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Wirtschaft im Norden Mindestlohn: Sorge um 32 000 Jobs im Norden
Nachrichten Wirtschaft Wirtschaft im Norden Mindestlohn: Sorge um 32 000 Jobs im Norden
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22:26 23.10.2013
Der flächendeckende Mindestlohn von 8,50 Euro scheint angesichts der Koalitionsverhandlungen von CDU und SPD nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Quelle: dpa
Lübeck

Der flächendeckende Mindestlohn von 8,50 Euro scheint angesichts der Koalitionsverhandlungen von CDU und SPD nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Eine Warnung kommt aber von der Vereinigung der Unternehmensverbände in Hamburg und Schleswig-Holstein (UV Nord): Der Verband befürchtet nach aktuellen Berechnungen, dass bei einer gesetzlichen Lohnuntergrenze 25 700 Arbeitsplätze alleine in Schleswig-Holstein verloren gehen würden. Zusätzlich seien 7000 Teilzeit-Jobs in Gefahr. Dies sei eine „nicht bewiesene Schutzbehauptung“ kontert der Deutsche Gewerkschaftsbund.

UV-Nord-Hauptgeschäftsführer Michael Thomas Fröhlich sieht die über 25 000 Arbeitsplätze vor allem in der Sozialwirtschaft, im Dienstleistungsgewerbe und im Service verloren gehen. „Dazu kommen rund 2000 Stellen bei den Zustelldiensten und 5000 Jobs bei den Taxifahrern oder den haushaltsnahen Dienstleistungen wie den Pizzaboten“, rechnet Fröhlich vor. „Überall dort, wo sich zum Beispiel Frührentner heute noch etwas dazuverdienen können.“ Ob das mit einem Mindestlohn in dieser Größenordnung noch möglich sein werde, bezweifelt er. Die Unternehmen könnten die zusätzlichen Personalkosten schlicht nicht stemmen.

„Weitere 14 900 Menschen in Schleswig-Holstein würden durch den Mindestlohn den Sprung in den Arbeitsmarkt gar nicht erst schaffen“, sagt Fröhlich weiter voraus. Dazu würden Geringqualifizierte, Langzeitarbeitslose aber auch Menschen mit Handicap zählen. „Ein weiterer Block, der noch nicht zu beziffern ist, sind die Mitarbeiter im produzierenden Gewerbe, das ins osteuropäische Ausland abwandern wird“, glaubt Fröhlich.

Ähnlich bewertet die Industrie- und Handelskammer (IHK) Schleswig-Holstein die Lage. Grundsätzlich würde sie es lieber sehen, wenn ein Mindestlohn durch die Tarifpartner und nicht durch die Politik festgelegt würde. IHK-Sprecher Michael Legband meint aber auch: „Neben einem erschwerten Arbeitsmarkteinstieg für Berufsanfänger sorgen wir uns vor allem um einen Anstieg der Schwarzarbeit, weil die Preise insgesamt weiter steigen könnten.“

Alles Schreckgespenster, schimpft der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB). Andreas Sankewitz, Geschäftsführer der DGB Region Schleswig-Holstein Südost, betont: „Das sind alles nicht zu beweisende Schutzbehauptungen.“ Vielmehr würde ein Mindestlohn in allen gewerblichen Bereichen eine Entlastung für Kommunen und Steuerzahler bedeuten, erklärt Sankewitz mit Verweis auf eine Untersuchung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Demnach müssten derzeit alleine über 6000 Lübecker trotz einer Anstellung zusätzliche Leistungen beim Jobcenter beziehen. „Stadt und Steuerzahler subventionieren bislang ein unsoziales Modell. Der Mindestlohn wäre eher ein Konjunkturprogramm als eine Gefahr für Arbeitsplätze“, so Sankewitz.

Kaum Auswirkung wird ein Mindestlohn auf das Handwerk haben, glaubt Hauptgeschäftsführer Andreas Katschke von der Handwerkskammer Lübeck. „In den meisten Bereichen gibt es bereits tarifliche Einigungen, die deutlich über den angestrebten 8,50 Euro liegen“, betont Katschke.

Schwarz-roter Kompromiss: 8,50 Euro soll 2015 gelten
Das Friseurhandwerk mit seinem Stufentarifvertrag zur Einführung eines Mindestlohns hat es vorgemacht. Ab 2015 soll, nach übereinstimmendem Willen der führenden Parteistrategen von CDU, CSU und SPD, in Deutschland Ost wie West ein flächendeckender, gesetzlicher Mindestlohn von 8,50 Euro gelten. Dieser erste, große Kompromiss nimmt bei den Koalitionsverhandlungen Gestalt an. Das Modell aus dem Friseurhandwerk, wo die Lohnuntergrenze ab August 2015 gilt, soll als Blaupause für die Beseitigung des großen Knackpunktes bei den Koalitionsverhandlungen dienen. Das bestätigten führende Koalitionsunterhändler gegenüber den LN.
Die SPD signalisierte dabei Problembewusstsein bei zwei Themen: 8,50 Euro pro Stunde dürfe nicht für Jugendliche ohne Ausbildung gelten und für Ungelernte dürfe mit dem Mindestlohn der Arbeitsmarkt nicht komplett verschlossen werden. D. Wonka

Jan Wulf

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