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Wirtschaft im Norden Dorsch-Krise: Lübecker Gipfel sucht nach Lösungen
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21:33 04.07.2016
Der Forsch ist gefährdet: Von einem Ausfall des gesamten Nachwuchsbestandes 2015 spricht der Internationale Rat für Meeresforschung.

In der „Fisch-Hütte“, Lübecks Imbiss mit dem schönsten Ausblick auf den Museumshafen, sind gerade Dorschwochen. „Ostseedorsch frisch aus der Pfanne“, 14,80 Euro der Teller, und wer möchte, kann sich auch nur das Filet bestellen, gebraten oder im Backteig. Dass einen Windhauch entfernt in den Media Docks zeitgleich eine Art Krisengipfel zur „Zukunft der Ostseefischerei“ stattfindet, ist Zufall und Symbol zugleich. Am Ende der Sitzung wird Till Backhaus (SPD), Landwirtschaftsminister aus Mecklenburg-Vorpommern, sagen: „Ich glaube, das kriegen wir hin.“

Zweieinhalb Stunden hatte man zuvor zusammengesessen, in der anschließenden Pressekonferenz sprach man von einem „harmonischen, konstruktiven“ Beisammensein. Gekommen waren unter anderem Bernhard Friess, Direktor der Generaldirektion Fischerei und Maritime Angelegenheiten der EU-Kommission, und Schleswig-Holsteins Umwelt-Staatssekretärin Silke Schneider. Und alle waren sich einig: Es herrscht eine Krisensituation. Es ist fünf vor zwölf.

Eingeladen zu der in dieser Konstellation erstmalig zusammengesetzten Runde hatte die SPD-Europa-Abgeordnete Ulrike Rodust. Die Dorsch-Bestände sind dramatisch eingebrochen, von einem Ausfall des gesamten Nachwuchsbestandes 2015 spricht der Internationale Rat für Meeresforschung, und mit dem Fisch kämpfen nun die Fischer ums Überleben.

Eine „außergewöhnliche Situation“ konstatierte dann auch Peter Breckling vom Deutschen Fischereiverband. Nichts anderes sagte Gastgeberin Ulrike Rodust. Die Lage sei „dramatisch für den Fisch und die Ostseefischerei“. Vor dem Problem der schlechten Bestandsentwicklung des Dorsches die Augen zu verschließen und wie bisher weiterzumachen, sei aber ebenfalls keine Option. Sie kündigte an: „Wir müssen jetzt gemeinsam nach tragfähigen Lösungen suchen.“

„Hier stehen Existenzen eines gesamten Berufsstandes auf dem Spiel“, mahnte Landwirtschaftsminister Backhaus – und versprach, noch Ende der Woche ein Bundesratsverfahren auf den Weg zu bringen. Er stellte den Fischern vier Millionen Euro aus dem Europäischen Fonds in Aussicht, um ihnen den zeitweiligen Ausstieg aus der Dorschfischerei zu ermöglichen. Eine Reduzierung der Fangquote um 85 Prozent, wie vom Internationalen Rat für Meeresforschung Ende Mai empfohlen, werde es aus seiner Sicht „so nicht geben“.

70 Prozent ihrer Erlöse erzielen allein die Kutter- und Küstenfischer in Mecklenburg-Vorpommern aus der Dorsch- und Heringsfischerei; eine Reduzierung der Quote, so Backhaus, würde im Fangjahr 2016/2017 Verluste in Höhe von 900 000 Euro nach sich ziehen, in Schleswig-Holstein sehen die Zahlen nicht wesentlich besser aus: 46 Fischer hatten bereits 2015 aufgegeben. Das ist auch der Grund, warum Staatssekretärin Silke Schneider ein Nachdenken darüber forderte, „wie man die Lasten auf alle Schultern gleichmäßig verteilen kann“. Eine „gewisse Umverteilung von der Freizeitfischerei zur Erwerbsfischerei“ sei notwendig. Christel Happach-Kasan vom Deutschen Anglerverband allerdings distanzierte sich von einer Limitierung des Fischfangs. „Maßnahmen machen nur Sinn, wenn sie nachvollziehbar und kontrollierbar sind.“

Eine weitere Runde folgt; spätestens Ende September sollen „flankierende Maßnahmen“ zur Fangquote vorliegen. Die endgültige Entscheidung über die Fangmengen im Jahr 2017 wird dann der EU-Ministerrat in seiner Oktobersitzung fällen.

Der „Brotfisch“ im Norden

85 Prozent weniger Dorsch sollen die Fischer fangen, so die Forderung des Internationalen Rates für Meeresforschung. Damit wiederum sind 90 bis 95 Prozent der Küstenfischer-Betriebe in der westlichen Ostsee nach Angaben des Landes-Fischerverbandes bedroht. Dorsch ist als sogenannter Brotfisch die wichtigste Einkommensquelle der Fischer auf den mehr als 400 Kuttern und Booten in Schleswig-Holstein.

 Marion Hahnfeldt

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