Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Wirtschaft im Norden Die Datenfestung des UKSH
Nachrichten Wirtschaft Wirtschaft im Norden Die Datenfestung des UKSH
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:02 03.04.2017
Uta Knöchel im Serverraum. Ein Petabyte Daten kann hier gespeichert werden – das entspricht 400 000 Stunden Film in HD-Qualität. Quelle: Foto: Lutz Roessler
Lübeck

Unerwartet laut und kühl ist der Ort, an dem im Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) buchstäblich alle Drähte zusammenlaufen. Die Lüftung ist schuld, denn die vielen Computer müssen gekühlt werden. Es ist nur ein unscheinbarer Raum, in dem sich die Technik des sechs Millionen Euro teuren Rechenzentrums befindet, aber jeder einzelne der mehr als 13 000 Mitarbeiter an den Standorten Lübeck und Kiel ist in seinem Job darauf angewiesen, dass diese Technik funktioniert. Noch mehr sind es die Patienten.

Dass sie wie eine Festung gesichert ist, zeigt, wie wichtig die digitale Infrastruktur im Krankenhaus heute ist: Für den Zutritt muss mehrfach ein Identitätsnachweis erbracht werden, die Computer sind hinter Gittern eingeschlossen. „Und selbst wenn mich jemand kidnappt, haben wir ein genaues Notfall-Szenario, damit es hier keine Eindringlinge gibt“, sagt Uta Knöchel. Sie leitet die Stabsstelle Informationstechnologie, ist die Herrin der Computer am UKSH.

Gesichert gegen Hochwasser, Erdbeben, Feuer

Stolz erklärt sie, wie ihre Technik mit Hochwasserschutz, Brandschutztüren und Gaslöschanlage für alle Eventualitäten gesichert ist.

Sollte der Strom ausfallen, springen Notstrom-Generatoren ein: „Die versorgen uns für mehrere Stunden bis Tage.“ Und selbst die Minuten, die die Generatoren zum Hochfahren brauchen, werden durch zahlreiche Batterien überbrückt.

Dazu stehen noch ein baugleicher Raum nebenan und ein „Desaster-Rechenzentrum“ außerhalb des Gebäudes zur Verfügung. Die superschnellen Datenleitungen zum UKSH-Campus in Kiel, dessen IT-Dienstleistungen Lübeck mit übernimmt, sind auf zwei Trassen verteilt – falls eine ausfällt.

Digitalisierung der Patientendaten läuft bereits

Warum ist das Rechenzentrum so wichtig? Die Digitalisierung schreitet auch in Krankenhäusern immer weiter voran. Ein zentrales Projekt ist dabei die Einführung der elektronischen Patientenakte. Darin wird alles gespeichert: Hat der Patient eine Allergie? Welche Medikamente hat er heute bereits eingenommen? Jeder Arzt, ganz egal ob Spezialist oder Allgemeinmediziner, soll damit Ergebnisse seiner Kollegen zügig abrufen können – seien es Röntgenbilder, Laborergebnisse, Befunde oder Diagnosen.

Damit der Arztbrief nicht mehr per Post verschickt werden muss, unterstützt das UKSH das med.netz.nord, die Telematikplattform Schleswig-Holstein. Damit sind die elektronischen Arztbriefe sekundenschnell beim niedergelassenen Arzt. Auch überflüssige Untersuchungen sollen dadurch seltener werden.

„In acht Fachbereichen läuft das bereits“, sagt Uta Knöchel, aber es würden ständig weitere Bereiche dazukommen. Wichtig sei, dass der Patient selbst über seine Daten bestimme, betont sie: „Jeder Patient wird heute bereits nach seiner Einwilligung gefragt.“

„Big Data“ krempelt die Medizin um

Die Digitalisierung der Patientendaten ist aber auch für die Forschung wichtig. Der Trend „Big Data“ ist in der Medizin angekommen, und der Standort Lübeck soll ganz vorne mit dabei sein. Der Begriff steht für eine Auswertung von großen Datenmengen durch Algorithmen oder Software mit Künstlicher Intelligenz (KI). Die Daten werden genutzt, um die Anfälligkeit eines Menschen für bestimmte Krankheiten zu ermitteln.

Ein Beispiel: Herr Müller soll ein Medikament bekommen. Doch was ist mit Nebenwirkungen? Die „Big Data“-Analysten haben Daten von sehr vielen anderen Patienten zur Verfügung, die das entsprechende Medikament bereits bekommen haben. Welche von diesen Patienten haben die Nebenwirkungen bekommen oder sprechen besonders gut auf ein bestimmtes Medikament an – und inwiefern stimmen zum Beispiel ihre genetischen Eigenschaften mit denen von Herrn Müller überein? Am Ende soll mit Hilfe dieses sich rasch entwickelnden Gebietes der sogenannten „Pharmakogenomik“ eine individuelle Wahrscheinlichkeit stehen, ob die Nebenwirkungen auch bei Herrn Müller eintreffen, und ob ein anderes Medikament für ihn geeigneter oder wirksamer wäre. Bei manchen Tumorerkrankungen werden bereits heute Therapieentscheidungen auf diese Weise getroffen.

„Dazu gehört auch der Versuch, Varianten im Genom zu finden, die die Wahrscheinlichkeit für bestimmte Erkrankungen wie Parkinson erhöhen können“, sagt Prof. Dr. Christine Klein, die am Institut für Neurogenetik erbliche Grundlagen von neurologischen Erkrankungen erforscht. Dabei greift sie auf die Datenbank „pdgene“ zurück, die ihre Kollegen Prof. Bertram und Dr. Lill entwickelt haben. Begonnen in Harvard, liegt „pdgene“ mittlerweile in Lübeck. „Wir sind hier vorne mit dabei“, sagt Prof. Klein begeistert.

Jeder Patient soll zur Forschung beitragen

„Big Data“ sei eine verheißungsvolle Ergänzung für aufwendige Klinische Studien, findet auch Prof. Dr. Diamant Thaçi, Leiter des Exzellenzzentrums und des Instituts für Entzündungsmedizin am UKSH in Lübeck. „Wir versuchen, damit eine maßgeschneiderte Therapieoption für Patienten zu finden“, sagt er. In einem Pilotprojekt gehe es um Schuppenflechte – denn wer darunter leidet, hat auch ein Risiko, Gelenkentzündungen (Psoriasis-Arthritis) oder auch Begleiterkrankungen wie zum Beispiel Diabetes, Bluthochdruck oder Übergewicht zu bekommen. Mit „Big Data“ will Prof. Thaçi für jeden einzelnen Patienten herausfinden, ob er eine genetische Veranlagung zu solchen Begleiterkrankungen hat: „Denn dann muss auch die Schuppenflechte ganz anders behandelt werden.“

Das funktioniert aber erst, wenn Patienten nicht nur von „Big Data“ profitieren wollen, sondern ihre Daten auch der Forschung zur Verfügung stellen. Viele Menschen hätten die Bereitschaft dazu, dass ihre Daten für solche Zwecke verwendet werden, sagt Thaçi, „wenn man den Patienten Nutzen und Risiken gut auseinandersetzt.“

Aber wie sieht es denn mit den Risiken aus? Können meine Versicherung, mein Arbeitgeber oder meine Freundin herausfinden, welche Krankheiten ich später unter Umständen mal bekommen werde? „Die Daten sind pseudonymisiert“, sagt Thaçi. Das bedeutet, dass jeder Patient eine Identifikationsnummer bekommt. Die Daten geben also nicht direkt preis, um wen es sich handelt.

„Nicht mal ich könnte einen Datensatz einer dieser klinischen Studien mit dem dazugehörigen Namen verbinden“, sagte Uta Knöchel. Die entsprechenden Listen befänden sich bei Treuhandstellen, die nicht im UKSH sind.

Was möchte der Patient überhaupt über sich wissen?

Das Thema stellt die Ärzte aber auch vor schwierige ethische Fragen. Wenn ein Arzt etwa bei einer Magnetresonanztomographie (MRT) durch Zufall einen Hirntumor beim Patienten findet, dann muss er ihm das mitteilen. Aber dürfen, können, sollen oder müssen Ärzte einem Patienten auch sagen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass er später einmal an Parkinson erkranken wird? „Informationen über Risiko-Gene werden nicht mitgeteilt, da die Angaben zum Risiko im Einzelfall einfach nicht aussagekräftig sind“, sagt Prof. Dr.

Klein. Wenn sich zum Beispiel das Risiko für eine Erkrankung von einem auf zwei Prozent verdopple, dann könnte das unnötige Verunsicherungen beim Patienten auslösen. Anders sei es aber, wenn eine Genmutation gefunden wird, die eine Erkrankung verursachen kann. „Dies ist aber sehr selten der Fall, weil diese Erkrankungen und Genmutationen in der Bevölkerung sehr selten vorkommen“, informiert Prof. Dr. Klein.

Kilian Haller

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!