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Flüchtlinge als Arbeitskräfte sehr gefragt

Lübeck Flüchtlinge als Arbeitskräfte sehr gefragt

Vor allem Betriebe mit Fachkräftemangel stellen immer mehr Migranten ein. Die Handwerkskammer vermittelt die Jobs.

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Hanan Issa (22) macht ein Langzeitpraktikum beim Amt Sandesneben-Nusse. Hier arbeitet er mit Sozialamtsleiter Sebastian Flint.

Quelle: Fotos: Roeßler (2)

Lübeck. Mohamed Jarbir begutachtet seinen zukünftigen Arbeitsplatz. In der großen glänzenden Halle stehen brummende Maschinen, die Teile für die Automobilindustrie und Raumfahrt herstellen. Bald wird er lernen, sie zu bedienen. Der Flüchtling aus dem Jemen beginnt bei SLM Solutions in Lübeck ein Praktikum als Elektroniker. Danach soll der 25-Jährige bei dem Unternehmen eine Ausbildung machen.

Immer mehr Betriebe im Norden beschäftigen laut der Bundesagentur für Arbeit Migranten. „Das ist eine große Chance“ , sagt die Chefin der Regionaldirektion Nord, Margit Haupt-Koopmann. Die Flüchtlinge seien die Fachkräfte von übermorgen. In Branchen mit schrumpfenden Bewerberzahlen sind die Neubürger laut Handwerkskammer Lübeck als motivierte Arbeitskräfte besonders gefragt. Die Kammer stellt den Kontakt zwischen Flüchtlingen und Betrieben her. Auch Sabine Sieweck, Personalleiterin von SLM Solutions, fragte dort nach. „Wir haben für diese Stelle niemanden gefunden“, erklärt sie.

Seit 2010 hat die Handwerkskammer 300 Flüchtlingen einen Praktikumsplatz verschafft, 200 vermittelte sie eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung oder einen Studienplatz. Über ein Integrationsprojekt bietet die Kammer den Flüchtlingen Sprachkurse und Weiterbildungen an. Ausländische Berufsabschlüsse werden überprüft. Die IHK, Dräger oder der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) entwickeln derzeit ebenfalls Konzepte für die Integration von Flüchtlingen. Dass viele noch sehr jung sind, mache es leichter, sagt Haupt-Koopmann von der Agentur für Arbeit. Über die Hälfte seien unter 25 Jahre. Viele Flüchtlinge ständen dem Arbeitsmarkt jedoch nicht sofort zur Verfügung. Zunächst müsse die Sprache erlernt und eine Ausbildung absolviert werden. „In Zukunft werden die Betriebe aber profitieren.“

Das glaubt auch der Obermeister der Elektroinnung, Peter Bode. Die Elektriker gehören zu den Handwerksberufen mit den größten Nachwuchssorgen, erklärt er. Flüchtlinge einzustellen, sei eine Lösung.

Bode sieht aber auch Probleme durch mangelnde Sprachkenntnisse und unterschiedliche Mentalitäten. Der Obermeister fordert zudem mehr Unterstützung von Verwaltung und Politik. Die Betriebe bräuchten einen zentralen Ansprechpartner. Bode: „Die Organisation muss schneller und unbürokratischer sein.“

Das würde sich auch Flüchtling Jarbir wünschen. Jahrelang versuchte er, einen festen Job zu finden. „Sobald ich den Betrieben gesagt habe, dass ich ein Flüchtling bin, wurde es schwierig. Vielen war das zu viel Bürokratie“, sagt der syrische Abiturient.

Flüchtling Hanan Issa hat es trotzdem geschafft. Der 22-Jährige sitzt vor einem Computer in einem hellen Büro im Amt Sandesneben-Nusse. Neben ihm liegt ein Stapel mit Abrechnungen. Issa macht eine Einstiegsqualifizierung bei der Verwaltung. Beim Vorstellungsgespräch sei er sehr aufgeregt gewesen. „Aber ich konnte sie überzeugen“, sagt der junge Mann. Er strengt sich an, um eine Ausbildung als Verwaltungsfachangestellter zu bekommen. „Ich habe in Syrien studiert und möchte hier arbeiten“, sagt er. Zurzeit arbeitet er im Sozialamt.„Wir wollten ihm eine Chance geben“, sagt Sozialamtsleiter Sebastian Flint. „Er spricht mehrere Sprachen und unterstützt uns auch bei unserer Arbeit mit neuen Flüchtlingen.“

In der Praxis für Ergotherapie in Nusse gehen Hassan Maghmouma und Julia Hamester die deutschen Gesetze der Krankenversicherung durch. Seit einigen Wochen ist der Syrer Maghmouma dort Praktikant. Der 43-Jährige arbeitete in seiner Heimat als Jurist „Dieses Praktikum soll ein Einstieg für ihn sein. Sein Deutsch wird immer besser, seit er bei uns ist“, sagt Mitarbeiterin Hamester. „Er ist eine Bereicherung für unseren Betrieb“, ergänzt Therapeut Michael Wiekenberg. Maghmouma ist ihnen sehr dankbar: „Sie geben mir das Gefühl, dass ich ein positiver Teil dieser Gesellschaft werden kann.“

Aufenthaltsstatus wichtig
Betriebe, die einen Flüchtling einstellen wollen, können sich an den Arbeitgeberservice der Agentur für Arbeit wenden. Auch die Handwerkskammer vermittelt über das Projekt „Handwerk ist interkulturell“ Flüchtlinge. Ob ein Flüchtling eingestellt werden kann, hängt von dem Aufenthaltsstatus ab. Asylsuchende und Geduldete dürfen in den ersten drei Monaten nicht arbeiten.
Anerkannte Flüchtlinge können einen Job haben. Der Arbeitgeber muss unter Umständen durch eine Vorrangprüfung nachweisen, dass es keinen geeigneten deutschen Bewerber gibt.

Alessandra Röder

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