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Wirtschaft im Norden Für ein gutes Gewissen beim Einkauf
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18:22 08.07.2017
Männliche Küken: Bisher werden sie aussortiert und zu Tierfutter verarbeitet. Der Handelskonzern Rewe will diese Praxis jetzt stoppen. Quelle: Foto: Wüstneck/dpa
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Düsseldorf

.  Der Umgang mit Schweinen, Hühnern und Rindern in manchen Mastbetrieben verdirbt vielen Verbrauchern den Appetit. Egal ob es um das Schnabelkürzen bei Hühnern, die Kastration ohne Betäubung bei Schweinen oder die Tötung von jährlich 45 Millionen männlichen Küken am ersten Lebenstag geht – verbreitete Praktiken der Agrarindustrie stoßen immer öfter auf Empörung. Das spüren auch die deutschen Lebensmittelhändler. Und sie versuchen Abhilfe zu schaffen. Es ist geradezu ein Wettlauf ums gute Gewissen entbrannt.

Der jüngste Vorstoß kommt dabei von Deutschlands zweitgrößtem Lebensmittelhändler Rewe. Der Handelsriese hat sich auf ein für ihn völlig neues Terrain vorgewagt und zusammen mit holländischen Bruttechnik-Experten ein Gemeinschaftsunternehmen gegründet. Dessen Ziel ist es, eine von der Universität Leipzig entwickelte Grundlagen-Technologie zur Praxisreife zu entwickeln, die der millionenfachen Tötung gerade geschlüpfter männlicher Küken ein Ende machen soll.

„Unser Anspruch ist es, grundsätzlich das Kükentöten zu eliminieren“, sagt Ludger Breloh, Bereichsleiter Strategie und Innovation im Agrarsektor von Rewe. Der Hintergrund: Pro Jahr werden 45 Millionen männliche Küken der Legehennenrassen unmittelbar nach dem Schlüpfen getötet, da sie keine Eier legen und es unwirtschaftlich wäre, sie zu mästen.

Eine neue Technik soll dem ein Ende machen. Dabei soll das Geschlecht der Küken bereits vor dem Ausschlüpfen noch im Ei bestimmt werden. Fertig ausgebrütet würden dann nur noch die Eier, aus denen Hennen schlüpfen. Die übrigen Eier würden zu Tierfutter verarbeitet – zu einem Zeitpunkt, an dem die Hühnerembryos noch kein Schmerzempfinden haben. Mit seinem Engagement wolle der Handelsriese beweisen, wie wichtig ihm die Themen Nachhaltigkeit und Tierschutz seien. Der Manager hofft, dass die neue Technik in zwei Jahren serienreif sein wird.

Es ist nicht das erste Mal, dass einer der Handelsriesen versucht, Auswüchsen der Massentierhaltung Grenzen zu setzen. Schon vor Jahren verbannten die Discounter Aldi und Lidl die Käfigeier aus ihren Regalen und läuteten damit das Ende dieser besonders qualvollen Art der Hühnerhaltung ein. Auch im Kampf gegen das betäubungslose Kastrieren von Schweinen waren Supermärkte und Discounter deutlich schneller als der Gesetzgeber, der ein Verbot erst ab 2019 vorsieht. Bei der Beendigung des Schnabelkürzens bei Legehennen drücken Aldi, Lidl, Rewe und Co. auch aufs Tempo.

Wie beim Preis herrscht längst auch beim Thema Nachhaltigkeit und Tierschutz ein regelrechter Wettbewerb zwischen den Ketten. „Wenn einer einen weiteren Schritt macht, dann wird das sehr schnell von allen anderen Handelsunternehmen nachgemacht“, sagt Breloh. Für Marketing-Experte Martin Fassnacht von der Wirtschaftshochschule WHU ist das Engagement auch eine Antwort auf veränderte Kundenerwartungen: „Von Einzelhändlern wird heute viel mehr verlangt, als nur gute Ware zu einem günstigen Preis. Die Käufer erwarten, dass die Unternehmen auch bei gesellschaftlichen Themen und in Umweltfragen Flagge zeigen“, meint er.

Der Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, Thomas Schröder, lobt die Initiativen der Handelsketten. „Es ist gut, wenn der Handel Verantwortung übernimmt“, meint er. Schließlich spiele er mit seiner Einkaufspolitik eine Schlüsselrolle beim Thema Tierschutz. Doch das heißt nicht, dass der Tierschutzpräsident zufrieden ist. Im Gegenteil: „Die Einkaufspolitik des Handels ist immer noch viel zu sehr geprägt von Billigeinkauf und Preiskampf – und viel zu wenig auf mehr Tierwohl ausgerichtet“, beklagt er. Solange weiterhin massiv für Billigfleisch geworben werde, wirkten die Bemühungen der Händler scheinheilig. Denn niedrige Preise für Landwirte verhinderten bessere Haltungsbedingungen.

Erich Reimann

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