosten. Ziel ist es, den Plastiktüten-Konsum zu reduzieren.

Denn nach einer Vorgabe der Europäischen Union soll der Verbrauch bis 2025 auf 40 Taschen pro Einwohner im Jahr sinken — bisher liegt die Zahl bei durchschnittlich 71. „Wir wollen dazu beitragen, dass die Verschmutzung der Landschaft und der Meere unterbunden wird“, sagt Hans-Martin Bohac, Umweltreferent des Handelsverband Nord. Denn die Plastiktüten verstopften besonders die Mägen der Meereslebewesen, auch würden umweltschädliche Zusatzstoffe wie Weichmacher freigesetzt werden.

Bei der jetzigen Vereinbarung sollen Händler den Preis ihrer Kunststoff-Tragetaschen aus Wettbewerbsgründen selbst festlegen. „Jedoch soll die Betragshöhe schon so relevant sein, dass die Kunden in den meisten Fällen auf die Plastiktüte verzichten und sich möglicherweise eigene Behältnisse mitbringen oder auf andere Materialien ausweichen“, sagt Bohac.

Doch dass das nicht immer möglich ist, merken manche Einzelhändler auch an. „Papiertüten werden bei uns nicht unbedingt akzeptiert“, sagt Jan Drescher, Geschäftsführer vom Bürobedarf-Anbieter Heinrich Hünicke in Lübeck. „Viele Produkte sind wasserempfindlich und müssen entsprechend geschützt werden.“

Er unterstütze aber den Vorstoß und gehe deshalb einen Kompromiss ein: Wenn schon Plastiktüten in den Umlauf gebracht werden, dann solche aus recyceltem Material, die mehrfach verwendet werden können. Demnächst wolle Hünicke auch wieder Papiertüten einführen — wenn möglich solche, die regenabweisend und ökologisch vertretbar sind. „Das ist aber wie eine eierlegende Wollmilchsau“, sagt Drescher. „Sehr schwer zu finden.“ Immerhin habe man die Innen- und Außenverpackungen beim Direkthandel schon ganz auf Karton umgestellt und auf Plastik verzichtet.

Generell müsse sich der Einzelhandel neu überlegen, wie er seine Waren verpacke, meint Olivia Kempke vom Lübeck Management (LM). Zwar sei sie „ein großer Fan“ von den wiederverwertbaren Leinenbeuteln, aber nicht jedes Produkt würde dort sinnvoll hineinpassen. „Wenn man beispielsweise ein Parfum oder einen teuren Kaschmir-Pullover kauft, möchte man, dass diese Waren auch schön verpackt werden“, sagt die LM-Geschäftsführerin. „Der Service ist wichtig für das Einkaufserlebnis, das den stationären Einzelhandel vom Online-Handel unterscheidet.“ Auch würden viele Geschäfte ihre Taschen als Marketingfläche nutzen, was letztlich wichtig für den Erhalt des Innenstadthandels und der Einkaufspassagen sei. Kempke: „Aber aus billigem Plastik müssen sie ja nicht sein.“

Lena Modrow

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