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Seltene Berufe sind wieder gefragt

Elmenhorst Seltene Berufe sind wieder gefragt

Erstmals wird in Schleswig-Holstein wieder ein Glasapparatebauer ausgebildet — bei SemiQuartz in Elmenhorst.

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Geschäftsführer Thorsten Müller (54, l.) und Mitarbeiter Alexander John beim Zusammenfügen zweier Glaskomponenten.

Quelle: Fotos: Felix König

Elmenhorst. Heiß ist es in der Montagehalle. Schließlich muss die Temperatur mindestens 1600 Grad betragen, damit Quarzglas bearbeitet werden kann. „Es muss so zähflüssig werden, dass es verläuft. Wie dickflüssiger Honig“, erklärt Thorsten Müller, Geschäftsführer von SemiQuartz Europe in Elmenhorst (Kreis Herzogtum Lauenburg). 16 Mitarbeiter sind dort beschäftigt, um Quarzglas-Produkte überwiegend in Handarbeit zu fertigen. Die gläsernen Zylinder, Kammern und Apparaturen werden vor allem in der Halbleiter- und Photovoltaikindustrie verwendet. Auch in der LED-Fertigung und der Medizintechnik kommen sie zum Einsatz.

Quarzglas ist sehr rein und formstabil. Die Glasgeräte kosten zwischen 50 und 80 000 Euro und werden inzwischen weltweit vertrieben. Zu den Kunden gehören ASM, Centrotherm, Mattson, Infineon, Bosch, Anlagenhersteller sowie deren Endkunden. „Das ist ein interessantes und vielfältiges Geschäft“, sagt Müller. Es sei immer wieder eine Herausforderung, die Anforderungen der Technik zu erfüllen.

Die Produktion ist langwierig, weil viel in Handarbeit gemacht wird. So werden die einzelnen, teils industriell vorgefertigten Teile bei großer Hitze miteinander verbunden oder verschweißt. Bei der sogenannten Feuerpolitur wird das Glas geglättet und die Oberfläche durchsichtig gemacht. Dabei arbeiten die Männer zum Teil mit silbernen Schutzanzügen und verspiegeltem Gesichtsschild.

Die meisten Mitarbeiter sind zwischen 40 und 50 Jahre alt. Nachwuchs ist nicht in Sicht. „Jetzt sorgen wir selbst dafür“, sagt Müller. Dabei fängt die Firma klein an — mit einem Azubi. „In dem Bereich haben wir schon lange keine Lehrverträge mehr gehabt“, berichtet Manfred Klafier, zuständig für Aus- und Weiterbildung bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Lübeck.

Ähnlich ist es bei der Glas-Manufaktur Rotter in Lübeck: Auch sie stellt in diesem Jahr erstmals zwei Lehrlinge zum Glasveredler ein, weil sie unbedingt Fachkräfte braucht, sagt Klafier. Dem Land Schleswig-Holstein wird bis 2030 eine Lücke von 100 000 Fachkräften prognostiziert.

Zum 1. September fängt Fatih Baspinar eine Lehre zum Glasapparatebauer bei SemiQuartz an. „Ich bin schon etwas aufgeregt“, bekennt der 17-Jährige. Auf den Beruf aufmerksam geworden war er bei einer kleinen Messe an der Gesamtschule Geesthacht. „Erst konnte ich mir unter Glasapparatebau nicht viel vorstellen“, erzählt Baspinar. Er informierte sich aber und fand die Arbeit interessant. Ein Praktikum im Betrieb brachte dann die Entscheidung. „Das hat Spaß gemacht.“ Die Chance auf einen sicheren Arbeitsplatz spielt auch eine Rolle. „Es ist ja wichtig, nach der Ausbildung was zu haben“, sagt Baspinar.

Drei Jahre dauert die Ausbildung, die speziell auf den Quarzglas-Apparatebau abgestimmt ist. Zur Berufsschule geht es nach Zwiesel im Bayerischen Wald. Der Verdienst in der Lehrzeit liegt zwischen 600 und 800 Euro; das Einstiegsgehalt in der Regel zwischen 1400 und 1700 Euro.

„Man sollte sich ruhig auch mal die ausgefallenen Berufe ansehen“, rät Ann-Dorothee Büsche, Geschäftsführerin des Schwesterunternehmens SemiQuarz GmbH in Allershausen in Bayern. Der Glasapparatebauer sei ein Beruf, der in der Zukunft Bestand habe, ist sie sicher. „Das ist schon eine Jobgarantie.“ Denn: Fachkräfte gibt es nicht auf dem Markt. Sogar international seien in Deutschland ausgebildete Glasapparatebauer sehr gefragt.

„Die Unternehmen müssen massiv für ihre Berufe werben“, berichtet Horst Schmitt, Sprecher der Regionaldirektion Nord der Bundesagentur für Arbeit in Kiel. Manche Berufe seien einfach weniger bekannt — vielleicht auch deshalb, weil es weniger Stellen gibt, sagt Schmitt. Sie würden weniger wahrgenommen.

5275 Stellen unbesetzt

320 Ausbildungsberufe gibt es nach Auskunft der Bundesagentur für Arbeit. Derzeit verfügt Schleswig-Holstein noch über 5697 unversorgte Bewerber (das sind 2,8 Prozent mehr als im Vorjahr) und 5275 unbesetzte Lehrstellen (plus 1,1 Prozent). Zu den Top Ten der unbesetzten Stellen gehören der Anlagenmechaniker in Sanitär-, Heizung- und Klimatechnik, Bäckereifachverkäufer, Friseur, Koch und Einzelhandelskaufmann sowie Elektroniker in Energie- und Gebäudetechnik.


Nach Ansicht der Handwerkskammer Lübeck sind die Karrierechancen für junge Menschen im Handwerk so gut wie nie zuvor. Das werde oft verkannt, sagte Sprecher Ulf Grünke.

Julia Paulat

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