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Wirtschaft im Norden Minister ruft zum Boykott von Billigfleisch auf
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09:29 18.03.2014
Große Schlachthöfe können billiger produzieren als kleine Betriebe — doch können sie auch beim Tierschutz mithalten? Quelle: Fotos: Keystone, Strunk
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Kiel

Nächste Runde im Preiskrieg der Discounter: Aldi drückt nun auch die Fleischpreise weiter nach unten. Mitbewerber Norma zog bereits nach. Doch diesmal könnten sich die Strategen in den Firmenzentralen verrechnet haben. Bundesweit sorgt ihr Schritt in Verbänden und Politik für Protest. Landwirte und Schlachthöfe würden unzulässig unter Druck gesetzt, billiger zu produzieren, so der Tenor. Im Norden, wo das Land gerade den großen Vion-Schlachthof in Bad Bramstedt schließt — die Staatsanwaltschaft hatte ihn durchsucht und ermittelt wegen Hygienemängeln und Tierquälerei — ist die Empörung besonders groß.

„Unsere wertvoll erzeugten Lebensmittel dürfen nicht verschleudert werden“, sagt Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU). Es sei schlichtweg „eine Schweinerei“, wenn die Discounter über Fleischwaren einen Dumpingwettbewerb führen, urteilt Kiels Grüner Umweltminister Robert Habeck und fordert die Bürger zum Boykott auf: Sie sollten solche Waren am besten „verschmähen“. Er wisse, dass bei vielen Menschen jeder Euro im Portemonnaie zähle. Auf der Strecke blieben aber „unsere Landwirte, die Tiere und letztlich die Verbraucher selber“. Und: „Wenn man will, dass auf Schlachthöfen gute Bedingungen herrschen und Tiere nicht über Gebühr leiden, dann muss man sich klar darüber sein, dass es dies alles nicht im Sonderangebot gibt.“ Im Schlachthof in Bad Bramstedt konnten 500 Rinder am Tag getötet und zerlegt werden. Offenbar wurden viele von ihnen vor dem Schlachten aber nicht einmal richtig betäubt, so das Umweltministerium.

Die Arbeit erledigten bei Vion offenbar zu einem großen Teil Hilfskräfte, vor allem aus Rumänien. Sie wurden mit Werkverträgen zu extrem niedrigen Löhnen angestellt. Fünf Euro Stundenlohn werden in der Branche vielleicht gezahlt, schätzt Rita Suhr, Geschäftsführerin des Fleischerverbandes Schleswig-Holstein. Oft müssten Hilfskräfte davon noch Unterkunft und Arbeitsmittel bezahlen. Die kleineren Innungsbetriebe, die sie vertritt, könnten nicht dagegen kalkulieren. „Ein Geselle bekommt bei uns 10,10 Euro, nach vier Jahren zwölf Euro pro Stunde, Ungelernte 9,20 Euro.“ Dazu kommt: Die kleinen Schlachtbetriebe können den Landwirten nur wenige Tiere abnehmen, keine ganzen Partien. Es gäbe aber Überlegungen, eine Genossenschaft zu gründen und Kapazitäten zu bündeln.

In Krummesse bei Lübeck schlachtet Fleischermeister Robert Prösch pro Woche zwei Rinder für seinen Laden, zwei für Fleischer- Kollegen. Viel mehr wäre nicht drin, „baulich und weil das Fleisch ja auch gekühlt, gelagert und abtransportiert werden muss“. Gegen die Discounter mit ihren eigenen Lieferketten und gegen Groß- Schlachtereien wie Vion komme man damit preislich nicht an. Er setze auf Kunden, die die Qualität des Fleisches zu schätzen wüssten und den Tierschutz. „Die Schweine, die ich schlachte, sind drei Minuten, nachdem sie den Stall verlassen haben, bei mir.“

„Kaufen Sie beim Handwerk“, rät auch Rita Suhr den Verbrauchern. Aldi hält dagegen. Man gebe mit den Preissenkungen nur gesunkene Einkaufspreise an die Kunden weiter, ohne Abstriche an der Qualität oder Tierschutzstandards. Für Bauernpräsident Werner Schwarz hingegen steht fest: Der Druck auf die Erzeuger, billiger zu produzieren, wird größer.

Wolfram Hammer

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