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Dürfen wir jetzt kein Bier mehr trinken?

Kiel Dürfen wir jetzt kein Bier mehr trinken?

Umweltinstitut weist Pflanzenschutzmittel in 14 getesteten Sorten nach — Bauernpräsident: Pure Panikmache.

Sind Hopfen und Malz verloren? Zum 500. Geburtstag des deutschen Reinheitsgebots gerät die Reinheit von Bier in die Schlagzeilen.

Quelle: dpa

Berlin. „Für eine gesundheitlich bedenkliche Menge müsste man 1000 Mass Bier trinken.“ Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) versuchte gestern den Befürchtungen wegen Glyphosats im Bier mit einem Scherz zu begegnen. Doch solch eine Menge, 1000 Liter, schaffe nicht mal ein Bayer, meinte der Oberfranke augenzwinkernd.

In der Kieler Landesregierung ist man dagegen nicht zu Witzen aufgelegt, wenn es um Glyphosat geht. „Wir finden immer wieder Rückstände in Lebensmitteln und Gewässern. Daran sollten wir uns nicht gewöhnen. Pestizidrückstände gehören da einfach nicht hin“, sagte Umwelt- und Landwirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) gestern. Die geplante Verlängerung der Zulassung des umstrittenen Herbizids durch die EU sehe er daher skeptisch. Habeck lässt derzeit eine mögliche Steuer auf Pflanzenschutzmittel prüfen.

Seit 2009 wurden im Landeslabor 361 Proben auf Glyphosat untersucht. In elf Prozent der Fälle konnte ein Rückstand bestimmt werden — überwiegend bei Hülsenfrüchten und Ölsaaten.

Das Umweltinstitut München, ein Verein, der sich für gentechnikfreies Essen und ökologischen Landbau einsetzt, hatte Glyphosat jetzt bei den 14 meistgekauften deutschen Biersorten nachgewiesen. Die Werte der bei dem Test gefundenen Spuren des Unkrautvernichters lagen zwischen 0,46 (Augustiner Helles) und 29,74 Mikrogramm (Hasseröder Pils) pro Liter. Dazwischen rangierten Franziskaner Weißbier (0,49), Beck‘s (0,50), Bitburger Pils (0,55), Paulaner Weißbier (0,66), Erdinger Weißbier (2,92), Krombacher (2,99), König Pilsener (3,35), Oettinger Pils (3,86), Veltins (5,78), Radeberger (12,01), Warsteiner (20,73) und Jever (23,04). Im extremsten Fall wird der gesetzliche Grenzwert für Trinkwasser (0,1 µg/l) um das fast 300-fache überschritten. Ins Bier könnte Glyphosat durch Hopfen und Getreide gelangt sein.

Schleswig-Holsteins Bauernpräsident Werner Schwarz hält die Ergebnisse „des grün angehauchten Münchener Instituts“ für pure Panikmache. „Des Bundesbürgers liebstes Getränk wird pünktlich zum 500-jährigen Jubiläum des deutschen Reinheitsgebots madig gemacht“, kritisierte er. Für die Landwirtschaft sei Glyphosat ein wichtiger Wirkstoff, der hauptsächlich nach der Ernte eingesetzt wird. Die Bauern im Norden gingen sehr behutsam damit um. Abhängig von der Konzentration des Mittels würden anderthalb bis drei Liter Glyphosat pro Hektar eingesetzt. „Deutlich weniger als in anderen Staaten“, beteuert Schwarz. Deutschland habe das weltweit strengste Pflanzenschutzgesetz.

Die Flensburger Brauerei („Flens“), deren Bier nicht im Test war, bleibt gelassen, befürchtet aufgrund der Veröffentlichung keine Umsatzeinbußen. „Wir sind unbeeindruckt von diesen Zahlen“, sagte Brauerei-Sprecherin Sara Sausmikat-Theilen. Der Brauerei-Riese Anheuser-Busch InBev (Beck‘s, Hasseröder) bezeichnete die Testergebnisse als nicht nachvollziehbar und unplausibel. Der Deutsche Brauer-Bund (DBB) ging regelrecht auf die Barrikaden. Der DBB hält die Vorwürfe des Münchner Umweltinstituts für „absurd und völlig haltlos“. Brauereien würden ihre Rohstoffe ausreichend kontrollieren, auch in den vorgelagerten Stufen der Malz- und Hopfenerzeugung sowie bei Hefe und Wasser, erklärte Sprecher Marc-Oliver Huhnholz. Das vom Münchner Institut vorgenommene „Ranking“ von 14 Bieren sei „absolut unseriös“. So gebe das Institut selbst zu, dass seine Untersuchungsergebnisse nur auf einer „kleinen Anzahl von Proben“ beruhten.

Der Deutsche Bauernverband (DBV) erklärte, Glyphosat sei beim Hopfenanbau tabu. Allerdings, so räumte der DBV ein, käme die Hälfte der hierzulande verarbeiteten Braugerste aus Importländern, etwa aus Dänemark — mit weniger strengen Anwendungsbestimmungen. Auch das Bundesinstitut für Risikobewertung sieht die Gesundheit von Biertrinkern nicht gefährdet. Selbst die höchsten gemessenen Werte seien so niedrig, dass eine Aufnahmemenge von Bier unterhalb von 1000 Litern am Tag unbedenklich bleibe. Ungeachtet dessen sieht das Umweltbundesamt „weiteren Forschungsbedarf“.

Ein Unkrautvernichter

Glyphosat ist der weltweit am meisten eingesetzte Wirkstoff in Pflanzenschutzmitteln. In der Landwirtschaft und im Gartenbau wird es vor der Aussaat zur Unkrautbekämpfung verwendet.

Getreide darf in Deutschland unter Auflagen auch vor der Ernte damit behandelt werden. Bundesweit wurden im Jahr 2012 knapp 6000 Tonnen reine Wirkstoffmenge aufgebracht. Dabei werden Glyphosat oft Beistoffe beigemischt, die als noch giftiger gelten.

DREI FRAGEN AN...

1 Warum hat Ihr Institut diesen Test gemacht?

Als Umweltinstitut plädieren wir für eine Landwirtschaft, die ohne diese ganzen Gifte funktioniert. Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln in der Landwirtschaft stellt eine Gefahr für Mensch und Umwelt dar. Es ist euphemistisch, Glyphosat als Pflanzenschutzmittel zu bezeichnen, da seine Funktion ist, alle damit besprühten Pflanzen zu töten. Wissenschaft und Behörden streiten über die Frage, wie gefährlich das Mittel ist. Geld spielt dabei eine große Rolle. Das Mittel ist die Cashcow von einigen wenigen Chemieunternehmen, insbesondere der Firma Monsanto. Damit wird irrsinnig viel Geld verdient.

2 Wo überall wurde das Pflanzenschutzmittel nachgewiesen?

Es ist davon auszugehen, dass mehr als jeder dritte Hektar in Deutschland im Ackerlandbereich jedes Jahr mindestens einmal mit Glyphosat bespritzt wird. Weil es in sehr großen Mengen in der Landwirtschaft zum Einsatz kommt, haben wir den Verdacht, dass es in fast allen Lebensmitteln nachzuweisen ist. Wir haben Hinweise darauf, dass es im menschlichen Urin ist. Es könnte auch im Fleisch sein. Es gab auch einen umstrittenen Fund der Grünen-Bundestagsfraktion in der Muttermilch.

3 Wie weit wurde der Grenzwert im Bier überschritten?

Es gibt keinen Grenzwert für Bier. Es gibt nicht für jedes verarbeitete Lebensmittel einen eigenen Grenzwert. Ansonsten müsste es für Zitronenlimonade, Orangenlimonade jeweils einen eigenen Grenzwert geben und die Verbraucher und der Gesetzgeber würden verrückt werden. Was es gibt, ist ein gesetzlicher Grenzwert bei Pestiziden für Trinkwasser. Der liegt bei 0,1 Mikrogramm pro Liter und gilt auch für Brauwasser. Das heißt, das am meisten belastete Bier aus unserem Test überschreitet den gesetzlichen Grenzwert für Pestizide um das 300-fache. Ein Umstieg auf Bio-Bier ist eine Alternative, da beim Biogetreideanbau zumindest keine chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmittel verwendet werden. otb

Curd Tönnemann und Reinhard Zweigler

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Kommentar zu Glyphosat im Bier
Ein Kommentar von Curd Tönnemann.

In der Diskussion um den Unkrautvernichter Glyphosat, der in 14 deutschen Biersorten nachgewiesen wurde, sollte man die Kirche im Dorf lassen, meint unser Redakteur Curd Tönnemann.

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