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Wirtschaft im Norden Personalnot weitet sich aus: Alle Branchen betroffen
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21:23 14.01.2018
Foto mit Symbolcharakter: Zwei Lkw, ein Fahrer. Rüdiger Blöß (54) von der Spedition Böhls und Behncke.     Quelle: Neelsen
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Lübeck/Kiel

Massive Probleme gibt es bei Baufirmen, Hotels, Speditionen und Pflegediensten. „Personal fehlt besonders im Handwerk, in Pflegeberufen, im Hotel- und Gaststättengewerbe sowie bei den Speditionen“, verdeutlicht Sebastian Schulze, Geschäftsführer der Unternehmervereinigung UV Nord. Firmen müssten Aufträge ablehnen, weil sie das notwendige Personal nicht hätten. „Der Fachkräftemangel wird zur Wachstumsbremse.“

Der Zentralverband des deutsche Handwerks (ZFH) geht davon aus, dass 40 Prozent der Betriebe Probleme bei der Besetzung offener Stellen haben. „Einige Firmen würden angesichts der guten Auftragslage gerne wachsen, finden aber keine Mitarbeiter“, erklärt Anja Schomakers, Sprecherin der Handwerkskammer Lübeck.
„Die Situation ist sehr schlimm“, meint Jan Jacobsen vom Baugewerbeverband Schleswig-Holstein. Aufgrund des Fachkräftemangels hätten bereits Betriebe schließen müssen. „Es fehlt auch der Nachwuchs.“ 45 000 Lehrlinge bundesweit müssten eigentlich jährlich ausgebildet werden. Tatsächlich seien es unter 10<TH>000. „Das ist viel zu wenig.“ Im Norden sei das Verhältnis entsprechend. Eine Dramatik, die sich seit Jahren abzeichne. „Es gibt immer weniger Schulabgänger, immer mehr machen Abitur und studieren.“

Restaurants müssten die Speisekarte verkleinern, weil der Koch fehle, sagt Stefan Scholtis, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) Schleswig-Holstein. Oder es gebe keine Außengastronomie, weil zu wenig Kellner da seien. Besonders Hotels und Gaststätten, die etwas Abseits lägen, hätten Probleme. „Die finden zum Teil überhaupt keine Mitarbeiter mehr.“

Den Speditionen fehlen Fahrer, stellt Thomas Rackow, Geschäftsführer beim Unternehmensverband Logistik in Neumünster fest. „Es geht auch um Leute, die Läden, Kliniken und Tankstellen beliefern oder um die Müllabfuhr.“ Es warnt vor Lieferengpässen: „Die Personalkosten steigen, die Preise auch“. Längst versuche die Branche, Fahrer mit Zusatzleistungen zu ködern, so Rackow. „Der Arbeitgeber muss sich kümmern<TH>– von der Versicherungszuzahlung für Zahnersatz oder Brille bis zur Altersvorsorge.“ Der Lkw-Führerschein könne im Rahmen der Ausbildung gemacht werden. Leider liege die Abbrecherquote bei 30 Prozent, von den übrigen würden 30 Prozent gleich nach der Prüfung aufhören.

Die Betriebe müssten mehr bieten, weiß auch Stefan Scholtis. Länger Arbeitende ohne Abschluss hätten die Möglichkeit, diesen über die Industrie- und Handelskammer (IHK) verkürzt nachzuholen.

Landesarbeitsminister Bernd Buchholz (FDP) appelliert an die Betriebe, sich hinsichtlich der Vereinbarkeit von Familie und Beruf möglichst flexibel aufzustellen. Das Land bemühe sich, gut ausgebildete Geflüchtete durch Sprachkurse und andere Angebote in den Arbeitsmarkt zu integrieren. „Hier schlummert ein großes Potenzial.“

Von Marcus Stöcklin

LEITARTIKEL

Fachkräftemangel bietet auch große Chancen
 
Es ist die Zeit des großen Schulterzuckens: „Die Heizung leckt?“ – „Unsere Monteure sind ausgelastet.“ Und es sind Zeiten des Bedauerns: „Ihr Dach muss dringend gedeckt werden?“ – „Dafür haben wir erst in der warmen Jahreszeit Termine.“ Es sind auch Zeiten, in denen Ängste entstehen: Dem Pflegedienst fehlen Leute, wer hilft meinen bedürftigen Angehörigen, wenn ich mich nicht selbst kümmern kann? Die Situation auf dem Arbeitsmarkt verschärft sich in eine Richtung, die Firmeninhabern aller Branchen Sorgenfalten auf die Stirn treibt. Es gibt kein einfaches „Weiter so“. Ideen sind gefragt – und daraus entstehen viele neue Chancen.
Vor Jahren wurden Jobexperten noch belächelt, wenn sie vor der Situation warnten, vor der wir heute stehen. Für viele Arbeitslose und von Arbeitslosigkeit Bedrohte klang der Hinweis auf den kommenden Fachkräftemangel wie Hohn. Jetzt sind die Arbeitsmarktzahlen gut wie nie seit Anfang der 90er Jahre. Mancherorts kann man fast von Vollbeschäftigung reden. Das bedeutet aber auch: Wenn jemand im Betrieb ausfällt, weggeht, aufhört, ist kaum Ersatz zu bekommen. Das stärkt das Selbstbewusstsein der Arbeitnehmer.
Plötzlich sind sie wieder etwas wert, die über 50-Jährigen, die früher zu Unrecht schnell zum alten Eisen gezählt und aussortiert wurden. Jetzt sind Firmen gut beraten, gerade das Personal mit großer Erfahrung zu pflegen und zu halten – sonst freut sich die Konkurrenz und schnappt sie weg.
Auch für Auszubildende und Berufseinsteiger verbessert sich die Lage. Die Chancen steigen, nach der Lehre übernommen zu werden und im Unternehmen der eigenen Wahl Karriere zu machen. Das motiviert im besten Fall auch zu höheren Leistungen und bringt Gewinn für alle Beteiligten.
Wo die Lage früher für die Arbeitnehmer prekär war, sind jetzt die Arbeitgeber in der Pflicht. Personal zu werben und zu halten, ist dabei nicht nur eine Sache des Geldbeutels. Kleine Firmen können nicht mal eben einen großen Schein aufs Gehalt drauflegen. Aber sie können eine Atmosphäre schaffen, die den Arbeitnehmern zugute kommt. Gleitende Arbeitszeit, mehr Freizeit, vielleicht Extra-Urlaubstage, Zuschüsse zum Kurs im Fitnesscenter, ein Dienstmoped oder Dienstwagen für den Lehrling oder Mitarbeiter mit weiter Anreise. Vieles ist möglich, was früher undenkbar war. Und manche solche Gesten von Firmen bedeuten den Angestellten mehr als die Prämie am Jahresende.
Schon jetzt, und auch das ist eine gute Nachricht, nimmt das Argument Fachkräftemangel denen Wind aus den Segeln, die gegen Flüchtlinge hetzen. Es ist keine ferne Zukunft, sondern längst Realität: In allen Branchen werden Leute gesucht. Wir sollten uns über Menschen, die hier leben und arbeiten wollen, freuen. Und sie bei der Integration nach Kräften unterstützen.

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