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Wirtschaft im Norden Saat-Rebellen im Kleingarten
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20:24 22.06.2013
Von Jörn Kießler
Siegfried Schwark baut in seiner Parzelle im Kleingartenverein Mühlentor in Lübeck Erdbeeren, Bohnen, Zwiebeln, Gurken und Rhabarber an. Sein Saatgut kauft er im Gartenmarkt — natürlich zertifiziert.

Siegfried Schwark muss etwas suchen, bis er überhaupt noch ein Tütchen mit Samen findet. Der Kleingärtner hat seine Saat schon längst im Boden. In seiner Parzelle im Kleingartenverein Mühlentor in Lübeck gedeihen Erdbeeren, Bohnen, Zwiebeln, Gurken und Rhabarber in Reih und Glied. „Alles zertifiziert“, sagt Schwark und zeigt auf das herausgekramte Päckchen.

„Standardsaatgut EG-Norm“ steht darauf. „Habe ich wie all meine Samen im Gartenmarkt gekauft“, sagt der Kleingärtner.

Das Angebot, das es dort bisher noch gibt, könnte bald drastisch schrumpfen. Wenn der neue Entwurf zur EU-Saatgutverordnung Wirklichkeit wird, werden es sich wahrscheinlich nur noch die großen Unternehmen leisten können, ihre Sorten für den Handel zuzulassen. Dann können Hobbygärtner wie Siegfried Schwark nur noch die beliebtesten und meistverkauften Sorten im Fachhandel bekommen — ganz gleich, in welcher Region in Deutschland sie ihren Kleingarten bewirtschaften.

„Das wäre sehr schade“, sagt Thomas Kleinworth, Fachberater des Landesverbands Schleswig-Holstein der Gartenfreunde. „Gerade einheimische und historische Sorten mit regionalem Bezug sind bei uns beliebt.“ Doch gerade die könnten durch die neue Verordnung aussterben, weil kleinere Unternehmen nicht das Geld haben, um ihre regionalen Obst- und Gemüsesorten zuzulassen.

„Und Schuld daran ist die Saatgut-Mafia“, sagt Sabine Schwardt. Der Garten der Lübeckerin mutet an wie das kleine gallische Dorf aus den Asterix-Comics: „Ganz Europa ist von den großen Saatgutproduzenten besetzt . . . Ganz Europa? Nein! Ein von einer unbeugsamen Pflanzenfreundin bewirtschaftetes Gärtchen hört nicht auf, Widerstand zu leisten.“ Denn in dem 800 Quadratmeter großen Garten wachsen mehrere Hundert unterschiedliche Sorten von Gemüse, Obst und Zierpflanzen. Alle ohne Zertifizierung, versteht sich. In Blumenkästen züchtet die Hobbygärtnerin Salate, die „Goldforelle“ und „Amish People Salad“ heißen, Seite an Seite mit ostfriesischen Zuckererbsen.

„Die ,Groot Zuckearfen‘ sind ein gutes Beispiel“, sagt Schwardt. „Die muss man nur gießen und sie gehen ab wie Schmitz‘ Katze. Kein Wunder, dass die großen Saatguthersteller solche Sorten loswerden wollen.“ Das Argument, alte und regionale Gemüse- und Obstsorten seien anfälliger für Krankheiten, hält sie für Humbug. „Die regionalen Arten kommen doch mit dem Klima in ihrer Heimat viel besser klar“, sagt Schwardt. „Aber so verkaufen die Unternehmen eben nicht den passenden Dünger und die Pflanzenschutzmittel für ihr Saatgut.“ Gut erinnert sich die Lübeckerin noch daran, wie 2004 die Kartoffelsorte „Linda“ vom Markt verschwinden sollte.

Daran denkt auch Siegfried Schwark noch. Als die Kartoffel 2010 wieder zugelassen wurde, pflanzte er sie in seinem Garten. „Und in diesem Jahr habe ich noch ganz andere Sorten“, sagt Schwark rebellisch. „Von einigen weiß ich nicht mal den Namen.“

Regelungen existieren seit den 1960er Jahren
Das Saatgutrecht regelt die Vermarktung von Saatgut zu gewerblichen Zwecken. Die Regelungen sind sowohl für Landwirte als auch für Hobbygärtner wichtig. Bauern brauchen leistungsfähige Pflanzensorten, die gute Erträge auf ihren Feldern bringen. Kleingärtner können bei zugelassenen Pflanzensorten sicher sein, dass das Saatgut die erforderlichen Qualitätsparameter erfüllt. Dazu gehören unter anderem Keimfähigkeit und Schädlingsfreiheit.

Die Saatgut-Regelungen bestehen seit den 1960er Jahren. Der neue Entwurf der EU will die bestehenden Vorschriften an die aktuellen Erkenntnisse und Entwicklungen im Bereich der Saatgutwirtschaft anpassen.

Jörn Kießler

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