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Wirtschaft im Norden Sprachkurs auch an der Werkbank
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18:15 04.06.2016
Nehad Al Sale (23) aus Syrien arbeitet an einem Werkstück, hinten erklärt Ausbildungsmeister Arne Budde (32) dem Iraker Daniel Elya (20) die Technik. Quelle: Fotos: Ulf-Kersten Neelsen

Nehad Al Sale (23) und Daniel Elya (20) bearbeiten ihre Probestücke aus Holz, Arne Budde (32) schaut genau zu und gibt den beiden Tipps und Erklärungen. Der Ausbildungsmeister der Bau-Innung Lübeck weist die jungen Flüchtlinge in Fachwerktechniken des Zimmererhandwerks ein. „Es macht Spaß, mit Holz zu arbeiten“, sagt Nehad. Hier, in der Lehrwerkstatt in Lübeck-Blankensee, lernen junge Flüchtlinge verschiedene Handwerke kennen – und vor allem lernen sie dabei Deutsch. Der Sprachunterricht findet nicht nur auf der Schul-, sondern auch an der Werkbank statt. Die Lehrkräfte arbeiten mit Bildern von Werkzeugen, um Fachbegriffe anschaulich zu erklären.

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Nehad Al Sale (23) aus Syrien arbeitet an einem Werkstück, hinten erklärt Ausbildungsmeister Arne Budde (32) dem Iraker Daniel Elya (20) die Technik.

Nehad Al Sale hat in Syrien vor seiner Flucht auf einem Bauernhof geholfen. Sein Ziel ist es, eine Ausbildung in einer Kfz-Werkstatt zu machen: „Ich möchte gerne Automechaniker werden“, sagt er.

Daniel Elya hat seinem Onkel im Irak bei dessen Arbeit als Installateur geholfen. „Jetzt würde ich das gerne hier erlernen“, sagt der 20-Jährige, der mit seiner Familie seit acht Monaten in Deutschland ist. Nehad und Daniel gehören zu den insgesamt 39 jungen Flüchtlingen aus Syrien, Iran, Irak, Eritrea, Somalia und dem Jemen, die seit Mitte April mit Hilfe der Arbeitsagentur Lübeck und dem Grone-Bildungszentrum im Programm „Perspektiven für junge Flüchtlinge (PerjuF) auf eine Ausbildung am deutschen Arbeitsmarkt vorbereitet werden. Mit dem Bus oder dem Fahrrad kommen die jungen Leute jeden Morgen nach Blankensee. Die Kurse laufen über sechs Monate, täglich von 8 bis 14.30 Uhr. Auf dem Stundenplan steht berufsbezogener Sprachunterricht und das Kennenlernen der Arbeit in den Berufsfeldern Holz, Metall, Farbe und Hauswirtschaft.

„Wir wollen das Thema Flucht und Asyl offensiv angehen und verhindern, dass Flüchtlinge nur in Gemeinschaftsunterkünften warten müssen und sich nicht willkommen fühlen“, sagt Markus Dusch, Chef der Agentur für Arbeit Lübeck. „Es ist unheimlich wichtig, die Sprachförderung mit der beruflichen Orientierung zu koppeln.“ Dusch verweist auf den Fachkräftemangel und eine Nachwuchslücke von 90000 Personen in Schleswig-Holstein in den kommenden zehn Jahren. „Wenn alle jungen Flüchtlinge nur als Hilfskräfte arbeiten, können wir diese Lücke nicht schließen“, sagt er. Deshalb sollten die jungen Flüchtlinge durch die Maßnahme auf eine duale betriebliche Ausbildung vorbereitet werden, die sie aus ihrer Heimat nicht kennen.

„Die praktischen Kenntnisse vermitteln wir in eigenen Werkstätten und arbeiten mit der Innung des Baugewerbes zusammen“, sagt Thomas Mix, Niederlassungsleiter des Grone-Bildungszentrums in Lübeck.

Auch Tim Gaertner von der Bau-Innung betont, wie wichtig Sprachkenntnisse sind. Man müsse die jungen Flüchtlinge behutsam an den Arbeitsmarkt heranführen und die Erwartungen auch nicht zu hoch schrauben. „Wir müssen aufpassen, dass wir Betriebe, die Flüchtlinge beschäftigen wollen, nicht verbrennen, weil sie schlechte Erfahrungen machen“, erklärt Gaertner. Kein Betrieb könne es sich zum Beispiel leisten, wenn Mitarbeiter die simpelsten Sicherheitshinweise und Warnungen nicht verstehen, so Dusch.

Damit effektiv Deutsch gelernt werden kann, sind geringe Gruppengrößen von etwa zehn Personen hilfreich. „Wir versuchen, die Gruppen so klein wie möglich zu halten“, sagt Lehrerin Anne Komischke, „die Teilnehmer sind hochmotiviert und kämpfen jeden Tag aufs neue.“ Komischke und ihre Kolleginnen arbeiten mit dem Lehrbuch „Alltag und Beruf“, das viele praktische Beispiele liefert. „Sprache ist das Hauptproblem, wir müssen viel Aufklärungsarbeit leisten“, erklärt Sozialpädagogin Susanne Schmidt, die die jungen Flüchtlinge betreut.

„Unsere Maßnahmen ersetzen nicht die Integrationskurse und berufsbezogenen Sprachförderungen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Sie überbrücken vielmehr die Zeit bis dahin und ergänzen die Inhalte“, sagt Andrea Späth, Leiterin des Teams „Flucht und Asyl“ in der Arbeitsagentur Lübeck. Agenturchef Markus Dusch betont, dass dieses Programm nicht zu Lasten deutscher Arbeitssuchender geht. Es werde aus zusätzlichen Mitteln finanziert. „Wir sparen deshalb nicht an Leistungen für Inländer“, erklärt Dusch.

Perspektiven für junge Flüchtlinge

415 junge Flüchtlinge werden in Lübeck und im Kreis Ostholstein schrittweise an eine Ausbildung herangeführt – im Programm „Perspektiven für junge Flüchtlinge“ (PerjuF) und anderen Programmen. PerjuF wendet sich an Asylbewerber, Personen mit Duldung, Asylberechtigte und anerkannte Flüchtlinge unter 25 Jahre. Ziel ist es, ihnen Orientierung im Ausbildungs- und Beschäftigungssystem zu geben, berufsbezogener Sprachunterricht ist dabei zentral. Das Projekt sucht zurzeit ausgemusterte alte Fahrräder, die die Flüchtlinge unter Anleitung aufbereiten können. Spenden können unter Telefon 0451/50 40 446 gemeldet werden.

Christian Risch

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