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Wirtschaft im Norden Flaute bei Wismarer Fischern
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19:18 04.08.2015
Gewicht und Qualität des Dorsches aus der Westlichen Ostsee sind nach wie vor sehr gut, aber er macht sich derzeit rar, sagt der Wismarer Berufsfischer Stefan Kübart. Er befürchtet zudem weitere Einschränkungen beim Fang durch die EU. Fotos (5): Hans-Joachim Zeigert

Netze säubern, aufklaren genannt, ist eine zeitintensive Angelegenheit. Aber eben notwendig, um damit den nächsten Fang vorzubereiten. Für den Wismarer Berufsfischer Martin Saager (37) und andere Berufskollegen war das eine der Hauptbeschäftigungen in der vergangenen Woche. Das schlechte Wetter lud nicht zum Fischen in die Wismarbucht ein. Saager kam kaum hinaus zu seinen Stellnetzen. Inzwischen heißt es wieder: 3 Uhr früh Leinen losmachen und in Richtung innere Wismarbucht ausfahren. Aber immer öfter kommt er früher als üblich zurück. Der Grund ist simpel:

Viel ist nicht in den Netzen, einige Schollen, jede Menge Krebse und angespülter Schlick mit Seetang und anderem Zeug vermischt. Die Erlöse decken derzeit kaum die Betriebskosten.

Dass sich der Dorsch als ertragreichster Fisch im Hochsommer meist rar macht, damit leben die Fischer seit Jahrzehnten. Aber leider zeigt sich auch Aal und Co. nicht recht. „Die Situation ist mehr als unbefriedigend, zumal es demnächst weitere Wetterzwangspausen zu geben scheint“, macht Martin Saager aus der prekären Situation keinen Hehl.

Beim jüngsten, der nur noch drei in Wismar ansässigen Berufsfischer kommen einmal mehr Existenzängste auf. Vor allem, weil in Brüssel auch wieder an der Fangquotenschraube für den an sich lukrativen Edelfisch gedreht wird.

„Die Sorgen sind absolut berechtigt“, bestätigt Elvira Rothe (59), Geschäftsführerin der Fischereigenossenschaft „Wismarbucht“. „Was auch immer Experten auf wissenschaftlicher Basis fordern und prognostizieren, wir konnten die Vorjahresfangquoten für den Dorsch in unserem Bereich nicht mal ganz abfischen“, erklärt sie. Zum einen ließ es die Wetterlage oft nicht zu, dass die kleinen Boote ausliefen. Zum anderen schwamm der sogenannte „Brotfisch“ nicht tief genug in die innere Wismarbucht. Dessen ungeachtet soll der Fang im kommenden Jahr noch weiter eingeschränkt werden. Erwogen werden Fangreduzierungen um bis zu 80 Prozent. Zumindest zielen Überlegungen aus meeresbiologisch-wissenschaftlicher Sicht darauf ab. „Ein derart großer Einschnitt würde manchen der noch verbliebenen Berufsfischer an die Grenzen der Existenz bringen“, fürchtet Elvira Rothe. Denn die Basis für die Berechnung bildet die Quote aus dem Vorjahr. „Aber vielleicht einigt man sich bei realistischer Betrachtung am Ende auf 25 bis 30 Prozent“, hofft die Geschäftsführerin der Fischereigenossenschaft. Im vergangenen Jahr seien etwa 40 bis 50 Prozent der geforderten Fangkürzung nicht durch den Internationalen Rat für Meeresforschung in die Praxis umgesetzt worden.

Die Fischer hoffen, dass der Dorsch bald wieder stärker in der Westlichen Ostsee zu finden sein wird. Der Grund: Im Dezember floss besonders viel des sehr salzhaltigen Nordseewassers in die Ostsee. Dadurch verbessert sich der Lebensraum für den Dorsch, was wiederum zu einem vermehrten Aufkommen an den Ostseeküsten führen könnte. Trifft das zu, würde es bis zum kommenden Frühjahr gute Dorschfänge geben, sind sich Wismars Fischer einig.

„Wenn sie dann aber noch eine erhebliche Reduzierung ihrer Fangquote hinnehmen müssten, wäre für manchen Fischer wirklich existenzbedrohlich“, konstatiert Elvira Rothe. Gleichzeitig beobachtet die Geschäftsführerin der Fischereigenossenschaft mit ungutem Gefühl die zusätzliche Dorschabfischung durch Angler. Das habe längst bemerkenswerte Größenordnungen erreicht.

Untermauert werden ihre Befürchtungen durch statistische Erhebungen des Thünen-Instituts für Ostseefischerei in Rostock. 2013 sollen die 163000 deutschen Angler in der Westlichen Ostsee 3206 Tonnen Dorsch am Haken gehabt haben. Die Erträge der Berufsfischer waren nur unwesentlich höher: 3237 Tonnen. „Niemand hat etwas gegen die Angler. Doch wenn jemand mit bis zu 25 Kilo Dorsch in den Kühlboxen an Land zurückkommt, dann hat das nichts mehr mit Hobbyangeln zu tun“, entrüstet sich Elvira Rothe.

Dem kann Berufsfischer Stefan Kübart nur beipflichten. „Hier scheinen bei den Kontrollen durch staatliche Behörden noch längst nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft zu sein“, sagt der 59-Jährige verbittert.

Hans-Joachim Zeigert

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