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„Kein gerechter Wettbewerb der Kassen“

Lübeck „Kein gerechter Wettbewerb der Kassen“

Viactiv-Chef Brücker hält Verteilung der Versicherten-Gelder aus dem Gesundheitsfonds für skandalös.

Lübeck/Bochum. Harsche Kritik an der Gesundheitspolitik der Bundesregierung übt Reinhard Brücker, Vorstandsvorsitzender der Krankenkasse Viactiv. Er fordert, die Versichertengelder aus dem Gesundheitsfonds gerechter zu verteilen – unter regionalen Aspekten.

 

LN-Bild

Nimmt kein Blatt vor den Mund: Viactiv-Vorstand Reinhard Brücker legt sich im LN-Interview mit der Politik und der Ärzteschaft an.

Quelle: Dirk Silz

„Wir müssen unser System

überdenken und zukunftsfähig

machen.“ Reinhard Brücker

Die Politik hat den Krankenkassen erlaubt, Zusatzbeiträge von ihren Versicherten zu erheben. Der Arbeitgeberanteil bleibt bei 7,3 Prozent eingefroren. Jede Erhöhung geht allein auf Kosten des Arbeitnehmers. Ungerecht, oder?

Reinhard Brücker: Ich will es einmal zuspitzen. Das ist höchst ungerecht. Es spricht vieles dafür, die Arbeitgeber angemessen an steigenden Zusatzbeiträgen zu beteiligen.

Kassen erheben unterschiedlich hohe Zusatzbeiträge. Kann diejenige Kasse für einen Versicherten günstiger sein, die besser haushalten kann oder höhere Rücklagen hat?

Brücker: Das muss man differenzieren. Die Höhe des Zusatzbeitrags hat sehr wenig mit der Managementleistung einer Kasse zu tun. Es liegt vielmehr weit überwiegend am Gesundheitsfonds, der die Gelder der Versicherten völlig intransparent und unverhältnismäßig verteilt. Wir kämpfen schon länger für ein besseres System.

Wie?

Brücker: Wir fordern die Politik auf, regionale Faktoren endlich zu berücksichtigen. Die großen Unterschiede bei den Kassenbeiträgen, die wir jetzt haben, sind einzig und allein auf eine Fehlverteilung der 230 Milliarden Euro aus dem Gesundheitsfonds zurückzuführen.

Der Vorwurf wiegt schwer.

Brücker: Wir können anhand von Gutachten im Auftrag des bayerischen Gesundheitsministeriums belegen, dass in Metropolregionen deutlich höhere Kosten entstehen als in ländlichen Gebieten – durch eine größere Anzahl von Krankenhäusern, Betten und Ärzten entsteht deutlich mehr Nachfrage. Der Gesundheitsfonds entschädigt uns aber nur über Durchschnittswerte. Und es gibt eine Reihe weiterer „Webfehler“.

Speziell für Ihre Kasse, die viele Versicherte im dichtbesiedelten Ruhrgebiet hat, von Nachteil?

Brücker: Absolut. Auf der anderen Seite begünstigt das System lokal tätige Krankenkassen in Flächenstaaten. Das Finanzausgleichssystem müsste dringend reformiert werden. Heute bekommt eine Kasse mit den geringsten Leistungen und dem schlechtesten Service die höchsten Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds und kann noch Rücklagen aufbauen. Ein Irrsinn.

Ihre Krankenkasse ist bundesweit die zweitteuerste. Warum? Bieten Sie Ihren Kunden so viele Extras?

Brücker: Das Paket unserer Leistungen zählt zu den besten. Für unsere Angebote im präventiven Sportbereich sind wir wiederholt ausgezeichnet worden. Bei Leistungen für junge Familien beispielsweise haben wir bei einer Studie zuletzt den Spitzenplatz geholt.

Die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte verschlingt eine Milliarde aus Versichertenbeiträgen . . .

Brücker: Das ist der Berliner Flughafen der gesetzlichen Krankenversicherung, ein Skandal. Schon 2004 war die Viactiv Testkasse und konnte das elektronische Rezept im Test einsetzen.

Das ist bis heute nicht realisiert. Für die Blockade sind Lobbyisten in Berlin verantwortlich.

Sprechen wir über Kostentreiber. Nirgendwo gehen Patienten so häufig zum Arzt wie in Deutschland. Brücker: Wir sollten mal in Nachbarländer wie Dänemark und Holland schauen.

Dort sind Gesundheitszentren zum Beispiel in Krankenhäusern angesiedelt. Dort wird sparsamer mit Investitionen umgegangen. Wir müssen unser System überdenken, zukunftsfähig machen.

Haben wir auch zu viele Krankenhäuser?

Brücker: Ja, im Vergleich mit vielen westeuropäischen Ländern. Für Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern gilt das nicht. Die Bettendichte liegt in Schleswig-Holstein bei 5,35 je tausend Einwohner, im Nordosten bei 5,99.

Wird hierzulande zu viel und zu schnell operiert?

Brücker: Auch das. Nirgendwo werden europaweit so viele Herzkatheder gelegt wie bei uns. Auch Knie- und Rückenoperationen gibt es zu viele.

Ihnen ist klar, dass Sie sich mit der Ärzteschaft anlegen?

Brücker: Das ist mir klar. Aber es gibt viele vernünftige Ärzte, die uns inzwischen Recht geben.

Was halten Sie von Mutter-Kind-Kuren?

Brücker: Es ist gewagt, an Mutter-Kind-Einrichtungen Kritik zu üben. Ich sage: Alleinerziehend ist keine Krankheit. Bei der Hälfte aller Fälle steht die soziale Komponente im Vordergrund.

Ich glaube, solche Rehabilitation kann nicht unsere Kernaufgabe sein. Wenn man diese familienpolitischen Maßnahmen weiterhin in dem Umfang will, muss man für differenzierte Finanzierungskanäle sorgen.

Wohin geht die Reise, was Krankenkassenbeiträge angeht?

Brücker: Die Rücklagen der gesetzlichen Krankenversicherung schmelzen. Bei dem medizinischen Fortschritt und der demografischen Entwicklung – die Menschen werden immer älter – müssen Versicherte sich darauf einstellen, dass Krankenversorgung teurer wird.

Interview: Curd Tönnemann

LN

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