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Wirtschaft im Norden Weiter Streit um Fangquoten für den Hering
Nachrichten Wirtschaft Wirtschaft im Norden Weiter Streit um Fangquoten für den Hering
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09:50 11.10.2018
Für viele der über 500 schleswig-holsteinischen Ostsee-Fischer ist der Hering sozusagen der „Brotfisch“ – eine drastische Absenkung der Fangquote könnte für einige Betriebe das wirtschaftliche Aus bedeuten, warnt der Fischereiverband. Quelle: Charius/dpa
Berlin/Eckernförde

„Total beschissen wäre das“, nimmt Lorenz Marckwardt, langjähriger Chef des Landesfischereiverbandes im Norden und seit rund vier Jahrzehnten Fischereimeister in Eckernförde, kein Blatt vor den Mund. Was ihn am Mittwoch so in Rage kommen ließ, ist der Plan der EU-Kommission, die Fangquote für Heringe in der westlichen Ostsee für das kommende Jahr um 63 Prozent abzusenken. Zwar hat Brüssel vom ursprünglich vorgesehenen totalen Fangverbot Abstand genommen, den der Internationale Rat für Meeresforschung (ICES) empfohlen hatte. Doch auch die jetzt anvisierte Verringerung der Fangquote um fast zwei Drittel würde viele der schleswig-holsteinischen Fischer ins Mark treffen. Marckwardt verwies darauf, dass die Herings-Quote für dieses Jahr bereits um 39 Prozent – von 15 700 Tonnen (2017) auf 9600 Tonnen – reduziert worden war.

Ministertreffen in Luxemburg

Der Streit um die neuen Fangquoten für 2019 nimmt unterdessen an Schärfe zu, je näher die Entscheidungen im EU-Fischereirat rücken. Am 15. und 16. Oktober kommen die Minister – darunter die deutsche Ressortchefin Julia Klöckner (CDU) – in Luxemburg zusammen. Im Vorfeld des Rates hat indes auch Klöckner Zweifel an der Vorgabe der EU angemeldet. Den LN sagte sie jetzt: „Die EU-Fischereiminister stützen ihre Beschlüsse über die Fangmengen grundsätzlich auf die Empfehlungen des Internationalen Rates für Meeresforschung. Dieser hat in der Tat für 2019 einen Fangstopp für die Heringsfischerei in der westlichen Ostsee empfohlen. Diese Empfehlung beruht auf einer neuen Modellberechnung über die weitere Entwicklung des Bestandes. Die ist allerdings wissenschaftlich umstritten.“ Zum EU-Vorschlag der Kürzung der Fangmenge um 63 Prozent sagte die CDU-Ministerin jedoch: „Ich bin der Auffassung, dass wir nicht ganz so stark kürzen müssen. Entscheidendes Kriterium für mich ist, dass der Bestand weiter wachsen kann.“ Der Eckernförder Fischer „Lorne“ Marckwardt meinte dazu nur: „Ich hoffe, dass die Ministerin beim Fischereirat tatsächlich unsere Interessen vertritt.“ Und er verwies auf wissenschaftliche Untersuchungen, wonach die Biomasse an Hering in der westlichen Ostsee inzwischen wieder auf 140 000 Tonnen angewachsen sei. Sollte es allerdings dennoch zu einer „drastischen Absenkung“ der Fangquote beim Hering – für viele der über 500 schleswig-holsteinischen Ostsee-Fischer sozusagen der „Brotfisch“ – kommen, drohe vielen das wirtschaftliche Aus. Dass Berlin bereits vor einigen Wochen versprochen hatte, alles zu tun, „um den Fischern über diese schwierige Klippe im kommenden Jahr hinweg zu helfen“, schafft kaum Hoffnung. Auch dass es über eine höhere Fangquote beim Dorsch, der sich zuletzt gut erholt hat, einen Ausgleich geben könnte, schloss Marckwardt aus.

Albrecht tritt auf die Euphoriebremse

Auf die Euphoriebremse trat auch der Kieler Fischereiminister Jan Philipp Albrecht. Er meint, auch wenn die Einschnitte für Fischer und Angler in den vergangenen Jahren drastisch waren, habe das Quotensystem funktioniert. „Ohne Fisch gibt es auch keine Fischer. Jetzt haben sich die Bestände bei Dorsch und Scholle sichtlich erholt. Das ist für die schleswig-holsteinische Fischerei positiv. Entsprechend ernst sollten wir daher die Empfehlung des ICES für den Heringsbestand nehmen“, sagte der Grünen-Politiker den LN.

Unterdessen wollen heute Umweltaktivisten von der Deutschen Umwelthilfe, von Our Fish und Fishlove vor dem Berliner Reichstag gegen die Überfischung der Meere demonstrieren. Sie verlangen von den EU-Fischereiministern, sie sollten sich an die Empfehlungen des ICES bei der Festlegung der Fangquoten halten. Um ein Signal gegen Überfischung zu setzen, haben sich prominente Schauspieler – etwa Nina Hoss, Christiane Paul, Katja Riemann oder Benno Fürmann – jeweils nackt mit einem Fisch fotografieren lassen. Ihre Fotos werden am Donnerstag vor dem Reichstag zu sehen sein.

Von Reinhard Zweigler

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