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Wirtschaft im Norden Flughafen Berlin: Der Architekt teilt aus
Nachrichten Wirtschaft Wirtschaft im Norden Flughafen Berlin: Der Architekt teilt aus
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22:16 23.09.2013
Die Lampen im Terminal des neuen Flughafens Berlin-Brandenburg Willy Brandt (BER) in Schönefeld leuchten — aber ein Eröffnungstermin ist noch immer nicht absehbar. Quelle: Foto: dpa

Von ganz oben schaut der im Mai 2012 geschasste Architekt Meinhard von Gerkan auf das BER-Fiasko. Sein Fazit: Der Flughafen musste scheitern — an organisierter Verantwortungslosigkeit, einer aufgeblähten Verwaltung, einer ahnungslosen, dafür aber umso anspruchsvolleren Politik. Das alles trug zu einem geschlossenen System bei, in dem alle nicht nur nach außen, sondern vor allem untereinander jedes Wissen zu verbergen suchten. Die „Black Box BER“ nennt es Gerkan. Schuld sind in diesem System immer die anderen.

Das gilt nicht nur am BER, schreibt Gerkan. Bei der Hamburger Elbphilharmonie und bei Stuttgart 21 sei das Prinzip dasselbe, und neu ist es ebenfalls nicht: Das Opernhaus von Sydney wurde acht Jahre später als geplant fertig und kostete das 14-fache des ursprünglich Veranschlagten; das Internationale Congress Centrum (ICC) in Berlin wurde 1979 zwar pünktlich fertig, kostete aber das Zehnfache.

„Ein öffentlicher Bauherr ist ein nicht zu unterschätzendes Risiko für Architekten“, schreibt Gerkan, und: „Bei einer Katastrophe wird reflexartig immer zuerst dem Architekten die Schuld zugewiesen.“

Die Skandalberichterstattung über die aktuellen Großprojekte findet Gerkan dennoch übertrieben: Sie nehme „die Form des Selbsthasses“ an, „mit unabsehbaren Folgen für das Markenzeichen Made in Germany und die wirtschaftliche Stellung Deutschlands auf dem globalen Markt“.

Am „Schuld sind die anderen“- Spiel macht der Architekt mit seinem 160-Seiten-Band dennoch lustvoll mit. Die plötzliche Kündigung vor 15 Monaten hat ihn anscheinend tief getroffen. Gerkan sieht sich als Sündenbock. Die Kanzlerin war schon zur Eröffnungsparty geladen, die ersten Umzugskisten schon unterwegs, als am 8. Mai 2012 die für Anfang Juni anstehende Eröffnung abgeblasen wurde. Eine Woche später war für den Aufsichtsrat klar, wer für das Desaster verantwortlich zeichnete: Das Gremium feuerte den Technikchef Manfred Körtgen und das Generalplanerteam PG BBI um von Gerkan. Kurze Zeit später verklagte die Flughafengesellschaft die Architekten wegen angeblicher Fehlplanungen auf 80 Millionen Euro Schadenersatz. Die Klage ruht inzwischen.

Gerkans Wutschrift richtet sich gegen die „beratungsresistenten“, ebenfalls längst gefeuerten Vorstände, gegen die Politiker aller Couleur, gegen die Medien. „Die Öffentlichkeit identifiziert Architektur mit Unberechenbarkeit“, schreibt er, die „Funktion der Architektur“ sei „massiv beschädigt“.

Von eigenen Fehlern steht nichts in dem Buch. Die Welt des Stararchitekten ist klar geteilt: Auf der einen Seite stehen die Profis, die Sachverständigen, die Guten — auf der anderen Seite die Politik und ihre Erfüllungsgehilfen. Gerkans Buch ist eine Verteidigungsschrift für den Architektenstand. Niemand muss das dem Autor so abkaufen; seine Analysen des politisch gesteuerten Missmanagements aber treffen den Punkt.

Meinhard von Gerkan: „Black Box BER“, Quadriga Verlag, 160 Seiten, 14,99 Euro.

Er baute auch die Lübecker MuK
Meinhard von Gerkan wurde am 3. Januar 1935 in Riga geboren. Sein Architekturbüro GMP — das steht für Gerkan, Marg und Partner — hat Hunderte von Ausschreibungen und Preisen gewonnen. Mit Volkwin Marg bewarb sich der Berufsanfänger Gerkan 1965 um ein ganz großes Los und erhielt den Zuschlag: Die beiden bauten den neuen West-Berliner Flughafen Tegel. Das katapultierte ihn in die erste Liga der Architektur. Seither hat er Hunderte von Großprojekten realisiert: vom neuen Tempodrom in Berlin über die Jumbohalle des Flughafens Hamburg und den Moskauer Flughafen Scheremetjewo bis zum Berliner Hauptbahnhof. In Lübeck hat Gerkan die Musik- und Kongresshalle (MuK) gebaut, in Heiligenhafen (Kreis Ostholstein) den Aussichtsturm auf dem Graswarder. Ironie der Geschichte: Heute ist Gerkans Frühwerk, der Flughafen Tegel, wegen des gescheiterten Spätwerks BER gefragt wie nie.

Torsten Gellner und Jan Sternberg

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