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„Steigender Dax? Da bin ich vorsichtig“

Lübeck „Steigender Dax? Da bin ich vorsichtig“

Dax, Dräger, 3-D-Drucker: Interview zum Wirtschaftsjahr 2016 mit dem LN- und n-tv-Experten Frank Meyer.

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„Der Dax ist gefühlte 45 Prozent gestiegen, real waren es nur 10 Prozent, aber auch das ist noch wesentlich mehr als beim Sparbuch.“ Börsenexperte Frank Meyer

Lübeck. Herr Meyer, was war für Sie die größte Überraschung im vergangenen Börsenjahr?

Frank Meyer: Dass die Börse weniger mit Wirtschaft zu tun hatte als mit Geldpolitik. Die Geldpolitik wird auch in den nächsten Jahren das Geschehen beeinflussen, genauso wie sie die Währungen und Zinsen beeinflusst. Dass es, wenn alle sagen, es kann nur noch nach oben gehen, nach unten ging, und umgekehrt, ist dagegen typisch und keine Überraschung.

Was hat Sie besonders enttäuscht?

Meyer: Die Entwicklung des Goldpreises. Normalerweise springt Gold an, wenn die geopolitische Lage unsicherer wird, und sie ist unsicherer geworden. Gold springt an, wenn Geld gedruckt wird.

Wobei man unterscheiden muss zwischen Europa und den USA. Die Gelddruckerei in Europa hat den Euro viel schwächer gemacht, dementsprechend ist die Entwicklung des Goldes in Euro gar nicht so schlecht.

Wie hat sich der Abgas-Skandal auf die VW-Aktie ausgewirkt?

Meyer: Das hat sie zerrissen, die VW-Aktie hat mehr als die Hälfte an Wert verloren und lag zeitweise nur noch bei 95 Euro. Da kam an der Börse schon mal die Frage auf, ob VW das alles überlebt. Jetzt ist die Frage, wie hoch die Kosten für Strafen und Rückrufe werden. Natürlich wird VW das überleben, aber die Unsicherheiten werden in den kommenden Monaten anhalten und damit wird auch der Wert der Aktie weiter schwanken.

Werden VW-Papiere noch weiter verlieren?

Meyer: Sollten die Zahlungen und Schäden sehr, sehr hoch ausfallen, könnte die Aktie noch deutlich tiefer fallen. Wenn sich alles beruhigt, wären VW-Aktien im kommenden Jahr sogar eine Kaufmöglichkeit.

Sehen sie durch die Affäre Konsequenzen für andere Dax-Werte? Wegen eines Vertrauensverlusts?

Meyer: Ich denke nicht, dass viel Image und Vertrauen verloren wurde. Viele Unternehmen sind ganz froh, wenn Dinge nicht rauskommen, hier bei VW ist es passiert. Aber die Menschen vergessen relativ schnell. Ich bin gespannt, ob man im Sommer 2016 überhaupt noch über das Thema Abgas-Skandal groß reden wird. Psychologisch gesehen vergisst man sowieso nach einem halben Jahr die Hälfte aller Schmerzen.

Für den Deutschen Aktien-Index Dax ging es weiter nach oben . . .

Meyer: Ja, der Dax ist gefühlte 45 Prozent gestiegen, real waren es nur zehn Prozent, aber auch das ist noch wesentlich mehr als beim Sparbuch. Aber diese zehn Prozent sind eindeutig unter großen Nervenaufreibungen zustande gekommen. Wer an der Börse Geld investiert, muss akzeptieren, dass die Kurse nicht nur mal um 20 Prozent steigen, sondern auch mal um 30 Prozent fallen.

Wie entwickelt sich der Dax im kommenden Jahr?

Meyer: Ich denke, wenn die Mehrheit davon ausgeht, dass ein Index nur weiter steigen kann, und der Dax steigt ja schon sieben Jahre in Folge, dann bin ich eher auf der vorsichtigen Seite. Ich sehe vor allem Gefahren aus Amerika, denn dieses Wachstum ist kreditgetrieben und hat relativ wenig Substanz. Ich denke, dass die Gefahr wegen des starken Dollars über die Schwellenländer da ist, weil sich die Schulden der Emerging Markets seit der Finanzkrise 2008 auf 18 Billionen Dollar verdoppelt haben, so dass es hier Anpassungsprozesse geben kann. China, Argentinien und Brasilien geht es nicht gut — von der Seite könnte es Ärger geben.

Was heißt das für deutsche Anleger? Was sollten sie beachten, was sollten sie tun?

Meyer: Ich denke, dass man sich zwei Sachen anschauen muss. Zum einen, wie man überschüssiges Geld künftig sparen soll. Es ist gut, Bares, auch ein Sparbuch oder Festgeld, beiseite zu haben.

Man sollte im nächsten Jahr aber auch überlegen, ob man seine gesparten Euro investiert, wenn die Preise für Anlagen wie Aktien, Gold oder andere Rohstoffe günstig sind. Ich denke, es wird dafür Möglichkeiten geben, man muss nicht sofort alles auf eine Karte setzen. Man sollte weit streuen und nicht dem Trend hinterherrennen, den die Experten gerade vorgeben.

Wie macht sich die Lübecker Firma SLM Solutions an der Börse?

Meyer: Ich hatte das erste Interview beim Börsengang, der SLM-Chef ist optimistisch und von seinem Unternehmen fasziniert. Und faszinierend sind auch die Geschäftsentwicklungen der letzten Wochen. Es gibt sehr viele Neuaufträge. 3-D-Druck ist ein hippes, modisches Thema an der Börse. Die Technologie entwickelt sich rasant weiter, es gab einen regelrechten Hype und auch heiße Luft. Aber ich glaube, diese Technologie hat eine tolle Perspektive. Nachdem die heiße Luft jetzt raus ist, kann man ein Auge drauf werfen, wie sich die Firma entwickelt. Ich glaube, sie hat eine positive Zukunft.

Dräger hat in diesem Jahr zwei Gewinnwarnungen aussprechen müssen und vor kurzem Stellenabbau angekündigt. Wie geht es mit der Dräger-Aktie weiter?

Meyer: Dräger ist ein klasse Unternehmen, weltweit aufgestellt, und ist damit von den wirtschaftlichen Entwicklungen in Amerika und Asien, vor allem in China, abhängig. Hier hat es mit der Nachfrage gehapert. Dafür kann Dräger nichts, es ist das wirtschaftliche Umfeld. Das, was Dräger jetzt macht, die 200 Stellen abbauen, ist das, was im Börsendeutsch Anpassungen an die Marktverhältnisse heißt. Dräger hatte eine gute Zeit, die Aktie hat sich enorm entwickelt. Jetzt durchlebt das Unternehmen eine schwere Zeit, und ich glaube nicht, dass man das Geschäftsmodell so schnell dahin dreht, wo man es vorher hatte, weil die Märkte in den Schwellenländern schwächeln.

Wird die Dräger-Aktie also weiter unter Druck bleiben?

Meyer: Eine Gewinnwarnung ist vielleicht okay, aber eine zweite hinterher hat sehr, sehr viel Vertrauen zerstört, und, wie gesagt, es dauert dann oftmals ein halbes Jahr an der Börse, bis die Hälfte des Schmerzes wieder vergessen ist.

Was war Ihr skurrilstes Erlebnis an der Börse in diesem Jahr?

Meyer: Das Skurrilste für mich ist, dass nicht gesagte Worte des EZB-Präsidenten Draghi zu einem Boom an der Börse von 2000 Punkten geführt haben. Wenn Herr Draghi dann doch nicht noch mehr liefert, führt das zu einer Enttäuschung und einem Rückgang von 1300 Punkten. Außerdem ist es für mich auch immer wieder völlig skurril, welche Waffen die Zentralbanken einsetzen, um den Markt vor sich herzutreiben. Man hat keine Zinswaffen mehr, man kann die Zinsen de facto bei diesen Schuldenbergen nicht anheben, man hat aber die Wortwaffen. Diese verbalen Interventionen, diese Verbalerotik, ist dann für zehn Prozent plus oder zehn Prozent minus im Dax mit verantwortlich. Solange alle an den Lippen dieser Geldgötter hängen, solange kann es durchaus funktionieren, dass die Zentralbanken weiter die Märkte vor sich herjagen, aber das ist irgendwann endlich.

Wie wird sich der Euro entwickeln?

Meyer: Wir sollten uns wegen der Zentralbank-Steuerung der Märkte doch überlegen, ob das Vertrauen in das Geld, in diesen Euro, in diesen Schein, wirklich gerechtfertigt ist oder ob man sagen muss: Dieser Schein trügt. Auch wenn der neue 20-Euro-Schein aus neuem Papier besteht und fälschungssicherer ist — es ist de facto Falschgeld, und es wird sich als dieses herausstellen. Geld hat keinen Wert an sich, sondern nur den Wert, den wir ihm zubilligen. Und da kommt meines Erachtens in den nächsten zwei oder drei Jahren auch wieder das Edelmetall ins Spiel, abseits vom Finanzsystem, was ja mittlerweile offensichtlich so verrückt geworden ist.n-tv-Börsenexperte Frank Meyer schreibt jeden Sonntag in den LN. Zudem hat er ein Buch über Wirtschaft veröffentlicht: „Meyers Money-Fest: Über den täglichen Wahn und Sinn an den Kapitalmärkten“ (Wiley-Verlag, 19,99 Euro)

Interview Chr. Risch

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