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Wirtschaft im Norden Schleswig-Holstein sucht Wege aus dem Funkloch
Nachrichten Wirtschaft Wirtschaft im Norden Schleswig-Holstein sucht Wege aus dem Funkloch
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14:39 27.05.2018
Besonders im ländlichen Raum lässt das Handy-Netz oft zu wünschen übrig. Quelle: Fotos: Gollnow/dpa, Roessler
Lübeck/Kiel

„Die Anbieter müssen auch im eigenen Interesse eine optimale Versorgung ihrer Mobilfunkkunden sicherstellen", sagt FDP-Wirtschaftsminister Bernd Buchholz. Damit ist es zum Beispiel entlang der A 20 von Lübeck nach Bad Segeberg nicht zum Besten bestellt. Immer wieder bricht die Mobilfunkverbindung dort zusammen. Mehr Antennen müssten her, heißt es im Wirtschaftsministerium. Eine direkte Anweisung kann man den drei Netzbetreibern Telekom, Telefonica und Vodafone aber nicht geben.

Bei der Vergabe der Frequenzen für die damals neueste LTE-Technik durch die Bundesnetzagentur wurden die Unternehmen lediglich verpflichtet, bis Ende 2019 jeweils auf 98 Prozent der Fläche in Deutschland eine Mobilfunkversorgung sicherzustellen, erläutert Rainer Helle, der Referatsleiter Telekommunikation im Ministerium. In Schleswig-Holstein liege die Quote derzeit bei 97,1 Prozent.

Ein Teil der Funklöcher könnte also womöglich noch geschlossen werden. Eine 100-Prozent-Versorgung zu erreichen, dürfte aber schwierig werden. In einigen Gegenden gebe es nur so wenig Kunden, dass sich das Aufstellen teurer Antennen für die Konzerne nicht rechnen würde, heißt es. Außerdem würden etwa Hügel oder Wälder Funkwellen abschirmen, sagt Helle. Würden gleichzeitig sehr viele Kunden eine Funkzelle nutzen – zum Beispiel, wenn viele Auto- oder Bahnfahrer ihren Lieben daheim gleichzeitig einen Stau oder eine Verspätung melden wollen –, sinke die Leistungsfähigkeit des Netzes pro Kunde stark ab.

„Ich höre dich kaum noch. . . Der Empfang ist . . . weg. Mist!“ Die Politik spricht derzeit gern von Digitalisierung. Dabei hat selbst das mobile Telefonieren im Norden noch immer seine Tücken – zumal, wenn man per Auto oder Bahn unterwegs ist. Funklöcher allerorten. Das Wirtschaftsministerium in Kiel will jetzt den Druck auf die Betreiber erhöhen, sie endlich zu schließen.

Auch das Tempo, mit dem man sich fortbewege, spiele eine Rolle, sagt Theo Weirich, Geschäftsführer der „wilhelm.tel GmbH“ und Werkleiter der Stadtwerke Norderstedt. So versuche in einem über 200 Kilometer pro Stunde schnellen ICE oder Auto die nächste Antenne voraus schon das Gespräch zu übernehmen, während die zuletzt passierte es noch abgibt. Störungen seien die Folge. Deshalb sei es etwa nahezu unmöglich, aus dem ICE Hamburg–Berlin heraus mobil zu telefonieren, zumal entlang der Strecke auch noch die Zahl der Antennen gering sei. Und auch das Wetter habe Einfluss, sagt Weirich. Nutze ein Handy das von Küchen-Mikrowellen bekannte Frequenzband von 800 bis 1000 Megahertz, würde die elektromagnetische Strahlung zum Beispiel bei Nebel ebenso Energie als Wärme an die Wassertröpfchen abgeben. Die Mobilfunkleistung sinke.

Wirtschaftsminister will gegensteuern

Buchholz will trotzdem gegensteuern. Der Minister fordert, bei der 2019 anstehenden Vergabe der Frequenzen für die neue 5-G-Technik durch die Bundesnetzagentur „ein klügeres Anreizsystem“ einzubauen – Schleswig-Holstein ist wie alle Bundesländer im Beirat der Agentur vertreten. So könnte man in den weißen Flecken der Mobilfunkversorgung davon absehen, dass immer alle drei Netzanbieter gemeinsam eine Antenne aufstellen müssten und die Aufgabe nur einem von ihnen übertragen. Auch Rabatte bei den Lizenzgebühren, die die Unternehmen für die Nutzung der Frequenzen zahlen müssen, seien denkbar.

In Schleswig- Holstein trage bereits der im bundesweiten Vergleich am weitesten fortgeschrittene Glasfaserausbau dazu bei, die Mobilfunkqualität zu verbessern, weil auch an Glasfaser angeschlossene Mobilfunkantennen leistungsfähiger seien. Der Bund sollte zudem eine einheitliche App entwickeln, mit der Bürger Funklöcher melden können, sagt Buchholz. Sie könnte der Kontrolle dienen, ob die Unternehmen ihren Verpflichtungen nachkommen. Erste Apps aus Niedersachsen und Brandenburg seien noch zu ungenau. Buchholz fordert zudem Kreisverwaltungen und Gemeinden auf, das Aufstellen neuer Antennen schnell zu genehmigen und für die Antennen selber Gebäude oder Flächen für Masten zur Verfügung zu stellen.

Mehr Antennen für 5-G-Technik

Theo Weirich unterstützt diese Forderung ausdrücklich. „Wir werden für die neue 5-G-Technik etwa 15mal so viele Antennen wie heute brauchen, in Großstädten alle 300 bis 400 Meter eine.“ Die hochfrequente Strahlung reiche sonst nicht weit genug. Und: Die 5-G-Technik solle es Autos zum Beispiel erlauben, autonom zu fahren. Dazu aber müsse jede Funkloch- Gefahr gebannt sein.

Wie weit Deutschland dabei schon jetzt hinterher hinke, mache der Vergleich mit dem Großraum Tokio in Japan deutlich. Dort gebe es für 14 Millionen Menschen 77000 Mobilfunkantennen, in ganz Deutschland seien es für über 80 Millionen Menschen nur 70000. Vor allem in Großstädten sei die Versorgung viel zu dünn, auch in Lübeck und Kiel. Die Politik könne für die Entwicklung hin zu einer besseren Glasfaser- und Mobilfunkversorgung aber nur den Rahmen setzen. Ansonsten sei allein die Wirtschaft gefragt. „Wir brauchen engagierte Unternehmen, die das anpacken wollen“, sagt Weirich.

Ein ganz neues Netz

5G heißt die neueste Entwicklung im Mobilfunk. 2019 will die Bundesnetzagentur die Frequenzen dafür an die Netzbetreiber vergeben. Die neue Technik soll dann schnell Standard werden. Sie erweitert nicht einfach nur das bisherige Frequenzband, sondern ermöglicht auch ganz neue Anwendungen. So soll das 5-G-Netz so konstant und leistungsstark sein, dass eine zuverlässige Kommunikation von „Maschine zu Maschine“ möglich wird, dass also etwa autonom fahrende Autos miteinander Informationen austauschen können. Dazu muss aber das Antennennetz deutlich engmaschiger werden, heißt es.

 Wolfram Hammer

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