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Eine Chance für junge Geflüchtete

Lübeck Eine Chance für junge Geflüchtete

Die Firma DSD bot Asylsuchenden eine Lehre an. Auf einem Kongress in Brüssel berichtete sie jetzt von ihren Erfahrungen.

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Ehab Ali Musead bearbeitet einen Spannfuß an einer Fräse. Sein Ausbildungsleiter Michael Wächtler schaut ihm dabei zu.

Quelle: Fotos: Ulf-Kersten Neelsen

Lübeck. Ein Video auf der Internetseite der „New York Times“ brachte den Stein ins Rollen. Am Tag vor Weihnachten 2015 berichtete die renommierte amerikanische Zeitung darüber, wie Flüchtlinge in den deutschen Arbeitsmarkt integriert werden – und wählte dazu als Beispiel die Lübecker Firma Druckguss-Service Deutschland (DSD) in Schlutup. Sie hatte im Herbst des Jahres gerade zwei junge Jemeniten als Praktikanten eingestellt, die durch das Projekt „Land in Sicht“ der Handwerkskammer Lübeck vermittelt wurden. Einer der beiden, Ehab Ali Musead (26), macht zurzeit seine dreijährige Ausbildung bei DSD.

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Die Firma DSD bot Asylsuchenden eine Lehre an. Auf einem Kongress in Brüssel berichtete sie jetzt von ihren Erfahrungen.

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Wie der Zufall so spielt: Durch das Video wurde die Handwerkskammer Berlin auf DSD aufmerksam und lud die Firma ein, Ende Mai dieses Jahres beim „European Business Summit“ in Brüssel teilzunehmen – eine zweitägige Veranstaltung mit 2000 Teilnehmern und 150 Referenten. „Wir wurden eingeladen, um über unsere Erfahrungen mit der Einstellung von Flüchtlingen zu berichten: Was sind die Herausforderungen? Und wie sind wir damit umgegangen“, erzählt Vertriebsleiter André Dylong (37). „Für uns ist es egal, woher jemand kommt. Wir wollten jungen Menschen eine Chance geben, die Handwerkskammer hat uns dabei maßgeblich unterstützt.“ Und was haben sie den Zuhörern in Brüssel erzählt? „Dass wir an die Aufgabe ganz pragmatisch herangegangen sind, das ist unser Erfolgsgeheimnis“, sagt der Technische Leiter Florian Zimmermann (34), wie Dylong Prokurist bei DSD. Es gab wie bei vielen mittelständischen Betrieben vorher keine Erfahrung, keinen Beauftragten oder gar einen ausgearbeiteten Plan, wie man mit Flüchtlingen umgeht. „Wir haben einfach einen jungen Mann in einer besonderen Lebenssituation eingestellt“, sagt Zimmermann. „Die Sprache und die Sprachförderung sind allerdings der Schlüssel zur guten Integration, das war auch unsere Botschaft in Brüssel.“

Für die deutsche Sprache hatte sich Ehab schon zuhause im Jemen interessiert. „Ich habe in meiner Heimatstadt Aden Germanistik studiert“, erzählt er . Doch dann musste er 2014 vor dem blutigen Bürgerkrieg fliehen, der auch Opfer in seiner Familie gefordert hat. „Während meines Asylverfahrens durfte ich hier nicht weiterstudieren“, sagt er. „Ich wollte aber nicht nur zuhause sitzen, deshalb habe ich mich bei der Handwerkskammer beworben.“ Zwei Wochen später hatte er das Praktikum bei DSD, Ende September 2015 unterschrieb er seinen Ausbildungsvertrag als Feinwerkmechaniker. Unter den Augen von Ausbildungsleiter Michael Wächtler (48) lernt Ehab seitdem das Zerspanen, Fräsen und Bohren und alle anderen Fähigkeiten, die man in diesem Beruf braucht. „Die Anforderungen an Gesellen sind heute sehr groß, das Drehen und Fräsen sind hochkomplexe Arbeiten geworden, deshalb hängen wir die Ausbildung auch sehr hoch“, sagt Wächtler.

Hauptkunden von DSD sind Autokonzerne. Der weitaus größte Teil der Arbeit sind Druckguss-Maschinen für die Automobilindustrie, 20 Prozent der Arbeit Lohnfertigung für andere Betriebe aller Branchen – als „verlängerte Werkbank“. DSD hat heute 120 Mitarbeiter, davon 14 Auszubildende.

„Als ich hier anfing, habe ich mich gleich wohlgefühlt, es war eine große Familie“, sagt Ehab. Auf seinen Ausbilder hält er große Stücke: „Herr Wächtler ist der beste Meister der Welt, er hat mir sehr viel beigebracht. Am Anfang, wenn ich etwas nicht verstanden habe, habe ich ihn gefragt, und er hat es mir solange gezeigt, bis ich es begriffen hatte“, sagt er lächelnd. Mit Erfolg: Nach 18 Monaten hat Ehab eine „sehr gute Zwischenprüfung“ abgelegt, sagt sein Ausbilder. Nach der Lehre würde Ehab gerne weitermachen – und die Chancen stehen bestens. „Wir haben bisher jeden Auszubildenden übernommen“, sagt Wächtler.

DSD ist ständig auf der Suche nach motivierten Nachwuchskräften. „Wir versuchen, andere Wege zu gehen, haben auch eine Kooperation mit der Gesamtschule Schlutup“, erklärt André Dylong. Als Mentor konnte die Firma einen früheren Berufsschullehrer gewinnen, der die Auszubildenden einmal pro Woche bei den Hausaufgaben betreut und Fragen mit ihnen durchgeht. Dylong: „Viele Betriebe sind bereit, Flüchtlinge auszubilden. Aber die Voraussetzungen müssen stimmen. Eine große Hürde ist die Bürokratie.“

Programme für Integration

Vier Jahre lang, von Mitte 2011 bis Mitte 2015, hatte die Handwerkskammer Lübeck mit „Land in Sicht“ bereits die Integration von jungen Geflüchteten gefördert. Daran schloss sich nahtlos das Folgeprojekt „Mehr Land in Sicht“ an, das bis Mitte 2019 läuft. Dadurch wurden bisher 83 Geflüchtete in Arbeit und Ausbildung gebracht, mehr als 320 absolvierten Sprachkurse, 270 wurden in Praktika zur beruflichen Orientierung vermittelt, insgesamt wurden 700 Beratungsgespräche geführt. Die Teilnehmer werden bei Bewerbungen und Behördengängen und bei der Kontaktaufnahme zu Firmen unterstützt.

Christian Risch

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