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20:25 06.07.2013
Maschinenbauer Nils Meyer führt das Neustädter Traditionsunternehmen H.F. Meyer bereits in sechster Generation. Quelle: Fotos: Jan Wulf/H.F.Meyer
Neustadt

Die landwirtschaftliche Revolution von einst steht etwas unscheinbar zwischen Werkhalle I und II im Neustädter Gewerbegebiet (Kreis Ostholstein). Ein Tellerdüngerstreuer, wohl aus dem Jahr 1920. Hans-Friedrich Meyer, damaliger Chef des Familienunternehmens H.F. Meyer in zweiter Generation, meldete einst ein Patent darauf an. Die Landwirte mussten bis dato noch von Hand streuen — mit dem Treckeranhänger wurde ihnen viel Zeit erspart.

Rund 100 Jahre und vier Generationen später sind die Zeiten des Landmaschinenhandels in Neustadt vorbei. Draußen steht der Düngerstreuer noch als stummer Zeuge einer Zeit, in der die Erfolgsgeschichte des Unternehmens an der Ostsee begann. Drinnen in den Hallen wird dagegen an der Zukunft gebastelt. Und die heißt Hightech. Maschinen und Anlagen für die Industrie. Dazu gehören vor allem die Bereiche der Nahrungsmittel- und Getränkeindustrie. Coca Cola, Dr. Oetker und Procter & Gamble, Campbells, Schwartauer Werke und Hawesta: Die Liste der Marken, die Produkte mit Maschinen aus Neustadt herstellen, ist lang — und weltbekannt.

„Mit einem normalen Tagesablauf kommt man an uns eigentlich nicht vorbei — man muss es nur wissen“, sagt Geschäftsführer Jens Reese, der das Unternehmen gemeinsam mit Nils Meyer führt, stolz. „Es fängt bei der Zahnbürste an, über Kosmetikartikel, Frühstück, die Fahrt mit dem Auto ins Büro oder das Mittagessen — wir haben überall die Finger drin.“ Oder zumindest die Maschinen, die ihren Anteil daran haben, dass die Zahnpasta in die Tube kommt oder das auch ja die richtige Konfitüre in Bad Schwartau im Marmeladenglas landet.

Wenn ein Kunde auf die Neustädter zukommt, hat es dabei immer etwas von einer Textaufgabe in der Schule, die H.F. Meyer lösen muss. Immer Sonderfälle. Zum Beispiel eine Maschine, die automatisch Schmiermittel auf den Rand von Autoreifen aufträgt, damit diese leichter über die Felgen gezogen werden können. Oder ein Roboter, der Pizzableche aus einem heißen Ofen greift. Oder ein Transportsystem für Arzneiampullen, das die zerbrechlichen Röhrchen innerhalb einer Produktionsanlage zum Befüllen weiterleitet.

Ganz wichtig: eine einfache Montage der Anlagen vor Ort. „Es gibt Kunden in Indien oder in Vietnam, da gibt es in hundert Kilometer Entfernung keinen Elektriker, der im Notfall helfen könnte“, erklärt Nils Meyer. Nach der Idee und den ersten Skizzen dauert es dann manchmal nur vier Monate, bis die Maschine beim Kunden läuft. Komplizierte Anlagen können auch über ein Jahr lang von der Entwicklung bis zur Fertigstellung brauchen. Rund 90 Mitarbeiter tüfteln für das Traditionsunternehmen (jährlicher Umsatz zwischen acht und zehn Millionen Euro) in Neustadt an den besten Lösungen.

Wie die aber genau aussehen, damit wollen weder Meyer noch die großen Konzerne rausrücken. Die Weltmarken fürchten, dass sie gegenüber der Konkurrenz den (vielleicht) entscheidende Wettbewerbsvorteil einbüßen. Echte Geheimhaltungsverträge werden deshalb abgeschlossen.

So etwas musste um 1920 beim patentierten Tellerdüngerstreuer noch nicht bedacht werden. Obwohl die Idee von Meyer auch damals schon um die Welt ging.

Start mit Tabakwaren

1846 wurde H.F. Meyer in Neustadt ursprünglich als Tabakwarenfabrik gegründet. Ab 1889 ging die Firma zum reinen Maschinenbau über. In erster Linie wurden selbst entwickelte Landwirtschaftsmaschinen und Fördertechnik hergestellt. Die Produktion von Prüf- und Verpackungsmaschinen startete im Jahr 1925.

Karl-Robert Meyer (1948-2012) strukturierte das Familienunternehmen ab 1970 schließlich um. Es wurden keine Landwirtschaftsmaschinen mehr hergestellt, sondern man spezialisierte sich auf Sonderlösungen für Kunden. 1992 zog H.F. Meyer schließlich aus der Grabenstraße auf das heutige Firmengelände im Neustädter Gewerbegebiet, sieben Jahre später musste eine zweite Werkhalle her.

Weitere Unternehmensbereiche neben dem Maschinenbau sind Haustechnik, Metall- und Stahlbau sowie die CNC-Teilefertigung.

Jan Wulf

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