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Wirtschaft im Norden Ein Königreich für ein Zimmer
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23:54 21.06.2017
Quelle: Fotos: Felix König
Scharbeutz

Sonne, Meer und Gäste – viele Restaurants haben derzeit alle verfügbaren Tische draußen. Nicoletta Tothova (22) aus Slowenien bedient im schwarzen Dress bei „Rosario“ an der Scharbeutzer Strandpromenade. Sie ist froh, hier zu sein. „Und wir sind froh, dass wir sie haben“, sagt ihr Chef Rosario Gravile (62).

Köche und Servicepersonal sind derzeit Mangelware – auch, weil sie keine Bleibe finden.

Beides ist nicht selbstverständlich. „Es ist schwer, gute Leute zu finden“, meint Rosario. „Und es ist schwer für das Personal, hier an der Küste eine bezahlbare Wohnung zu bekommen.“

Nicoletta, die den Winter in der Heimat und in Österreich verbringt, kam die ersten drei Wochen der diesjährigen Saison bei Rosarios Tochter unter. „Ich habe sie bei mir zu Hause aufgenommen“, bestätigt Silvana Gravile (22). Erst vor wenigen Tagen hat Nicoletta nun etwas Eigenes gefunden. „Ich habe Glück gehabt, es ist eine Wohnung in Scharbeutz, ich habe sie über einen Freund bekommen.“

Nicht billig sei das Appartement, aber es gehe. „Wir zahlen schon über Tarif“, sagt ihr Chef Rosario. „Aber wenn die jungen Leute hier Miete zahlen und davon leben müssen, bleibt nicht viel übrig.“

Viele Gastronomen leisten sich da lieber gleich eine eigene Wohnung, in der sie das Personal unterbringen. Wie Renzo Gava (65), Inhaber des Eiscafés „Da Renzo“ in Scharbeutz. In seiner Personalunterkunft ist Platz für vier Angestellte. „Eigentlich ist es eine Luxuswohnung, bei der Lage“, bemerkt Renzo achselzuckend. „Aber was will man machen.“ Was den Saisonkräften auf dem freien Markt an Wohnraum angeboten werde, sei leider oft beschämend. „Ich kenne ein Beispiel, da teilen sich fünf Leute ein Kellerloch mit Bad. Jeder von ihnen zahlt rund 250 Euro Miete.“

Für Vermieter könne es unangenehm sein, Mieter nur für einige Monate aufzunehmen, zeigt Tung Truong (39), Geschäftsführer des „Café Wichtig“ in Scharbeutz, Verständnis. Nur weil er selbst eine Wohnung anbieten könne, habe er einen neuen Koch gefunden. „Gute Köche zu bekommen ist das Schwierigste überhaupt.“ Sein Küchenchef Thomas Uth (27) stammt aus Magdeburg, arbeitete zuvor in der Schweiz. Wer jetzt in der Saison noch ein Zimmer suche, komme zu spät, glaubt Uth. „Es gibt praktisch keine Angebote mehr, es sei denn ganz teure Wohnungen, die man sich nicht leisten kann.“

Nicht wenige Gastronomen versuchen aufgrund der Probleme, die Küchen- und Servicekräfte möglichst langfristig zu halten. Yvonne Herzberg (50) von Herzbergs Restaurant in Scharbeutz beschäftigt ganzjährig zwölf Mitarbeiter: „Fast alle sind aus der Umgebung, einige kommen aus der Slowakei, leben aber nun hier.“ Für neue Kräfte miete sie selbst Zimmer an.

Das alles sei möglicherweise nicht genug, sagt Markus Dusch, Chef der Agentur für Arbeit Lübeck. Das Hotel- und Gaststättengewerbe müsse Jobs attraktiver machen: Durch familienfreundliche Arbeitszeiten oder finanzielle Anreize. „Die Qualifizierung vorhandenen Personals ist ebenfalls eine interessante Möglichkeit.“

Malamas Kavazis (42), der aus Thessaloniki stammt und in Scharbeutz das Restaurant „Mykonos“ betreibt, winkt ab. Er hat fast nur Mitarbeiter aus Griechenland. „Von der Arbeitsagentur bekommen wir überhaupt niemanden vermittelt.“ Deshalb werbe er die Angestellten in seiner Heimat an: Manche kommen aus benachbarten Dörfern, manche sind Verwandte. Eine Wohnung bekommen sie von Kavazis. Er breitet die Arme aus. „Sonst ginge es nicht!“

 Marcus Stöcklin

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