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Wirtschaft im Norden Gravitationsphysiker: „Ich will den Urknall hören“
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20:15 13.02.2016
Prof. Dr. Karsten Danzmann

Herr Prof. Danzmann, mit Kollegen aus der halben Welt waren Sie am Donnerstag auf allen Medienkanälen zu finden — weil Sie Einsteins theoretische Gedanken bewiesen haben. Was bedeuten Ihre Arbeiten?

Prof. Dr. Karsten Danzmann: Naja, dass Einstein recht hat, hat im Grunde kein ernsthafter Wissenschaftler mehr bezweifelt. Wir haben jetzt aber den Puzzlestein, der zum Beweis fehlte.

Worin besteht der?

Danzmann: Seit Jahrhunderten haben wir das Universum da draußen mit den Augen beobachtet — aber wir waren taub. Nun sind aber mehr als 99 Prozent des Weltraums dunkel. Es reicht also nicht, hinzusehen. Mit dem maßgeblich von uns in Hannover entwickelten Interferometer können wir nun auch ins All hineinhören. Das erste Ereignis, das wir nun so registriert haben, gibt uns eine Vorschau auf diese dunkle Schattenwelt. Uns sind zwei fette Schwarze Löcher ins Netz gegangen, die miteinander verschmolzen. Und das gleich am ersten Tag, an dem wir überhaupt hören konnten. 20 Teleskope haben zur Überprüfung danach gesucht und niemand hat etwas gesehen. Und das Ereignis wird nicht das Einzige sein, das wir registrieren, da bin ich mir sicher!

Hätten Sie Einstein gerne von dem spektakulären Fund berichtet?

Danzmann: Es ist nicht ganz klar, welche Haltung Einstein am Ende seines Lebens einnahm. Wahrscheinlich hat er weder an Gravitationswellen noch an Schwarze Löcher geglaubt. Aber er würde es mögen.

Was ist eigentlich ein Schwarzes Loch? Das Ende der Welt?

Danzmann: Nein. Es ist ein Ort, wo der Raum aufhört. Es besteht nur aus Raumkrümmung und braucht keine Materie dafür. Nichts, selbst das Licht kann dort heraus. Solche Löcher sind nicht das Ende, sie gehören zum Ganzen dazu. Wie entstehen denn Schwarze Löcher?

Danzmann: Die meisten Sterne entstehen als Doppelsystem, sie entwickeln sich und eines Tages, wenn kein Brennstoff mehr da ist, kollabieren sie, und wenn sie schwer genug waren, dann entstehen zwei Schwarze Löcher. Eines Tages kommen sie sich so nahe, dass sie in einer gigantischen Explosion verschmelzen. Man muss sich vorstellen, dass das jetzt von uns registrierte Ereignis vor 1,2 Milliarden Jahren passiert ist. Und jetzt hören wir es, denn die Gravitationswellen, die dabei entstanden sind, sind immer noch unterwegs. Sie durchdringen alles. Das Universum ist voll von Ereignissen und als ihre Spur wabern die Gravitationswellen hin und her. Faszinierend!

Nun soll das Universum mit einem Urknall entstanden sein. Werden Sie den auch eines Tages hören?

Danzmann: Ich will das noch erleben. Aber: Das ist viel schwieriger, denn wir haben keine Theorie, die den Urknall selbst erklärt. Es gibt so viele Modelle dafür, wie es Theoretiker gibt. Daher wissen wir nicht — um im Bild zu bleiben — wie er sich wohl anhört. Bei Sternen oder Schwarzen Löchern haben wir Rechenmuster und wissen, wonach wir Ausschau halten.

Ist die Physik dann also am Ende — und der Glaube beginnt?

Danzmann: Für mich nicht. Ich bin Hardcore-Experimentalist. Ich glaube nur an Dinge, die ich messen kann. Die Forschung wird weitergehen.

Sie betreiben Grundlagenforschung, die den Steuerzahler viel Geld kostet. Viele Menschen fragen nach dem praktischen Nutzen. Haben Sie darauf eine Antwort?

Danzmann: Klar, wir betreiben keine angewandte Wissenschaft. Und erfinden keine Teflonpfannen nebenbei. Wir machen Hochtechnologie. Was nicht heißt, dass nicht auch bei uns viele Patente gleichsam als Nebeneffekt entwickelt werden. Unser wichtigstes „Produkt“ ist jedoch: Intelligenz. Wir formen hochgebildete, hungrige junge Leute aus.

Manche reden jetzt vom Nobelpreis . . .

Danzmann: Ich nicht (schmunzelt).

Interview: B. Hilbig, H. Brandt

LN

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