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Wirtschaft im Norden Digitalisierung: Experten fordern mehr Tempo von den Firmen
Nachrichten Wirtschaft Wirtschaft im Norden Digitalisierung: Experten fordern mehr Tempo von den Firmen
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21:58 16.01.2019
Auf mehreren Leinwänden wird das Geschehen auf der Bühne gezeigt. Quelle: Lutz Roeßler
Lübeck

Bei Daniel Günther liegt das Handy am Wochenende manchmal stundenlang in einer Schublade, bei Henning Vöpel vergehen höchstens mal zehn Minuten, ohne dass er auf sein Mobiltelefon guckt, und auch Markus Reithwiesner ist sehr oft online: Freimütig antworten die Diskutanten auf dem Podium in der Lübecker MuK auf die Frage von Moderator Christopher Scheffelmeier über ihre Handynutzung. Doch so unterschiedlich sie in ihren privaten Gewohnheiten sind, so einig sind sie sich darin, dass Norddeutschland enorme Anstrengungen unternehmen muss, um bei der Digitalisierung den Anschluss zu halten.

Viele Branchen stehen vor Umbrüchen

„Der Norden hat Branchen, die vor großen Umbrüchen stehen“, sagt Henning Vöpel, Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI). „Die neuen Technologien verändern die Strukturen rasant“, warnt Markus Reithwiesner, Chef der Haufe-Lexware GmbH, ein Unternehmen, das bei der digitalen Transformation schon weit vorangekommen ist. „Die Digitalisierung macht vielen Menschen auch Angst, zum Beispiel vor einem Jobverlust“ gibt Ministerpräsident Daniel Günther zu bedenken, „wir müssen deutlich machen, dass Digitalisierung auch helfen kann.“ Die Landesregierung sei „auf gutem Weg, Schleswig-Holstein zu einem Vorreiterland in Sachen Digitalisierung zu machen“, hat Günther schon zuvor bei seiner Begrüßung verkündet.

1350 Gäste in der Lübecker Musik- und Kongresshalle

Ein gutes Beispiel für erfolgreiche Digitalisierung sei Estland, sagt HWWI-Direktor Vöpel. Der Norden müsse an Tempo zulegen. Um mehr neue Fachkräfte zu gewinnen, fordert Vöpel einen stärkeren Austausch zwischen Wissenschaft und Wirtschaft bei der Ausbildung von Nachwuchskräften im IT-Bereich. Die Vernetzung sei enorm wichtig, „das ist eine der Schlüsselfragen“, erklärt er. Reithwiesner sagt, dazu müsse in der Ausbildung auch stärker auf „Kommunikation und Empathie“ geachtet werden, diese Fähigkeiten würden neben dem Fachwissen bisher nur bedingt vermittelt.

Experte: Menschen können falsche Faktenund Wahrheit nicht mehr unterscheiden

Sorgen bereitet Vöpel, dass viele Menschen in der sich rasant verändernden digitalen Welt falsche Fakten und Wahrheit nicht mehr unterscheiden können. „Das ist eine der Überlebensfragen für die Demokratie“, sagt er. Die Gefahr der politischen Radikalisierung, die daraus resultiere, habe auch mit den Ängsten vor den Folgen einer unkontrollierten Digitalisierung zu tun, sagt auch Reithwiesner. Deshalb müssten vor allem die Chancen betont werden, die in den neuen Technologien steckten. „Wogegen wir sind, wissen wir in der Gesellschaft genau. Ich glaube, wir müssen uns auch als Unternehmen darüber Gedanken machen, wofür wir eigentlich sind.“ Dafür erhält Reithwiesner viel Beifall.

Angst vor Folgen des Brexit

Gleich zu Beginn des Abends hatten die Gastgeber das Wort. Statt Reden zu halten, erzählten IHK-Präses Friederike C. Kühn und Hauptgeschäftsführer Lars Schöning im lockeren Gespräch mit Moderator Scheffelmeier, was für sie die großen Themen des Jahres sind und wo ihre Schwerpunkte liegen. „Noch wächst die deutsche Wirtschaft. Diesen Schwung sollten wir nutzen, um die Folgen des Brexit oder der drohenden Handelskriege zu mildern“, sagte Kühn. Auch sie betont, dass die Digitalisierung große Chancen biete, um „die Wirtschaft fit zu machen für die Zukunft“. Der Hansebelt biete bereits beste Voraussetzungen für eine gute Entwicklung, erklärte Schöning. „Vor allem mittelständische Betriebe, die die Digitalisierung als Herausforderung und Chance begreifen, können Nischen besetzen und sogar Marktführer werden.“ Die hervorragende Entwicklung am Arbeitsmarkt und Vollbeschäftigung in den südlichen Kreisen des Landes begünstigten dies.

Zehn Jahre Hansebelt-Initiative

Zehn Jahre kämpft er schon für die Hansebelt-Region: Dafür wurde Bernd Jorkisch, gestern im Rahmen eines kleinen IHK-Vorempfangs geehrt. IHK-Präses Friederike C. Kühn lobte ihren Amtsvorgänger für seinen Einsatz. „Du hast unbeirrt an der Idee festgehalten, die Mitgliederzahl gibt Dir recht“, sagte sie zu Jorkisch. Der Verein Hansebelt arbeitet daran, die Zusammenarbeit entlang der Achse Hamburg-Kopenhagen zu stärken – etwa durch gemeinsame Projekte mit skandinavischen Partnern. Er befürwortet zudem den umstrittenen Bau des Fehmarnbelttunnels. Der Hansebelt bildet die Brücke zwischen Norddeutschland und Dänemark/Schweden. In der Region leben rund 1,3 Millionen Menschen. Zum Vorempfang waren 110 Gäste geladen, darunter die Mitglieder der Vollversammlung, aber auch Vertreter aus Wirtschaft und Politik.

Schöning und Kühn dankten der Landesregierung, dass sie viele Weichen in die richtige Richtung stelle. Dass Günther und Wirtschaftsminister Bernd Buchholz den Bürokratieabbau zur Chefsache gemacht hätten, sei ein „sehr gutes Signal“. Doch es gelte weiterhin, Planungsprozesse zu beschleunigen. Hier helfe ein Blick in die Nachbarländer Dänemark und die Niederlande, sagte Kühn. Sie dankte ausdrücklich allen Prüfern der IHK für ihre unschätzbar wertvolle ehrenamtliche Arbeit.

Labskaus als kulinarischer Höhepunkt

Nach dem offiziellen Teil stand dann der kulinarische Höhepunkt auf dem Programm: das traditionelle Labskaus-Essen – eine logistische Großaufgabe für die Küche mit 1350 Portionen. Ein großes Gesprächsthema an den Tischen waren der Brexit und seine Folgen.

Wie alles begann

Mit einigen Hundert Gästen fing es an: Schon Ende der 70er Jahre traf sich die Vollversammlung der Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Lübeck im Anschluss an ihre Sitzung im Rathaus im Ratskeller. Jahre später ging es dann zum Essen ins Hoghehus. Mit der Eröffnung der MuK 1994 zog die IHK dorthin um. Die Gästezahl stieg von 500 auf mehr als das Doppelte an. In Hochzeiten kamen 1700 Besucher zum Neujahrsempfang im Konzertsaal. Seit nun das Foyer der MuK genutzt wird, stehen nur noch 1350 Plätze zur Verfügung. Rund 5000 Einladungen werden verschickt.

Christian Risch/Julia Paulat

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