Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Wirtschaft im Norden Speditionen in Not: Lkw-Fahrer fehlen
Nachrichten Wirtschaft Wirtschaft im Norden Speditionen in Not: Lkw-Fahrer fehlen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:22 01.07.2017
Noch sind die Stellplätze an den Autobahn-Rasthöfen meist voller Lastwagen. Doch das könnte sich in Zukunft ändern. Quelle: Foto: Ralf Hirschberger/dpa
Bad Oldesloe

Zehn Lastwagen stehen auf dem Hof der Spedition Schmechel in Bad Oldesloe – seit Wochen unbewegt. „Wir werden sie wahrscheinlich verkaufen müssen“, sagt Geschäftsführer Dirk Schmechel, „weil wir keine Fahrer dafür haben.“ Dabei sei die Auftragslage zurzeit so gut, dass er theoretisch sogar noch 20 Lkw zusätzlich anschaffen und auf die Straße schicken könnte. Das Problem: Er findet keine Fahrer. Die ältere Generation gehe nach und nach in den Ruhestand, Nachwuchs komme aber nicht nach.

„Viele wollen sich das nicht mehr antun.“Dirk Schmechel Spediteur aus Bad Oldesloe

„Die jungen Menschen wollen den Beruf nicht mehr machen, weil sie eine soziale Vereinsamung fürchten“, sagt Schmechel. Dass Berufskraftfahrer es schwieriger hätten, Kontakte zu pflegen, lasse sich nicht abstreiten. „Aber früher gab es trotzdem Leute, die Lust auf den Job hatten.“

Der fehlende Nachwuchs trifft die gesamte Branche. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit stieg die Zahl der offenen Stellen für Berufskraftfahrer in den vergangenen fünf Jahren bundesweit um 44 Prozent auf inzwischen knapp 16000. Zugleich ging die Zahl der Arbeitslosen und Arbeitssuchenden in dem Beruf um 30

Prozent zurück. „Es ist ein demografischer Prozess“, sagt Dirk Engelhardt, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL).

Laut Kraftfahrt-Bundesamt hatten 2016 etwa 1,5 Millionen Menschen in Deutschland eine Fahrerkarte zur Überwachung der Lenk- und Ruhezeiten, die für alle gewerblichen Personen- oder Gütertransporte nötig ist. Mehr als eine Million von ihnen waren 45 Jahre oder älter. Das durchschnittliche Renteneintrittsalter bei Fahrern liege bei 60 Jahren, sagt Markus Olligschläger, Experte für Straßengüterverkehr beim Deutschen Speditions- und Logistikverband (DSLV). „Das heißt: Zwei Drittel der heutigen Fahrer gehen in den nächsten 15

Jahren in Rente.“

In Schleswig-Holstein sehe die Situation ähnlich aus, sagt Thomas Rackow, Geschäftsführer des Unternehmensverbandes Logistik. Hier seien 50 Prozent aller Fahrer 50 Jahre oder älter. „Wir müssen dringend etwas tun“, appelliert er. „Denn sonst werden unsere Unternehmen in zehn Jahren nur noch die Hälfte ihres heutigen Fuhrparks besitzen oder es wird nur noch die Hälfte der Betriebe geben.“

Schon jetzt seien erste Auswirkungen des Fahrermangels sichtbar, so jammere die verladende Wirtschaft zum Beispiel bereits über fehlende Transportmöglichkeiten. „Die Folge ist, dass die Preise steigen – letztendlich auch für die Verbraucher“, sagt Rackow.

In Lübeck werde deshalb seit einiger Zeit versucht, zumindest die vorhandenen Azubis mithilfe des sogenannten „VerA“- Programms zu halten. Dabei helfen Experten den jungen Menschen, ihre Probleme zu bewältigen und die Ausbildung fortzusetzen. Denn die Abbrecherquote bei Berufskraftfahrern sei mit 30 Prozent sehr hoch, sagt Thomas Rackow. „Diese Woche haben wir beschlossen, das Projekt auf ganz Schleswig-Holstein auszuweiten.“

Eine andere Hoffnung der Branche zerschlage sich dagegen gerade. „Vor zwei Jahren haben wir gedacht, dass wir die Lücke mit Asylbewerbern füllen könnten“, berichtet Rackow. In Neumünster stehe auch die Infrastruktur bereit, damit die Migranten den entsprechenden Führerschein erwerben können. Doch das Interesse sei gering.

„Jungen Menschen ist der Beruf einfach zu stressig“, erklärt Rackow. Die vielen Kontrollen auf den Straßen, dazu die ganzen Staus – das ist ihnen zu viel, habe eine Studie der Fachhochschule Kiel im vergangenen Jahr ergeben. Ein weiterer Grund für das geringe Interesse sei wohl auch die Bezahlung, sagt Spediteur Dirk Schmechel. „Viele wollen sich das nicht antun. Sie erwarten, dass sie mehr bekommen.“ Ein Berufsanfänger verdiene etwa 1850 Euro brutto im Monat, dazu kämen Prämien und Spesen. „Wir würden gerne höhere Löhne zahlen, aber die Frachten geben nicht mehr her“, sagt Schmechel. Das Problem sei der Konkurrenzdruck aus Osteuropa. Er drücke die Preise, die die Industrie an die Speditionen zahle.

Es vergehe keine Woche, in der nicht mindestens ein Unternehmen bei ihm anrufe und um Rat frage, wo er Fahrer finden könne, sagt Gerd Bretschneider, Geschäftsführer der Fuhrgewerbe-Innung Berlin-Brandenburg. Auch Thomas Rackow kennt solche Anrufe. Erst Anfang der zurückliegenden Woche meldete sich ein verzweifelter Spediteur bei ihm. Dem Norddeutschen fehlten gleich zehn Fahrer.

Janina Dietrich

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Französischer Bahnkonzern SNCF erntet mit Umbenennung des Hochgeschwindigkeitszugs viel Spott.

01.07.2017

Meyers Marktplatz: Der Blick auf die Börsenwoche.

01.07.2017

Das seit einem Jahr bestehende Subventionsangebot wird vor allem von Firmen genutzt.

01.07.2017
Anzeige