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Wirtschaft im Norden Protest: Pendler legen Bahnstrecke lahm
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23:12 25.10.2017
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Bahnreisende auf der Strecke Schönberg–Bad Kleinen

„Die Idee schwirrte schon mehrere Wochen in unseren Köpfen“, sagt Achim Bonnichsen: Ein „Flashmob“, der auf die anhaltenden Probleme im Pendlerverkehr aufmerksam macht. Nun ist es so weit. Nach seinen Angaben treffen sich mehr als 300 Sylt-Pendler auf dem kleinen Bahnhof Klanxbüll zu der scheinbar spontanen Aktion, drängen in den Regionalexpress nach Westerland. Planmäßige Abfahrt: 7.12 Uhr. Doch der RE 6 ist „leider“ zu kurz für die vielen Fahrgäste.

Bahnhof Klanxbüll, gestern früh: Zwei Züge stehen auf den Gleisen, nichts rührt sich. Pendler haben die Waggons blockiert. Quelle: Foto: Rüdiger Pohlmann

Auf der Strecke Hamburg–Sylt kommt es wiederholt zu Verspätungen und Zugausfällen. Die Deutsche Bahn hatte im vergangenen Dezember den Betrieb der Strecke von der Nord-Ostsee-Bahn (NOB) übernommen.

Loks und Wagen gehörten dem Land, standen jedoch wegen technischer Probleme nicht zur Verfügung. In der Folge organisierte die Deutsche Bahn dann Ersatz, teilweise mit in die Jahre gekommenen Waggons.

Die Menschen haben von den Problemen die Nase voll. Sie stauen sich an diesem Morgen in den Gängen der Waggons, es geht weder vor noch zurück. „Die Zug-Türen konnten nicht geschlossen werden“, erzählt Bonnichsen: Also habe der RE 6 nicht weiterfahren können. Die Regionalbahn hat dann die Idee, auf Gleis 2 einen Pendelzug Klanxbüll–Westerland einzurichten. Auch dieser Zug wird blockiert, so dass sich Verspätungen in beide Richtungen aufbauen.

Die Polizei bleibt derweil im Hintergrund. „Solange sich niemand an die Gleise kettet, werden wir nicht eingreifen“, sagt ein Beamter dem NDR. Tatsächlich bleibt die Stimmung in Klanxbüll friedlich, obwohl es in vielen Pendlern mächtig brodelt – seit vielen Monaten. Man wolle ein Zeichen setzen, sagt einer. Ein anderer nennt die Probleme auf der Strecke eine „nervliche Belastung“ und Zeitverschwendung. Er könne Termine nicht wahrnehmen. Immer wieder würden er oder seine Frau sich verspäten, wenn sie zum Beispiel ihr Kind aus der Betreuung abholen.

Auf der Anzeigetafel im Bahnhof werden derweil Verspätungen von bis zu 120 Minuten eingeblendet. „Wir setzen zwar Busse als Schienenersatzverkehr ein, aber das ist natürlich ein Tropfen auf den heißen Stein“, informiert ein Bahnsprecher am Morgen. Die Busse pendeln zwischen Niebüll und Klanxbüll.

Mit dem heller werdenden Tag lichten sich die Reihen der Protestler langsam. Gegen 9.15 Uhr kann der zweite blockierte Zug wieder abfahren, eine Stunde später startet auch der zuerst besetzte Zug mit „normaler“ Auslastung.

Die „Blockade“ endete nach den Angaben von Bonnichsen gegen 10.25 Uhr. Ein Bahnsprecher sagt später, dass insgesamt 21 Züge von der Aktion betroffen gewesen sind. Der Sylt-Shuttle braucht bis zum Abend, um wieder in seinen fahrplanmäßigen Rhythmus zu kommen. Für die Pendler ist der „Flashmob“ ein voller Erfolg.

Das Unternehmen entschuldigt sich, man könne den Unmut der Fahrgäste verstehen. Eine Bahnsprecherin verweist auf die Probleme bei der Beschaffung: „So haben wir europaweit versucht, geeignete Loks zu bekommen und auch drei Zusatzloks im Einsatz. Dennoch stehen derzeit nicht alle 15 erforderlichen Loks zur Verfügung.“ Bei den aus mehreren Waggons bestehenden Wagenparks stehen den Angaben nach zwölf von 15 repariert zur Verfügung.

Uwe Polkaehn, Vorsitzender des DGB Nord, ruft Verkehrsminister Bernd Buchholz (FDP) auf, das Heft des Handelns in die Hand nehmen. „Die Pendler sind keine Touristen in Urlaubslaune, sondern Menschen, die täglich verlässliche Verbindungen zu ihrem Arbeitsplatz brauchen.“ Der Gewerkschafter fordert ein Sofortprogramm zur Modernisierung.

Thomas Hölck, wirtschaftspolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, wirft der Bahn vor, „seit Monaten störanfälliges und qualitativ minderwertiges Transportmaterial“ einzusetzen. Buchholz dürfe sich nicht aus der Verantwortung stehlen. „Wer im Sommer Verbesserungen ankündigt, der muss auch liefern!“

Der verkehrspolitische Sprecher der FDP-Landtagsfraktion, Christopher Vogt, versteht den Unmut der Pendler. „Anders als die Vorgängerregierung hat die neue Landesregierung das Problem sofort zur Chefsache gemacht und zum Beispiel mit der Freigabe von IC-Verbindungen für den Nahverkehr reagiert.“ Wenn politisch weiter nachgesteuert werden könne, würde dies auch passieren.

Busse statt Bahnen

müssen in den kommenden Wochen Geduld haben. Ab dem 6. November gibt es auf diesem Abschnitt wegen Bauarbeiten nur Schienenersatzverkehr. Die Busse fahren fast alle Bahnhöfe an – nur Plüschow wird ausgelassen, heißt es von der Bahn. Die Busse erreichen Bad Kleinen 28 Minuten später als die ausfallenden Züge. In der Gegenrichtung fahren die Busse 28 Minuten früher in Bad Kleinen ab.

wru/hvs

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