Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Wirtschaft im Norden Elektroschrott: Viele Kunden kennen Rücknahmepflicht nicht
Nachrichten Wirtschaft Wirtschaft im Norden Elektroschrott: Viele Kunden kennen Rücknahmepflicht nicht
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:04 04.07.2017
Ralf Hollfoth, Leiter des Wertstoffhofes der EBL in der Schwartauer Allee in Lübeck, wirft Elektroschrott in einen Container. Quelle: Foto: Felix König
Anzeige
Lübeck

Zudem sind einige Händler gar nicht glücklich über das Gesetz. „Warum soll der kleinere Fachhandel das annehmen, was die großen Elektromärkte mal verkauft haben“, fragt ein Lübecker Elektrohändler, der ungenannt bleiben möchte. „Wir sind doch keine Schrottannahmestelle. Kleinere Läden können die kaputten Geräte auch gar nicht lagern“, fügt er hinzu. Dafür gebe es doch die Recyclinghöfe der Stadt.

„Die Lübeckerinnen und Lübecker nehmen unseren Service nach wie vor gut an“, sagt Cornelia Tews, Sprecherin der Entsorgungsbetriebe Lübeck (EBL). Auf allen vier Wertstoffhöfen der Stadt, in der Kanalstraße, der Schwartauer Allee, auf der Deponie Niemark und in Herrenwyk, könnte der Elektroschrott kostenlos abgegeben werden. „Unsere Mitarbeiter holen kaputte Geräte gegen Gebühr auch zu Hause ab“, sagt Tews.

Kleinere Geschäfte mit weniger als 400 Quadratmeter Ladenfläche seien nicht zur Rücknahme verpflichtet, sagt Henning Jansen, Obermeister der Radio- und Fernsehtechniker-Innung in Lübeck. Er glaubt, dass viele Kunden von dem neuen Gesetz gar nichts wissen, die Annahmepflicht größerer Märkte habe sich noch nicht herumgesprochen.

Ziel des Gesetzes ist es, die Sammelquote für Elektroschrott zu erhöhen – also: mehr Wiederverwertung, weniger in die Schwarze Tonne. Doch Verbraucherschützer, Deutsche Umwelthilfe und Branchenverbände ziehen eine durchwachsene Zwischenbilanz. „Nachfrage gering, Aufwand hoch“, lautet die Kritik. „Verbraucher nehmen nur das in Anspruch, von dem sie wissen“, sagt Thomas Fischer von der Deutschen Umwelthilfe (DUH). Händler würden oft nicht oder nur versteckt auf die Möglichkeit zur Rücknahme hinweisen.

Händler müssten offensiver informieren, fordert Philip Heldt von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Es habe bisher zwar nur wenige Beschwerden gegeben. Einen Grund sieht Heldt aber darin, dass Verbraucher nicht wissen, dass Elektrohändler alte Geräte zurücknehmen müssen.

„Wir haben vor Inkrafttreten des Gesetzes unsere Mitglieder ausführlich informiert und gehen davon aus, dass sie sich an die Regeln halten“, sagt Hans-Martin Bohac, Umweltreferent des Handelsverbandes Nord. Man habe aber keinen Überblick darüber, wie viele Verbraucher diesen Rückgabekanal nutzen. Konkrete Zahlen zu Beschwerden hat der Bundesverband Technik des Einzelhandels (BVT) nicht. Aber: „Kleine Elektrogeräte werden weiterhin nur wenige im Handel abgegeben.“ Ausrangierte Großgeräte wie Kühlschränke nehme der Fachhandel seit jeher freiwillig zurück. Der Bundesverband Onlinehandel (BVOH) sieht seine Annahme bestätigt, dass viel Aufwand für nichts betrieben werde. Online-Händler hätten monatliche Mehrkosten von mehreren Hundert Euro deswegen, sagt BVOH- Präsident Oliver Prothmann.

„Anfangs hat faktisch nichts funktioniert“, sagt DUH-Experte Thomas Fischer. Inzwischen sei es etwas besser geworden. Probleme gebe es aber weiter – von Verbraucherfreundlichkeit könne keine Rede sein. Ein Problem sieht die Umwelthilfe in einer „Gesetzeslücke“: So müssten Discounter nichts zurücknehmen. Die zählten aber zu den größten Verkäufern kleiner Elektrogeräte wie Föhne, Rasierer oder Radiowecker.

Rücknahmepflicht gilt nur für große Läden

Seit Ende Juli 2016 dürfen Verbraucher ihre ausgedienten Elektrogeräte beim Händler abgeben – vorausgesetzt, das Geschäft hat mindestens 400 Quadratmeter Verkaufsfläche für Elektrogeräte.

Bei Onlinehändlern wird deren Versand- und Lagerfläche berechnet. Nach dem Gesetz müssen Geräte mit einer Kantenlänge bis 25 Zentimeter ohne Kassenbeleg und ohne Kauf eines neuen Geräts zurückgenommen werden. Größere Geräte dürfen Kunden nur beim Kauf eines neuen kostenlos abgeben.

Seit 1. Juni droht Händlern ein Bußgeld von bis zu 100 000 Euro, wenn sie Elektrogeräte nicht zurücknehmen. Bisher sind den Handelsverbänden keine solche Fälle bekannt.

 Christian Risch

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Anzeige