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Wirtschaft im Norden Echte Strohhalme aus dem Gefängnis
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18:10 23.06.2018
Die Nachfrage nach Marie-Luise Doblers natürlichen Strohhalmen steigt stetig. Quelle: Foto: Ulf–kersten Neelsen
Lübeck

Der Arbeitsbetrieb für Frauen in der JVA liegt im südlichen Teil des schwer bewachten Gefängnisses. Es ist die zweitgrößte Haftanstalt in Schleswig-Holstein. „Derzeit sind es insgesamt 32 Frauen, die sich im geschlossenen Strafvollzug befinden“, sagt Justizvollzugsbeamter Sven Jansen. Auf dem Weg zu den Arbeitsstätten der Einrichtung geht es durch große, schwer verriegelte Eisentüren vorbei an den Einzelzellen der Inhaftierten. Zwölf der 32 inhaftierten Frauen arbeiten in einem zehn Mal zwölf Meter großen Arbeitsraum und falten Pappschachteln, nähen und sortieren Broschüren. Zwei Frauen sind damit beschäftigt, mit umfunktionierten Astscheren Roggenhalme in verschiedene Größen zu schneiden. Aus ihnen werden die natürlichen Trinkhalme der Firma Strohmi gefertigt, die weltweit gefragt sind.

„Kontinuierlich beobachten wir eine steigende Nachfrage“, sagt Firmeninhaberin Marie-Luise Dobler. Heute verschiffe das Unternehmen die Strohhalme in alle Teile der Welt, unter anderem nach Namibia, in die Malediven und die USA. Ihre Kunden sind exklusive Hotels, Bars, gehobene Gastronomie aber auch ökologisch orientierte Verbraucher. Zwei Millionen Strohhalme produziere sie in diesem Jahr in gemeinnützigen Einrichtungen wie der Vorwerker Diakonie und dem Lübecker Gefängnis. Tendenz steigend, denn „das Umdenken der Menschen sowie die neue EU-Verordnung gegen Plastikmüll kommt der Firma zugute“, sagt Dobler. Eine positive Entwicklung, findet sie, schließlich könne es nicht sein, dass sich die Menschen selbst vermüllen.

Die Roggenhalme für den Trinkgenuss bezieht das Ein-Frau-Unternehmen von einem Bauernhof in Klempau, einer Gemeinde südlich von Lübeck. „Wir haben stets versucht, kurze Transportwege zu gewährleisten und alle Produktionsschritte nah beieinander zu halten. Das ist regional, effizient und ökonomisch“, sagt Dobler. Zudem werden alle Abfälle aus der Produktion als Einstreu für Pferde weiterverarbeitet und der Dünger wieder auf die Felder gebracht. „Wir erzeugen nachhaltige, ökologische Produkte und produzieren keinen Müll“, sagt sie zufrieden. „Es ist ein geschlossener Kreislauf: vom Feld aufs Feld.“

Ein weiterer Grund, weshalb ihre Strohhalme in der JVA produziert werden, sei die Verarbeitung per Hand: „Jeder Roggenhalm ist anders und die Abstände zwischen den Sprossknoten, die wir herausschneiden, variieren. Deshalb sind wir auf Handarbeit angewiesen und können nicht maschinell schneiden“, sagt die gelernte Bauzeichnerin.

Die JVA Lübeck ist bei der Produktion stets ein zuverlässiger Partner – und das seit 2013. Nicht nur das Unternehmen, sondern auch die Inhaftierten profitierten von der Zusammenarbeit, sagt Sven Jansen. „Die Frauen bekommen das Gefühl, dass sie gebraucht werden.“ Außerdem würden die Inhaftierten durch die Arbeitsmöglichkeiten besser resozialisiert. „Das liegt daran, dass sie Kontakt zu anderen Frauen bekommen. Außerdem haben einige unter ihnen noch nie einen festen Arbeitsplatz gehabt. So lernen sie, sich in einem Betrieb einzubringen.“

Von der ewigen Schwarzfahrerin bis hin zur Mörderin – hier arbeiten alle zusammen und Probleme gebe es nur sehr selten, weiß Thorsten Liebe, Justizvollzugsbeamter. „Bei der Entscheidung, welche der inhaftierten Frauen in den Arbeitsstätten arbeiten können, wählen wir nicht nach Straftaten. Uns geht es viel mehr um die individuellen Fähigkeiten“, ergänzt er.

Der Umwelt zuliebe

Laut einer Studie der in Brüssel ansässigen Umweltschutzorganisation Seas at Risk liegt der jährliche Verbrauch in den 28 EU-Ländern bei gut 36 Milliarden Halmen. Rechnerisch nutzt jeder EU-Bürger also 71 Stück pro Jahr.

Mit der EU Verordnung reagiert die EU-Kommission auf das Plastikproblem und will bestimmte Einwegprodukte, unter anderem Trinkhalme, verbieten.

Um selber die Vermüllung zu begrenzen, gründete Marie-Luise Dobler vor 20 Jahren die Firma Strohmi. Bereits seit 1998 zählt das Unternehmen weltweit zu den ersten Anbietern von Naturtrinkhalmen.

„Ich habe mich gefragt, warum man Trinkhalme aus Plastik 'Strohhalme' nennt und sie nicht aus echten Halmen fertigt“, sagt Dobler.

Fabian Boerger

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