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Wirtschaft im Norden Plakette hin oder her: Viele Fahrer stehen zu ihrem Diesel
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12:47 07.03.2018
Kfz-Meister Torsten Meyenborg (52) führt in seiner Lübecker Werkstatt Abgastests durch und darf die grüne Plakette vergeben. Viele seiner Kunden fahren Diesel-Fahrzeuge. Quelle: Fotos: Ulf-Kersten Neelsen
Lübeck

„Erst verkaufen sie uns diese Autos, und dann sollen wir nicht damit fahren!“ Salvatore Cairoli (57) ist sauer auf die Politik und die Autokonzerne. Der Gastwirt besitzt zwei Diesel: einen BMW X 5, den er auch privat nutzt, und einen Mercedes Sprinter, in dem er Waren transportiert. „Den Sprinter habe ich drei Jahre“, sagt Cairoli. Beide Autos haben eine grüne Plakette, aber ob sie die blaue bekommen würden? „Keine Ahnung.“ Er denke trotzdem nicht daran, sich neue Fahrzeuge zu kaufen. „Die Autokonzerne haben versucht zu schummeln, und wir sollen es bezahlen. Das ist doch eine Schweinerei.“

Hellblaue und dunkelblaue Plaketten, Fahrverbote – für Diesel-Fahrer scheint es derzeit knüppeldick zu kommen. Nicht alle haben dafür Verständnis. Unterstützung bekommen genervte Dieselbesitzer vom ADAC Schleswig-Holstein und dem Verband der Tüv in Berlin.

„Ein neues Auto?“ Da schüttelt auch Katrin Bisping (48) den Kopf. Die Umwelt-Bedenken, das sehe sie ja ein. Doch zu ihrem Ford Tourneo mit drei Sitzreihen sieht die Lehrerin derzeit keine Alternative. „Daran kann ich nicht denken. Nicht mit fünf Kindern.“ Fünf Jahre alt sei ihr Diesel-Kleinbus, für eine Neuanschaffung fehle derzeit das Geld. „Sonst würden wir überlegen. Die Umweltbelastung ist grauenvoll.“ Nicht jeder ist – wie Medienunternehmerin Eva Laucke (41) – in der Lage, sein Auto einfach wechseln zu können. Sie hat ihren Volvo XC 60 Diesel geleast: „In zwei Monaten können wir einen neuen Wagen bekommen – das wird ein Benziner. Aus ökologischen Gründen.“ Anna Voss (21) treibt die Sorge um, mit ihrem Mercedes GLA 220 Diesel nicht mehr überall durchzukommen. „Ich würde mir keinen Diesel mehr kaufen.“ Benziner seien aber nicht umweltfreundlicher, ist sie überzeugt. „Dann müsste man Fahrrad fahren.“

„Wenn auch die Lieferwagen nicht mehr in die Innenstädte dürfen, wird das Geschrei groß sein“, gibt Benjamin Röhling (36) zu bedenken. Er fährt einen Skoda Roomster TDI. „Das Auto ist sehr wirtschaftlich, es verbraucht nur sechs Liter.“ Da er zur Arbeit und zurück täglich 50 Kilometer fahre, sei das für ihn sehr wichtig, betont der Gastronom. Er werde das Auto weiter fahren. „Dass ich nicht überall damit hinkomme, ist mir egal.“

Michael Lippe (47), Hafenarbeiter aus Lübeck, glaubt, den wahren Grund für Fahrverbote zu kennen: „Dahinter steckt die Autoindustrie. Es geht doch nur darum, mehr Neuwagen verkaufen zu können.“

Tatsächlich haben Toyota und Volvo den Diesel zu einem Auslaufmodell erklärt, das sie – von Ausnahmen abgesehen – nicht mehr bauen wollen. Die Nachfrage nach Diesel-Autos sinkt, die Preise fallen.

„Dahinter steht die Angst vor immer mehr Fahrverboten“, meint Kfz-Meister Torsten Meyenborg (52). In seiner Lübecker Werkstatt führt er Abgastests durch und darf die grüne Plakette vergeben. Viele seiner Kunden seien Handwerker. „Wie sollen die ohne Diesel auskommen? Auf Benzin umzusteigen, wäre für die meisten viel zu teuer.“ Ulf Evert vom ADAC Schleswig-Holstein stößt ins gleiche Horn.

Fahrverbote seien ein stumpfes Schwert: „Die meisten Betroffenen werden einfach eine andere Route nehmen.“ Die Luft werde dadurch nicht besser.

„Neue Plaketten werden das Problem nicht lösen“, bekräftigt Richard Göbelt vom Verband der Tüv in Berlin. Von 15 Millionen zugelassenen Dieseln erfüllten schon jetzt 57,7 Prozent die Euro 5- oder 6-Norm. Fahrverbote gelte es zu verhindern: „Sie belasten die Verbraucher zu stark.“ Dagegen könne der Staat die Kommunen unterstützen, um die Diesel umzurüsten, die im öffentlichen Nahverkehr eingesetzt seien.

 Von Marcus Stöcklin

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