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Wirtschaft im Norden „Ein Nachfolger ist wie ein Gründer“
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20:53 27.01.2018
Gülten und Jan Bockholdt führen das Lübecker Reinigungsunternehmen seit 2008. Die Bockholdt KG hat 6000 Mitarbeiter. Quelle: Fotos: Ulf-Kersten Neelsen
Lübeck

In der Vorstellung vieler Menschen läuft der Generationswechsel in einem Familienunternehmen doch so ab: Wird der Chef zu alt, übernimmt eines der Kinder. Ist das so einfach?

Jan Bockholdt: Nein, einfach ist das auf keinen Fall, und oftmals geht es auch nicht gut. So ein Wechsel geschieht nicht von heute auf morgen, das vollzieht sich im Idealfall über Jahrzehnte.

Wie stark haben Sie den Druck empfunden, als Sohn vom Chef in das Familienunternehmen einzutreten?

Jan Bockholdt: Gar nicht. Das war meine ganz eigene Entscheidung.

Hätten Sie auch alles andere machen können?

Jan Bockholdt: Mir standen alle Möglichkeiten offen. Aber ich wollte eben Gebäudereiniger werden. Schon immer.

Ihr Vater ist vor drei Jahren verstorben, vor drei Wochen auch Ihre Mutter. Wann sind Sie in die Führung des Unternehmens einbezogen worden?

Jan Bockholdt: Da war ich 25, bummelig.

Und die Übernahme?

Jan Bockholdt: Als mein Vater 65 war, habe ich das Unternehmen von ihm gekauft. Da ist nichts geerbt.

Wie hat Ihr Vater das ertragen können, dass Sie eine andere Strategie eingeschlagen und sich von einigen Firmenzweigen getrennt haben?

Jan Bockholdt: Er war nicht amüsiert.

Gab das nicht Konflikte?

Jan Bockholdt: Das funktionierte, weil wir die Leitung komplett übergeben haben. Der frühere Chef raus, der neue Chef drin – in voller Verantwortung.

Gab es Momente, in denen Sie lieber einen anderen Weg eingeschlagen hätten?

Jan Bockholdt: Überhaupt nicht.

Ist auch denkbar, dass die Nachfolger nicht aus der Familie kommen?

Jan Bockholdt: Klar. Entweder man nimmt einen Geschäftsführer oder eine Geschäftsführerin in die Firma, oder man verkauft an einen Nachfolger.

Was sind Vorteile, was Nachteile?

Gülten Bockholdt: Die Übergabe innerhalb der Familie muss rational gut gelöst werden, aber sie ist vor allem eine emotionale Geschichte. Die Person, die geht, muss ein gutes Gefühl haben, um die Firma respektvoll übergeben zu können. Die ältere Generation muss fähig zur Übergabe sein und akzeptieren, dass die neue Führung andere Vorstellungen hat und einbringt.

Man muss die eigenen Kinder auch machen lassen können?

Gülten Bockholdt: Genau. Wir müssen die Strukturen so schaffen, dass es auch mit einer noch nicht geschäftsführenden Tochter weitergehen kann.

Sie sind jetzt beide 48 Jahre alt. Was haben Sie schon für Ihre Nachfolge in die Wege geleitet?

Jan Bockholdt: Es ging vor sechs Jahren mit der Frage los: Haben wir eigentlich ein Testament? Seitdem haben wir uns weitere Fragen gestellt: Wie geht’s weiter? Was muss passieren?

Gülten Bockholdt: Das alles konkret zu formulieren, hat anderthalb Jahre gedauert – und wir müssen daran noch die nächsten fünf Jahre weiterarbeiten. Das muss ja auch tragfähig sein, wenn unsere Tochter die Firma nicht übernehmen und stattdessen Kunst oder Musik studieren will.

Wie alt ist sie jetzt?

Gülten Bockholdt: 19.

Und? Will sie?

Gülten Bockholdt: Da kommt sie ganz nach ihrem Vater – sie will das, seit sie 13 ist, und sie will es immer noch. Aber wenn sie sich doch anders entscheidet, ist das in Ordnung.

Jan Bockholdt: Wir machen das ja nicht in erster Linie für unsere Tochter, sondern für die vielen Tausend Menschen, für die wir uns verantwortlich fühlen: unsere Mitarbeiter.

Gülten Bockholdt: Es ist sehr schwer, sich damit zu beschäftigen, dass man nicht mehr da ist. Sich wegzudenken. Das alles zu Papier zu bringen, war eine große Herausforderung – aber nötig.

Was kann alles schiefgehen bei einer Firmenübergabe?

Gülten Bockholdt: Wir haben ja große Lübecker Firmen an Konzerne verloren. Wenn keine Nachfolgefähigkeit hergestellt ist, kann unheimlich viel kaputtgehen.

Jan Bockholdt: Es gibt so viele Handwerksbetriebe, für die gibt es keinen Nachfolger. Es wird auch in der Schule nicht gelehrt, dass man wirtschaftlich erfolgreich selbstständig sein kann.

Sie stiften den künftigen Nachfolge-Preis, der im April zum ersten Mal bei der LN-Existenzgründerpreis-Gala verliehen wird. Was gab den Ausschlag?

Gülten Bockholdt: Wir wollen aufzeigen, dass ein Kreislauf notwendig ist: Gründung, Aufbau, Führung, Nachfolge. Und der Nachfolger ist damit ja auch wieder so etwas wie ein Gründer.

Das, was die anderen Kategorien beim LN-Existenzgründerpreis ausmacht – Mut, Innovation, Tragfähigkeit der Geschäftsidee – ist auch bei der Übergabe wichtig. Deshalb passt der neue Nachfolge-Preis so gut zu diesem Wettbewerb.

Wann haben Sie sich dazu entschlossen?

Gülten Bockholdt: Dass liegt uns schon eine ganze Weile am Herzen. Wir haben im Raum Lübeck so viele schützenswerte Unternehmen, bei denen sich die Nachfolge schwierig gestaltet. Nach Gesprächen mit Ihnen und mit dem Stifter des Existenzgründerpreises, Gregor Wintersteller, wollten wir die bestehende Ausschreibung bereichern, um deutlich zu machen, das Firmengründung und Übergabe zusammengehören. Das soll unsere Botschaft sein.

Jan Bockholdt: Es gehört zur Businessplanung dazu, sich der Frage zu stellen: Was passiert mit der Firma, mit den Mitarbeitern, ob es nun sechs oder 6000 sind, wenn ich morgen gegen einen Baum fahre? Wenn das auf kluge und tragfähige Weise bedacht wird, ist das preiswürdig.

Was raten Sie Firmenbesitzern, wenn Sie sich Gedanken über Ihre Nachfolge machen?

Gülten Bockholdt: Den besten Rat gibt Thomas Mann in den „Buddenbrooks“: „Mein Sohn, sey mit Lust bey den Geschäften am Tage, aber mache nur solche, daß wir bei Nacht ruhig schlafen können.“ Im Klartext: Was du tust, solltest du mit Freude tun, und es sollte weder dich noch uns um den Schlaf bringen. Der Satz klingt altbacken, aber er enthält alles, was wir unter einer modernen Unternehmenskultur verstehen.

Bewerben Sie sich! Der LN-Existenzgründerpreis jetzt in drei Kategorien

Am 20. April 2018 wird das Geheimnis gelüftet: Während einer Gala in den Lübecker Media Docks werden die Sieger des achten Wettbewerbs gekürt. Haben Sie ein neues Unternehmen? Machen Sie mit!

Firmengründer können sich in drei Kategorien bewerben. Der mit 5000 Euro dotierte LN-Existenzgründerpreis, gestiftet von Juwelier Mahlberg, ist für Unternehmer gedacht, die die ersten Hürden überwunden und sich erfolgreich am Markt etabliert haben.

Mit dem LN-Innovations- und Mutmacherpreis (Preisgeld 3000 Euro) sollen frische Ideen gefördert werden. Hier kommt es nicht unbedingt auf den erreichten Erfolg an, sondern auf Kreativität und den Mut, eine Idee zu verwirklichen.

Jetzt kommt eine dritte Kategorie hinzu: Der LN-Nachfolgepreis (3000 Euro, gestiftet von der Bockholdt KG) soll einem Unternehmen zugute kommen, das den Generationswechsel auf besonders gelungene Weise bewältigt.

Bewerbungsunterlagen und Infos finden Sie unter www.LN-Existenzgruenderpreis.de. Bis Ende Februar läuft die Frist. Schirmherr des Existenzgründerpreises ist Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Bernd Buchholz (FDP).

 Interview: Lars Fetköter

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