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Operation Flughafen: Gelingt die Rettung?

Lübeck Operation Flughafen: Gelingt die Rettung?

Der neue Eigentümer, Euroimmun-Chef Winfried Stöcker, setzt auf Geschäftsflieger – Langfristig sollen aber auch wieder Linienflieger in Blankensee abheben – von 2022 an kann der Unternehmer Flächen von der Stadt kaufen.

Tristesse auf dem Flughafen Blankensee, kein Mensch weit und breit. Doch nach dem Verkauf hoffen die Verantwortlichen auf neues Leben am Airport.

Quelle: Lutz Roeßler

Lübeck. Baustelle. Nichts als Baustelle. Der Blick aus dem Konferenzraum fällt auf einen riesigen Kran, ein abgerissenes Haus und wehende Bauplanen. Das Zimmer liegt im fünften Stock am Neuen Wall mitten in der Hamburger City. Dort hat Insolvenzverwalter Klaus Pannen sein Büro. Drinnen sitzt Euroimmun-Chef Winfried Stöcker – der hat sich gerade eine eben solche Baustelle gekauft. Den Lübecker Flughafen. Dort steht zwar kein Kran – aber dennoch ist der Airport eine der größten Baustellen, die die Hansestadt zu bieten hat. In elf Jahren haben sich drei Investoren daran versucht – und die Stadt. Alle sind gescheitert, alle haben dort Millionen versenkt.

LN-Bild

Der neue Eigentümer, Euroimmun-Chef Winfried Stöcker, setzt auf Geschäftsflieger – Langfristig sollen Linienflieger in Blankensee abheben – Von 2022 an kann der Unternehmer Flächen von der Stadt kaufen.

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Jetzt will es der Lübecker Unternehmer Stöcker wagen – und versucht zu erklären, warum. Der 69-Jährige ist zum Retter des Airports geworden, ein bisschen wider Willen. „Wir wollten auf keinen Fall, dass der Flughafen untergeht“, erklärt Stöcker seine Motivation. Er ärgere sich darüber, dass er morgens um 5 Uhr aufstehen muss, um nachmittags einen Flieger nach New York zu bekommen. Er will Lübeck an Drehkreuze wie München, Wien oder Zürich anschließen. Sein Medizintechnik-Unternehmen brauche diese Infrastruktur, so Stöcker. Doch nach der zweiten Insolvenz einen Käufer für den Flughafen zu finden, war schwierig.

Flughafen Lübeck hat neuen Besitzer

Euroimmun-Chef Winfried Stöcker hat den Lübecker Flughafen gekauft - Wie finden Sie das?

Insolvenzverwalter Pannen ist es nach neun Monaten zäher Verhandlung gelungen. Stöcker hat gekauft. „Hätte der Lübecker Airport dicht gemacht, hätten wir unseren Unternehmens-Standort aufgeben müssen“, macht er klar. Denn seine Firma wachse derart schnell, dass sie in fünf Jahren die doppelte Größe habe. Stöckers Unternehmen liegt auf der anderen Seite des Flughafens, grenzt direkt an das Areal an – gehört aber bereits zu Lübecks Nachbargemeinde Groß Grönau. Dort – Am Sonnenberg 9 – hat jetzt auch die neue Flughafen-Gesellschaft ihren Sitz.

Kuriose Petitesse: Groß Grönau ist die Gemeinde, die am vehementesten gegen den Flughafen kämpft – und auch gegen den Planfeststellungsbeschluss klagt. Der soll dem Airport den Ausbau sichern und damit die Zukunft. Das Gerichtsverfahren hängt seit Jahren in der Luft – weil die Flughafen-Eigentümer ständig wechseln. Stöcker will es jetzt zu Ende bringen. „Wir wollen zeigen, dass wir langfristig am Flughafen interessiert sind“, so Stöcker. Linienflieger nach Blankensee zu bekommen sei schwierig, ohne einen gesicherten Airport-Ausbau unmöglich. Ist das Gerichtsverfahren gewonnen, will Stöcker elf Millionen Euro investieren. Dann kriegt er 5,5 Millionen Euro von der Stadt dazu.

„Wir müssen in der Branche erst wieder Vertrauen zurückgewinnen“, erklärt Jürgen Friedel. Er sitzt neben Stöcker im Konferenzraum und wird Flughafen-Chef – mal wieder. Er hatte den Airport schon von Mai 2011 bis Oktober 2013 geleitet. „Wir backen kleinere Brötchen“, kündigt er an. In anderthalb bis zwei Jahren könnte er bei Fluggesellschaften an die Tür anklopfen. Denn die haben Lübeck den Rücken gekehrt. Die langjährigen Kunden des Lübecker Airports, Ryanair und Wizz Air, starten jetzt in Hamburg-Fuhlsbüttel.

Bis Linienflieger in Lübeck landen, wird sich nicht viel ändern am Airport. In den Hallen haben 60 Privatleute ihre Flieger stehen, die werden auch nach wie vor von Blankensee abheben können. Die Segelflieger auch. Die Idee: Zunächst sollen private Flüge für Geschäftsreisende ausgebaut werden und zudem die Charterflüge für Reiseanbieter. Später kann man sich dann Linienflüge vorstellen. Nach Mallorca, Bergamo, Kiew, in die Türkei. Aber Stöcker macht klar: „Wir wollen eine andere Klientel als die Billigflieger in Hamburg.“

Und die Mitarbeiter? Von den einst 85 haben nur noch 59 einen Job am Flughafen. Weitere wird Pannen noch entlassen. Am Ende verbleiben 30 bis 35. Stöckers Modell: Sie arbeiten am Flughafen, wenn ein Flieger kommt, wenn nicht, arbeiten sie bei Euroimmun. „Die Hälfte der Leute ist schon bei uns beschäftigt“, so Stöcker.

Klar ist: Die Baustelle Flughafen wird zunächst einmal Geld kosten. Mit 100 Mitarbeitern verschlang der Airport 600 000 Euro im Monat. Mit 30 Beschäftigten dürfte es wesentlich weniger sein. Und:

„Wir haben die Strukturen optimiert“, so Pannen. Aber an die Stadt wird Stöcker Geld zahlen müssen. Konkret: 150 Hektar hat die Stadt veräußert. Das war bereits bei den anderen privaten Investoren so. Davon sind 130 Hektar Ausgleichsflächen für den Flughafen-Ausbau, weitere 20 Hektar nördlich der Blankenseer Straße sind für Parkplätze vorgesehen. 213 Hektar verpachtet die Stadt:

Flughafen-Gelände inklusive Start- und Landebahn sowie der Immobilien. Die Pacht beträgt 300 000 Euro im Jahr. Stöcker hat für diese Flächen und die Gebäude ab 2022 eine Kaufoption.

Er kann sich vorstellen, sein Unternehmen auf dem Grundstück zu erweitern. „Aber das spielt eine untergeordnete Rolle“, sagt Stöcker. „Mir geht es um den Betrieb des Flughafens.“ Und dafür hat er auch Geld auf den Tisch gelegt – deutlich mehr als einen symbolischen Euro. Aber er schweigt dazu. „Den Preis habe ich vergessen.“

Unternehmer mit Expansionsdrang

Wer ist der Mensch, der den Lübecker Flughafen gekauft hat? Winfried Stöcker (69) ist Chef der Euroimmun AG mit Hauptsitz in Groß Grönau vor den Toren Lübecks. Das Unternehmen stellt Reagenzien für die medizinische Labordiagnostik her. Euroimmun beschäftigt mehr als 2000 Mitarbeiter und ist seit Jahren auf Expansionskurs. Nach Unternehmensangaben lag der Jahresumsatz zuletzt bei gut 200 Millionen Euro.

Stöcker kam 1947 in der Oberlausitz auf die Welt, siedelte mit seiner Familie 1960 nach Westdeutschland über. Er studierte in Würzburg Medizin, promovierte, arbeitete danach als Truppenarzt bei der Luftwaffe. 1987 gründete er Euroimmun. 1999 wurde er Honorarprofessor der Medizinischen Hochschule in Wuhan (China), 2011 Honorarprofessor der Universität Lübeck.

Vor zwei Jahren wurde Stöcker in Mecklenburg-Vorpommern als „Unternehmer des Jahres“ ausgezeichnet. Bei einem Vergleich der „Wirtschaftswoche“ von 3000 mittelständischen Unternehmen in Deutschland belegte Euroimmun Platz drei.

Unumstritten ist die Person Stöcker nicht. Gegenüber der „Sächsischen Zeitung“ äußerte der Unternehmer 2014, er wolle Flüchtlinge und überhaupt Ausländer „am liebsten zurück in ihre Heimat schicken“.

Sie hätten kein Recht, „sich in Deutschland festzusetzen“. Afrikaner bezeichnete Stöcker als „Neger“. Der Unternehmer wurde wegen Volksverhetzung angezeigt. Die Staatsanwaltschaft Görlitz ermittelte, stellte das Verfahren später ein. Stöcker entschuldigte sich öffentlich „wegen seiner nicht angebrachten Formulierungen“.

Unterdessen expandiert Euroimmun – vor allem in Mecklenburg-Vorpommern. Der Standort Selmsdorf beschäftigt mehrere hundert Mitarbeiter. Gegenüber der 2008 gegründeten Niederlassung in Dassow errichtet Euroimmun für zwölf Millionen Euro ein „Haus der Ingenieure“. Drei weitere Standorte befinden sich in Sachsen und Oberfranken. International unterhält Euroimmun zwölf Niederlassungen.  ctö

CDU: „Eine Stärkung der Region“

Gerhard Haase (Schutzgemeinschaft gegen Fluglärm Lübeck und Umgebung): „Für Herrn Stöcker werden Lärmschutzmaßnahmen am Flughafen fällig. Das sollte er wissen. Falls er versucht, das Planfeststellungsverfahren auszusitzen, werden wir juristisch dagegen angehen.“

Nicky Gernhardt (Verein Pro Airport Lübeck): „Dieser Investor bringt unseres Erachtens alle notwendigen Voraussetzungen mit, um dem Lübecker Flughafen doch noch eine gesicherte und langfristig erfolgreiche Zukunft zu bescheren.“

Hans-Jörn Arp (CDU-Landtagsfraktion): „Ich freue mich für Lübeck, für die Flughafenmitarbeiter und für die Stärkung der Region. In der Region verankerte Unternehmer gehen mit einem ganz anderen Interesse und viel mehr Hintergrundwissen an so etwas heran als internationale Investmentgruppen.“

Christopher Vogt (FDP): „Fest stand für uns immer, dass es nur mit einem privaten Investor gelingen kann, der es mit seinem Engagement ernst meint. Nach bewegten Jahren der leeren Versprechungen sind wir zuversichtlich, dass diese Lösung zum Erfolg führt.“

Eine Serie von Bauchlandungen

Regionalflughäfen rechnen sich einfach nicht. So scheint es. Wohl nirgendwo ist das in den vergangenen Jahren deutlicher geworden als in Lübeck. Der Airport südlich der sieben Türme ging durch mehrere Hände – und am Ende wollte ihn keiner behalten. Oder noch schlimmer: Der als Heilsbringer gepriesene Investor verschwand im Nirgendwo.

Während des Ersten Weltkriegs wurde der Flughafen 1917 fertiggestellt und nahm als kaiserliche „Fliegerschule Lübeck“ ihren Betrieb auf. Während des Zweiten Weltkriegs wurde Blankensee ab 1940 Luftwaffen-Stützpunkt für die Invasion in Dänemark und Norwegen. Mithilfe von Zwangsarbeitern wurde die Start- und Landebahn 1944 auf 1800 Metern Länge betoniert. Anfang der 1950er kamen die Segelflieger, 1955 wurden zivile Motorflüge erlaubt.

Die letzten Kapitel des Airports begannen damit, dass die Hansestadt die Fliegerei als stattliches Zuschussgeschäft nicht länger am Hals haben wollte. 2005 verkaufte die Stadt die Mehrheit ihrer Anteile an den neuseeländischen Investor Infratil. Der irische Billigflieger Ryanair, 2000 gekommen, ließ seine Ziele ab Lübeck immer attraktiver werden. Und Infratil kündigte an, den Flughafen weiter auszubauen. Umweltverbände klagten. Und bekamen Recht. Das Planfeststellungsverfahren wurde von Infratil aufgegeben. Nötig war es schon allein deswegen, weil der Flughafen zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs nie planfestgestellt worden war. Es dauerte bis 2008, ehe ein modifizierter Plan auf dem Tisch lag – mit Umweltverbänden abgestimmt.

Doch das Fluggastaufkommen von 700000 Passagieren im Jahr 2009 – mehr als viermal so viel wie zuletzt – reichte Infratil nicht. Die Neuseeländer zogen sich zurück. Die Gesellschafteranteile flossen an die bettelarme Stadt. Deren Bürgerschaft verweigerte eine weitere finanzielle Unterstützung, ein Bürgerbegehren revidierte diese Entscheidung 2010. Der Flughafen bekam eine Galgenfrist bis Ende 2012 – zwecks Investorensuche.

Was danach folgte, waren zirkusreife Bauchlandungen. 2013 übernahm der Ägypter Mohamad Rady Amar den Airport von der Stadt – und verschwand ein Jahr später von der Bildfläche. Der Flughafen musste Insolvenz anmelden. 2014 stieg der chinesische Investor Chen Yongqiang ein und drehte dem Airport nur ein Jahr später den Geldhahn zu. Und wieder suchte der Insolvenzverwalter nach einem Interessenten. Vom Flughafen-Personal überlebte nur ein kleiner Teil diese Durststrecke.  ctö

 Josephine von Zastrow

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