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Wirtschaft im Norden Schneller strickt keine andere Maschine
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09:16 23.01.2017
Die schnellste Spiralisiermaschine der Welt: Geschäftsführer Harry Lucas ist stolz auf die Neukonstruktion zur Herstellung von Benzinschläuchen.
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Neumünster

Im Treppenhaus des Fünfzigerjahre-Baus steht dieses unscheinbare Gerät im Format einer Kaffeemühle. Für die Maschinenfabrik Harry Lucas hat es eine starke symbolische Bedeutung: „Diese erste handbetriebene Rundstrickmaschine für die Sockenherstellung hat mein Großvater nach dem Krieg gebaut – die Basis für den Erfolg unseres Betriebs“, erzählt Harry Lucas, Chef des Neumünsteraner Hightech-Unternehmens, in dem in jeder neuen Generation die Jungs wie der Firmengründer heißen: Harry.

Weltmarktführer Harry Lucas aus Neumünster entwickelt Hightech für die Produktion – seit fast 75 Jahren.

Man könnte das Unternehmen als eines der wenigen „Überlebenden“ in der früheren Textil-Hochburg sehen: Neumünster wurde ab dem 18. Jahrhundert als „Manchester des Nordens“ berühmt, musste aber 200 Jahre später den Niedergang der einst 20 Tuchfabriken verkraften. „Es war jedoch reiner Zufall, dass mein Großvater den Betrieb hier aufgebaut hat. Unsere Familie stammt eigentlich aus Berlin. In einer ehemaligen AEG-Fabrik in Neumünster konnte er nach dem Zweiten Weltkrieg den Betrieb starten“, berichtet der 54-jährige Firmenchef und Maschinenbauingenieur. Ehefrau Ines kümmert sich federführend um Finanzen und Personal. „Unser Sohn Harry will jetzt nach dem Studium an der FH Kiel in den Betrieb einsteigen. Er repräsentiert die vierte Generation.“

Dabei verteidigt das Familienunternehmen, das im nächsten Jahr 75 Jahre alt wird, seit Jahrzehnten die Weltmarktführerschaft gegen Konkurrenz aus Fernost und anderswo. „Schauen Sie mal hier“, sagt Lucas und zeigt in der Werkhalle auf eine blaue Maschine im Format eines Kleinwagens. „Das Modernste, was wir in den letzten Jahren entwickelt haben – die schnellste Spiralisiermaschine der Welt.

Autozulieferer fertigen damit Benzinschläuche.“ Die Maschinen entstehen bei Harry Lucas zum Großteil in Handarbeit für spezielle Einsatzgebiete bei Kunden in 30 Ländern. „Manchmal geht es so weit, dass wir den Kunden fragen: Wie soll euer Produkt denn aussehen? Dann entwickeln wir passgenau die beste Maschine.“

Angefangen hat alles in der Vor-Computer-Zeit mit gutem alten Maschinenbau – mit diesen Apparaten aus Neumünster konnten Textilfabriken in den Sechzigerjahren etwa Mützen oder Krawatten stricken.

Heute entwickelt und fertigt Harry Lucas mit seinen 110 Mitarbeitern an drei Standorten (Neumünster, Chemnitz und in Polen) Maschinen für eine erheblich breitere Palette: für Hersteller von klassischen Textilien, darunter Gardinen und Teppiche, aber auch für Produzenten „technischer Textilien“. Der deutsche Gummi-Multi Conti produziert als größter Kunde mit Lucas-Maschinen Kühlerschläuche für Autos, in die ein Stahldrahtgeflecht eingearbeitet wird. „Mit diesem Modell sind wir Weltmarktführer. 80 Prozent aller Kühlerschlauchmaschinen kommen von uns“, erklärt der Chef.

Selbst die Verteidigungs- und Weltraumindustrie arbeitet mit Entwicklungen von Harry Lucas. In Deutschland indes verkauft Harry Lucas nur 15 Prozent seiner Produkte, die Hälfte außerhalb Europas.

 Joachim Welding

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