Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Wirtschaft im Norden Smart-Meter – die Revolution im Zählerschrank
Nachrichten Wirtschaft Wirtschaft im Norden Smart-Meter – die Revolution im Zählerschrank
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:18 05.01.2019
Ein Stromzähler zeigt in einem Mietshaus die verbrauchten Kilowattstunden an. Quelle: dpa
Berlin

„Völlig vernetzt“ sang Udo Jürgens vor zehn Jahren in einem ironischen Song über die Macken der Digitalisierung. Ein weiterer Schritt zur digitalen Vernetzung von Stromkunden, Anbietern, Netz- und Messstellenbetreibern wurde jetzt mit dem ersten Zertifikat für eine digitale Strommesseinrichtung – Neudeutsch: „Smart-Meter-Gateway“ (SMGW) – gemacht.

Doch während das von Peter Altmaier (CDU) geführte Bundeswirtschaftsministerium über einen „großen Schritt nach vorne“ bei der Energiewende jubelt, bemängelt die Grünen-Energieexpertin Ingrid Nestle, dass die Zertifizierung des ersten „intelligenten Messsystems“ durch das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) geschlagene fünf Jahre gedauert habe. Die Elmshornerin sagte den LN: „Die Bundesregierung kümmert sich viel zu wenig um die Digitalisierung der Energiewende und versperrt damit den Weg in eine ökologische Zukunft.“ Und noch schlimmer findet die Grünen-Politikerin, dass das Berliner Wirtschaftsministerium immer noch „keine Rahmenbedingungen für die Nutzung der Smart-Meter“ geschaffen habe. Aber die könnten „Gold wert sein für die Energiewende ebenso wie für die Nutzer“, meint Nestle.

Messgeräte sollen Daten senden

Doch was können diese „smarten“, also intelligenten, Messsysteme eigentlich, die nach und nach die gebräuchlichen analogen Stromzähler („Ferraris“-Zähler) ersetzen sollen? Zur „Revolution im Zählerkasten“ wird die digitale Technik erst, wenn sie nicht nur den verbrauchten – oder etwa von Photovoltaik-Anlagen abgegebenen – Strom misst, speichert und verarbeitet, sondern wenn sie auch Daten an Erzeuger und Verbraucher sendet, mit ihnen kommuniziert. Auf diese Weise können in Zukunft etwa auf Wunsch elektrische Geräte automatisch an- oder abgeschaltet werden. Das kann sinnvoll sein, wenn Strom an manchen Tages- oder Nachtzeiten besonders günstig oder besonders teuer ist.

„Stromfresser“, zum Beispiel Waschmaschine, Trockner oder Geschirrspüler, aber auch das Elektro-Auto, können in verbrauchsarmen Nachtstunden ans Netz. Voraussetzung ist allerdings, dass diese Geräte auch mit intelligenter Technik ausgestattet sind. Das Stichwort lautet: Smart Home. Auch der Stromabfluss aus einer – wenn vorhanden – Solarstromanlage beziehungsweise einem Stromspeicher kann so gesteuert werden, dass etwa die Batterien des E-Autos zum günstigsten Zeitpunkt geladen werden. Sogenannte „zeitvariable Tarife“ könnten zum Entzerren der bisher bekannten Spitzenlast beitragen. Allerdings werden solche Tarife von den Versorgungsunternehmen in der Regel privaten Verbrauchern noch gar nicht angeboten.

Einbau war eigentlich schon für 2017 geplant

Eigentlich war der Beginn des Einbaus von intelligenten Messsystemen in einigen privaten Haushalten bereits ab dem Jahr 2017 vorgesehen. So sah es zumindest das Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende vom September 2016 vor (die LN berichteten). Dass die ersten Geräte mit Smart-Meter-Technik so lange für die Genehmigung brauchten, hängt auch mit den hohen Anforderungen an den Datenschutz zusammen. Die SMGWs müssen etwa zuverlässig vor Hackerangriffen geschützt sein.

Mit dem Einbau der „klugen“ Messgeräte kann nun frühestens im nächsten Jahr begonnen werden. Gerade im Norden – Schleswig-Holstein produziert mehr Ökostrom als es insgesamt an Strom verbraucht – ist es sinnvoll, auf die neue digitale Technik zu setzen. „Um Kunden für zeitlich passendes Verhalten beim Stromverbrauch zu belohnen, muss dieses auch messbar sein“, erklärt Nestle.

Das Abgabe- und Umlagesystem im Energiesektor müsse deshalb gründlich modernisiert werden, denn bislang haben Haushaltskunden keinen Vorteil, wenn sie sich „netzdienlich“ verhielten, sagt sie. Im Norden gebe es zudem bereits jetzt zahlreiche Startups und Energieversorger, die innovativ und bereit seien, die Interessen der verschiedenen Haushaltskunden zu bündeln und für die großen Märkte interessant zu machen, erklärt die Grünen-Politikerin. Udo Jürgens pessimistischer Ausblick in die digitale Zukunft lautete seinerzeit allerdings: „völlig vernetzt und völlig verlor`n“.

Einbau bis zum Jahr 2032

Einen gesetzlichen Zwang für Messstellenbetreiber zum Einbau von intelligenten Messsystemen gibt es nur für Haushalte, die mehr als 10 000 Kilowattstunden (kWh) pro Jahr verbrauchen. Messstellenbetreiber sind die Unternehmen, die die Stromzähler einbauen, betreiben und warten, meistens die örtlichen Netzbetreiber.

Ab 2020 sinkt die Schwelle auf 6000 kWh. Auch für die Betreiber von Strom erzeugenden Anlagen, etwa Photovoltaik, von mehr als sieben Kilowatt sind künftig die modernen Messeinrichtungen vorgesehen. Das Gesetz sieht einen flächendeckenden Einbau der smarten Messgeräte allerdings erst bis zum Jahr 2032 vor.

Der Einbau der digitalen Geräte wird von den Messstellenbetreibern vorgenommen. Diese kommen auf die Haushalte zu, so dass diese nicht selbst tätig werden müssen. Verbraucher können sich gegen einen beschlossenen Einbau nicht wehren, bemängeln Verbraucherschützer.

Im Gesetz sind zumindest Obergrenzen für die jährlichen Kosten festgesetzt. Die konkreten Kosten hängen vom Stromverbrauch beziehungsweise der Leistung der stromerzeugenden Anlage ab. Auf einen Durchschnittshaushalt mit vier Personen und 3400 Kilowattstunden Verbrauch im Jahr kommen schätzungsweise 40 Euro an Mehrkosten zu.

Reinhard Zweigler

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Jedes Jahr machen die Geschäfte Inventur – meist von Hand, wie seit 100 Jahren.

05.01.2019

Die Zahl der Arbeitslosen in Schleswig-Holstein ist in einem Jahr um 11,6 Prozent gesunken. Der Stand ist der niedrigste in einem Dezember seit 1980. Im Kreis Stormarn herrscht Vollbeschäftigung.

04.01.2019

Dürre, Kostendruck und ein schlechtes Image des Berufsstands treiben immer mehr Landwirte in die Depression. Im Norden will ein Netzwerk gegenhalten. Die Kieler Landwirtschafts-Staatssekretärin mahnt auch verbal zur Abrüstung in der Debatte um die Nahrungsmittelproduktion.

03.01.2019