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Wirtschaft im Norden Nur das beste Seegras kommt ins Kissen
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21:30 12.01.2019
Kristian Dittmann erntet Seegras und füllt damit Kopfkissen Quelle: Wolfgang Maxwitat
Kappeln

Nur ein leises Rascheln ist zu hören. In einer Scheune zieht Kristian Dittmann vorsichtig Seegras auseinander, das an unseren Küsten in großen Mengen als Treibsel angespült wird. Mit geübten Händen entfernt er Stöckchen, Federn und scharfkantigen Blasentang. Denn die getrocknete Wasserpflanze wird dort zu Seegraskissen verarbeitet. In Schleswig-Holstein ist Dittmann „der Seegrasmann“.

„Ich muss Seegras finden, das schon am Strand 90-prozentige Reinheit hat“, sagt er. Endlos ist er die Strände zwischen Flensburg und Schönberg abgelaufen, bis er die besten Erntestellen kannte. Seegras wächst bis zu sieben Meter unter Wasser auf dem Meeresboden. Im Herbst laubt es ähnlich ab wie Bäume. „Oktober ist für mich die Haupterntezeit.“ Aber auch das Wetter muss stimmen: Nur Ostwind treibt die Pflanzenreste ans Ufer, zu viel Sturm bringt zu viel Verunreinigungen. Mit einem Laster bringt Dittmann den Rohstoff in die 1000 Quadratmeter große Scheune, die ihm in Kappeln an der Schlei (Kreis Schleswig-Flensburg) als Lagerplatz und Arbeitsstätte dient.

Die letzte Ernte war Rekord

In einem großen Bottich wird das Seegras zunächst gewaschen, damit Sand, Meersalz und Grünalgen ausgeschwemmt werden. „Schon dabei zurzel ich alles raus, was pieksig ist“, erklärt der 49-Jährige, der an der Ostsee in Laboe (Kreis Plön) groß geworden ist. Anschließend kommt das Treibsel auf ein Abtropfnetz und schließlich wird es auf selbst gezimmerten Holzgestellen zum Trocknen aufgehängt. Im Sommer braucht es dazu nur einen Tag, jetzt in der kalten Jahreszeit dauert es bis zu zwei Wochen, bis die braunen Fäden trocken sind. An langen Stangen hängen sie in der dunklen Scheune und warten auf die Weiterverarbeitung. „Die letzte Ernte war Rekord“, berichtet Dittmann. 30 Kubikmeter Treibsel hat er eingesammelt.

Begonnen hat alles vor fünf Jahren bei einem Strandspaziergang bei Glücksburg. Beim Blick auf die angeschwemmten Seegrashaufen sei ihm der Gedanke gekommen: Das ist ein Rohstoff. Er nahm eine Probe mit nach Hause und wusch sie in der Badewanne – die erstmal verstopft war. Doch Dittmann blieb dran. Er erfuhr, dass Seegras schon früher die Stopfwolle der Küste war. „Noch 1948 gab es etwa 60 Seegrasfischer an den schleswig-holsteinischen Küsten“, erzählt er. Damals wurde das Treibsel auf abgemähte Koppeln geworfen, man hat es abregnen und von der Sonne trocknen lassen. Das Material diente zum Polstern, Füllen und Dämmen.

Auf Kissen spezialisiert

Die erste Nacht auf seiner selbst gefertigten Matratze war allerdings ernüchternd. „Sie war total plattgelegen“, erinnert sich Dittmann schmunzelnd. „Man musste das Fünffache hineinstopfen.“ Und so kommt eine 1,40 Meter breite und 20 Zentimeter hohe Matratze locker auf 40 Kilogramm Gewicht. Auch Nackenhörnchen, Teddys und Schuh-Einlegesohlen hat er aus Treibsel gefertigt. Doch inzwischen hat er sich auf Seegraskissen spezialisiert. „Denn es nützt ja nichts, wenn Ideen kurz vorm Portemonnaie des Kunden scheitern.“ Seine Rechnung geht auf: „Die Aufbauphase ist vorbei.“ Etwa 300 Kissen – in verschiedensten Formen und Größen – verkauft er pro Jahr mit seiner „Strandmanufaktur“.

Unbeliebt – aber wertvoll

Treibsel(auch Schwemmgut) an der Ostsee besteht überwiegend aus Seegras sowie verschiedenen Rot-, Blau- und Grünalgen. Auch Muscheln und Plastikteile können dabei sein. Für die Badeorte sind die angeschwemmten Teile vor allem eine Belastung. „Bei starkem Nord-Ost-Wind im Sommer sind schon mal 8000 Tonnen an einem Wochenende zusammengekommen“, berichtet Uwe Kirchhoff, Kurdirektor in Travemünde. Das entspricht etwa 400 Lkw-Ladungen. „Es bedeutet für uns einen Riesenaufwand, den Strand wieder sauber zu kriegen.“ Teuer ist es außerdem: Allein die Entsorgung auf der Deponie kostet Travemünde pro Tonne bis zu 25 Euro.

Tatsächlich deuten die Anschwemmungen aber auf einen guten ökologischen Zustand der Ostsee hin. Das Projekt „Posima“ der Universität Kiel sieht Treibsel als wertvolle Ressource, die vielfach verwendet werden kann: als Baustoff, als Tierstreu, bei der Knickpflege, als Mulch oder Dünger im Gartenbau oder zur Herstellung von Biokunststoff. Informationen im Internet unter www.posima.de sowie unter www.strand-manufaktur.de

Die Kunden sind begeistert. So berichten sie vor allem, dass sie besser schliefen und weniger schwitzten. „Seegras ist ein Wasserprofi“, sagt Dittmann, der in Hamburg Soziologie und Meeresbiologie studiert hat. Es könne das Dreifache seines Trockengewichts an Wasser aufnehmen. Dennoch würde es nicht modern oder schimmeln. Auch sei es schwer entzündbar. Das Material sei zudem bestens für Allergiker geeignet. Seine Inhaltsstoffe Jod, Bor und Rosmarinsäure hätten eine aseptische Wirkung, zählt er auf. Die natürlichen Inhaltsstoffe beruhigten die Haut und die Atemwege. Zudem spende die getrocknete Wasserpflanze eine angenehme Wärme.

Jetzt füllt er am Stopftisch das knisternde Material gleichmäßig in einen hellen Kissenbezug. Ist der Reißverschluss zu, wird das Kissen noch ein paarmal geworfen und geklopft, damit sich die Füllung gut im Inneren verteilt. „Ich bin ein Handwerker, der dafür sorgt, dass die Leute gut und gesund schlafen.“

Julia Paulat

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