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Wirtschaft im Norden Lübecker lieben ihren alten Führerschein
Nachrichten Wirtschaft Wirtschaft im Norden Lübecker lieben ihren alten Führerschein
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10:27 11.07.2016
„Man hat doch schon genügend Chipkarten im Portemonnaie. Ich würde den alten Schein lieber behalten, statt ihn zu tauschen.“ Tanja Werft (40)

Vorsichtig streicht Carmen Scheerer-Thieke über das graue Papier und klappt es langsam auseinander. „Den geb ich auf gar keinen Fall her“, sagt sie und lächelt, „ich habe auch noch alle alten Personalausweise in meinem Portemonnaie.“ In der Hand hält sie ihren Führerschein, den sie vor rund 35 Jahren bekommen hat. Das Foto darin zeigt die mittlerweile 53-Jährige als junges Mädchen mit Locken und einer überdimensionalen Brille. „Das war damals modern“, sagt die Lübeckerin und lacht. Doch die alten Führerscheine sorgen nicht nur wegen der teilweise kuriosen Passbilder für jede Menge Unterhaltung. Sie sind schlichtweg eine nostalgische Erinnerung an alte Zeiten. Und fast niemand will sie gegen die moderne Version im Scheckkartenformat tauschen.

Eigentlich sollten die grauen und rosaroten Dokumente bis 2033 gelten. Doch nun will der Bundesrat einen früheren Umtausch forcieren, um eine Überlastung der Behörden zu vermeiden. Der Vorschlag stößt auf wenig Gegenliebe, an den alten „Lappen“ hängen Erinnerungen.

Doch genau das könnte bald auf Millionen zukommen. Der Verkehrsausschuss des Bundesrats hat eine entsprechende Empfehlung ausgesprochen. Eigentlich sollte bereits am Freitag darüber entschieden werden, doch der Bundesrat strich den Punkt kurzfristig von der Tagesordnung. Über ihn wird nun in der nächsten Sitzung verhandelt. Grund für den Umtausch, der eigentlich für das Jahr 2033 vorgesehen war, ist eine befürchtete Arbeitsüberlastung der Behörden. Um der vorzubeugen, sollen die Besitzer alter Führerscheine schon ab dem Jahr 2021 in Etappen mit dem Umtausch beginnen. Doch der Vorschlag stößt bei vielen Lübeckern auf wenig Gegenliebe. „Das ist einfach ein schönes Dokument“, meint Scheerer-Thieke, „wenn ich muss, dann tausche ich ihn. Aber sonst auf gar keinen Fall.“ Die 53-Jährige weiß noch genau, wie sie vor 35 Jahren bei Eis und Schnee zur Fahrprüfung in Heilbronn angetreten ist. „Eine Woche später wurde ich erst 18 und mein Vater und ich sind zum Amt gefahren, um den Schein abzuholen“, erzählt die Lübeckerin. „Nach Hause fahren durfte ich aber nicht. Mein Vater meinte, ich soll erstmal auf dem Hof üben.“

Auch Klaus Bert (73) kann sich noch genau an seine Fahrschulzeit erinnern. Und genau wegen dieser alten Erinnerungen würde auch ihm der Abschied vom grauen „Lappen“, der aus einem Papier-Textilgemisch besteht, schwer fallen. „Ich hatte im September 1964 angefangen. Die Fahrschule wollte mich schon rausschmeißen, weil ich im Winter lieber Skifahren war, statt Autofahren zu üben“, erzählt er. Im Frühjahr setzte der Fahrlehrer ihm die Pistole auf die Brust. Zuerst soll der damals 18-Jährige die Motorradprüfung ablegen, dann die Autoprüfung. „Aber dann bin ich bei Glatteis mit dem Motorrad so weggerutscht, dass ich gesagt habe, ,Ich komme erst wieder, wenn der Winter weg ist’.“ Im Mai 1965 war es soweit, dann hatte Klaus Bert seinen Führerschein in der Hand.

Der Umtausch hat aber auch Vorteile: „Die Chipkarte bekommt man viel besser verstaut“, meint Susanne Steffen (51), „der graue Führerschein ist einfach unpraktisch zum Einstecken.“ Etwas handlicher ist da schon der Nachfolger, ein kleiner rosaroter Schein, der von 1986 bis 1998 ausgegeben wurde. Er ist halb so groß wie der graue Schein und passt deshalb gut ins Portemonnaie. Leszek Garbacki (46) hat ihn erhalten, als er 1987 nach Deutschland kam. „Meinen Führerschein hatte ich zuvor in Polen gemacht. Die Theorie war nicht so meins, aber praktisch hat es ganz gut geklappt“, erzählt er.

Abgeben möchte auch er den Kult-Schein nicht. „Ich weiß nicht warum, aber irgendwie ist das doch etwas Besonderes.“ Auch Ruholla Khosrawi hat den roten Schein. „Als ich aus dem Iran kam, hatte ich zwar einen Führerschein, aber der Sehtest war abgelaufen“, erzählt der 68-Jährige. Die Hamburger Behörden erkannten das Dokument daher nicht an, der Perser musste in der Großstadt erneut eine Prüfung abgelegen. Umtauschen würde er das rosarote Papier jederzeit gegen eine Chipkarte. „Die kann man besser wegpacken und sie wird nicht so schnell schmutzig“, sagt er.

 Maike Wegner

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