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"Made in Germany" - Was ist das Gütesiegel noch wert?

Berlin "Made in Germany" - Was ist das Gütesiegel noch wert?

„Made in Germany“ steht auf vielen Produkten. Dahinter steckt meist eine verworrene Herstellungs-Kette.

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Quelle: dpa

Berlin. Was haben ein Akkordeon von Hohner, ein Lamy-Stift und ein schnurloses Telefon von Siemens gemeinsam? Auf den ersten Blick nicht sehr viel. Doch all diese Produkte sind zumindest nach Herstellerangaben „Made in Germany“ – produziert in Deutschland. Es ist ein Siegel, das nach Angaben des internationalen Marktforschungsunternehmens Global Market Insite nach „Made in USA“ und „Made in Japan“ mit 3836 Milliarden Euro eines der wertvollsten der Welt ist. Doch wofür steht das Label in Zeiten der Globalisierung überhaupt noch? Verbraucher zumindest können beim Einkauf oft nicht mehr eindeutig erkennen, ob ein Produkt nun in Deutschland oder im Ausland hergestellt wurde – selbst wenn es die Marke „Made in Germany“ trägt.

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„Made in Germany“ steht auf vielen Produkten. Dahinter steckt meist eine verworrene Herstellungs-Kette.

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Nicht nur Kleidungsstücke und Autoteile reisen meist erst um die halbe Welt, bis sie in Deutschland fertiggestellt werden. Eine Instanz, die die Vergabe des Siegels überwacht, gibt es trotz der traditionsreichen Geschichte des Labels nicht. Das führt immer wieder zu Problemen. Ein deutscher Kondomhersteller beispielsweise klagte vor zwei Jahren gegen einen asiatischen Mitbewerber, der seine importierten Präservative mit der Bezeichnung „Made in Germany“ vertrieben hatte. Die Begründung für die Verwendung der Bezeichnung: Die Kondome seien zwar in Asien produziert worden, doch die Endverarbeitung und Qualitätskontrolle habe in Deutschland stattgefunden. Der Bundesgerichtshof stellte daraufhin klar: Das ist wettbewerbswidrig und irreführend.

Genau so argumentierte das Oberlandesgericht Düsseldorf im Fall eines Besteckherstellers: Dieser produzierte Löffel und Gabeln in Deutschland, ließ seine Messer jedoch in China schmieden, härten und schleifen – trotzdem deklarierte er sie als „Made in Germany“. Das Urteil der Richter: Das Label ruft in diesem Fall beim Kunden falsche Vorstellungen hervor und ist damit nicht rechtmäßig.

„Die Warenmarkierung bezieht sich immer auf den Herstellungsort eines Erzeugnisses und damit auf dessen Ursprung“, sagt Marc Bauer von der Industrie- und Handelskammer (IHK) in Stuttgart. Hersteller sind aufgerufen, sich nach Artikel 60, Absatz 2, des Unionszollkodexes zu richten. Der besagt, dass die „letzten wesentlichen und wirtschaftlich gerechtfertigten Be- oder Verarbeitungen“ der richtige Weg für die korrekte Kennzeichnung sei. Doch auch dabei gibt es Grauzonen: Im Zweifelsfall muss oftmals vor Gericht entschieden werden, was denn „wesentlich“ an der Bearbeitung ist. „In vielen Fällen ist die Fertigungstiefe des Herstellers sehr gering. Das heißt, viele Komponenten werden an anderen Orten und mitunter von anderen Unternehmen gefertigt“, sagt Holger Brackemann von der Stiftung Warentest. So gebe es Herrenoberhemden, in deren Etiketts Deutschland zwar als Fertigungsland deklariert wird, tatsächlich allerdings nur noch der letzte Knopf auf deutschem Boden angenäht wurde. Der überwiegende Teil der Herstellungskette aber ist längst ins kostengünstigere Ausland ausgelagert.

„Es gibt zahlreiche Fälle, die nur schwer zu bewerten sind“, sagt der Experte. „Die Milch einer Kuh, die in Deutschland gemolken wurde, und bei der die Verarbeitung und Verpackung in Deutschland stattfand, würde man vermutlich als Produkt ,Made in Germany’ bezeichnen. Aber wie geht man mit dem Sachverhalt um, dass die Kuh in Südamerika erzeugtes Soja-Futter gefressen hat?“

Problematisch wird es darüber hinaus etwa bei Marken, denen seit jeher das Siegel „Made in Germany“ anhaftet – etwa in der Automobilherstellung. Nachdem beispielsweise die Endfertigung der neuen Generation des Porsche Cayenne noch im Werk in Leipzig erfolgte, kündigte das Unternehmen an, künftig die ganze Produktion ins slowakische Bratislava zu verlegen. Das einzige, was sich nach der gültigen Regelung bei diesem Produkt dann noch „Made in Germany“ nennen dürfte, ist die Entwicklung – aber nicht mehr das Produkt selbst. Nicht zuletzt deswegen fordert die EU strengere Vorschriften bei der Vergabe. Alle Hersteller sollten künftig angeben, in welchem Land dem Produkt der größte Wert hinzugefügt wurde. Doch der Vorstoß scheiterte bisher an der Uneinigkeit der EU-Staaten. „Der Verbraucher kann letztlich nur den Anbieter fragen und dann dessen Angaben vertrauen“, sagt Warentester Brackemann. Die Produzenten versuchen zuweilen, die Herkunft zu verschleiern, indem sie Formulierungen wie „Made by“ oder „Designed by“ statt „Made in“ verwenden. So bekommen beim Taschenhersteller Picard zwar ein Großteil der Produkte, das „Made in Germany“- Label. Jene jedoch, die in der Fabrik in Bangladesch gefertigt worden sind, werden schlicht mit „Made by Picard“ ausgezeichnet. Aber hilft das den Verbrauchern? Laut Stiftung Warentest ist deren einzige Möglichkeit, sich direkt beim Hersteller zu informieren.

DREI FRAGEN AN...

1 Wie wichtig ist das Zeichen „Made in Germany“ in Zeiten der Globalisierung? Industrieprodukte aus Deutschland sind weltweit nachgefragt, das gilt weit über BMW und Mercedes hinaus. Made in Germany ist ein weltweit wirkendes Qualitätssiegel. Es gibt der Kundschaft von Peking bis San Francisco die Sicherheit, ein hochwertiges Produkt zu kaufen. Das ist ein echter Mehrwert, denn für Maschinen aus Deutschland wird oft mehr bezahlt als für Maschinen anderer Herkunft. Made in Germany ist also bares Geld wert – für den deutschen Mittelständler wie für den deutschen Mega-Konzern.

2 Wie beschädigen Vorkommnisse wie der Abgasskandal bei VW die Reputation dieser Marke? Das ist ein Super-Gau für das positive Vorurteil über alle deutschen Produkte – eben nicht nur für VW. Es ist ein im höchsten Maße wirtschaftsschädigender Vorgang, weil die Reputation aller Produkte aus Deutschland angegriffen wird. Wenn morgen bei BMW oder einem Treppenlifthersteller etwas Rufschädigendes passiert, werden alle sofort fragen, ob nicht alle deutschen Firmen wie VW sind. „Made in Germany“ ist eine starke Marke: Aber selbst der Nimbus der stärksten Marke kann durch jahrelange Attacken Risse bekommen. Besonders die deutschen Hersteller haben einiges dafür getan, diese Marke selber anzugreifen – man denke da nur an den Elch-Test, den Gammelfleisch-Skandal oder die Deutsche Bank. Dabei lautet die markensoziologische Grundregel: Marken werden immer von innen zerstört, niemals von außen. Wenn „Made in Germany“ irgendwann kein Begriff mehr ist, dann haben die Deutschen dies selbst zu verantworten.

3 Was müsste denn getan werden, um das Image der Marke „Made in Germany“ zu sichern? Die Wertvernichtung von innen kann nur durch Leistung gestoppt werden: Nur über kontinuierliche technische Hochleistungen kann das positive „Made in Germany“-Image langfristig gestärkt und gesichert werden. Denn jedes Markenimage ist immer das Resultat von konkreten Leistungen. Erst wenn Manager einsehen, dass eine Marke in erster Linie ein soziales Phänomen ist, das wirtschaftliche Auswirkungen hat und nicht umgekehrt, kann solchen Fehlentwicklungen entgegengesteuert werden. Denn so wie das Image „Made in Germany“ in mühevoller Arbeit aufgebaut wurde, so erfordert der Erhalt weitere technische Höchstleistungen.

 Lena Modrow

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