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Wirtschaft im Norden Tschüs, Uni: Werkbank statt Hörsaal
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18:27 19.10.2013
Lieber praktisch tüfteln als Theorie büffeln: Marco Ketelsen (22) hat nach dem Abitur zunächst in Kiel Elektrotechnik studiert, dann bewarb er sich erfolgreich um eine Stelle als Elektriker-Lehrling. Quelle: Neelsen
Lübeck

Jona Sell studierte Betriebswirtschaft in Kiel. Nach einem Semester war Schluss. Jetzt wird er Tischler. Philip Danker studierte erst zwei Semester Wirtschaftsrecht in Berlin, dann zwei Semester BWL in Bremen. Jetzt wird er Glaser. Marco Ketelsen war ein halbes Jahr lang in Kiel im Fach Elektrotechnik eingeschrieben. Jetzt ist er Elektriker-Lehrling.

Drei norddeutsche Jungs, drei Studienabbrecher, drei Geschichten über das abrupte Ende einer Akademikerkarriere — und gleichzeitig der Anfang dreier Handwerkerlaufbahnen. Sell, Danker und Ketelsen sind die Prototypen einer neuen Generation, wie sie sich die Zunft wünscht: pfiffig, jung und talentiert. Die Führungskräfte von morgen. „Mehr davon“, fordert der Zentralverband des Deutschen Handwerks. Angesichts des eigenen Fachkräftemangels buhlen die Kammern jetzt um Studenten, die sich in den Hörsälen der Republik nicht ganz so wohl fühlen.

Es ist ziemlich genau die Erfahrung, die Jona Sell gemacht hat. Der 23-jährige Kieler meint: „Jeden Tag an der Uni habe ich gemerkt, dass das eigentlich nichts für mich ist.“ Ständig habe er das Gefühl gehabt, etwas falsch zu machen. „Der Leistungsdruck war enorm — und dann habe ich gemerkt: Ich vermisse das Handwerk.“ Schließlich hat er schon eine Ausbildung als Werbetechniker hinter sich, bevor er es mit BWL versuchte. „Ich mag es einfach, wenn ich sehe, was ich mit meinen Händen gearbeitet habe“, sagt er. Und so stieg er als Tischler-Lehrling in den Familienbetrieb ein, der einst von seinem Großvater gegründet wurde und jetzt von seinem Onkel geleitet wird.

Wegen des Familienbetriebes hat es letztendlich auch Philip Danker von der Uni in die Berufsschule gezogen. Der 23-jährige Neumünsteraner meint, irgendwann habe es ihn gewurmt, dass es scheinbar nur um den Abschluss gehe. Der sei zwar anspruchsvoll, aber wenig praxisnah. „Und dann habe ich abgewogen und mir überlegt, dass ich doch gerne die Glaserei meines Vaters übernehmen würde.“ Der Papa war übrigens erleichtert. Bundesweit suchen rund 250 000 Handwerksbetriebe in den nächsten Jahren einen Nachfolger. Vater Danker hat wahrscheinlich einen gefunden.

Irgendwann käme eine Betriebsübernahme für Marco Ketelsen vielleicht auch einmal in Frage. Der 22-Jährige aus Henstedt-Ulzburg wird nach seinem Abitur und einem Semester in Kiel nun Elektriker.

„Willst du das wirklich machen?“, wurde er von seinen Abi-Freunden gefragt. Auch sein Chef, bei dem er sich bewarb, wunderte sich und fragte ihn erstaunt, ob er es Ernst meine. Ein Praktikum beseitigten die letzten Zweifel.

In dieser Woche hat in Lübeck der Ausbildungsgang „Technischer Betriebswirt“ begonnen. Hier hat Marco Ketelsen auch die anderen Ex-Studenten getroffen. Neben der handwerklichen Ausbildung werden die Lehrlinge in vier Jahren und rund 1300 Stunden auf Führungsaufgaben im Handwerk vorbereitet. „Mein Ziel ist es, egal was ich mache, darin so gut wie möglich qualifiziert zu sein“, sagt Tischler-Lehrling Sell. „Früher war ein Problem des Handwerks, dass die Talente mit dem Gesellenbrief in der Tasche ins Studium abgewandert sind“, sagt Simon Hofmann, Leiter des Fortbildungszentrums Lübeck. „Dem versuchen wir mit der Zusatzqualifikation entgegenzutreten. Die Hemmschwelle, das Handwerk nach erfolgreicher Prüfung wieder zu verlassen, soll sinken.“

Bei Sell, Danker und Ketelsen muss Zentrumsleiter Hofmann sich jedenfalls keine Sorgen machen. Sie haben ihre Erfahrungen in den Hörsälen bereits gemacht.

Betriebswirtschaftliche Zusatzqualifikation

13 Lehrlinge aus ganz Schleswig-Holstein haben im Oktober in Lübeck die Ausbildung zum Technischen Betriebswirt begonnen. Neben der Erstausbildung im Handwerksbetrieb erhalten die Lehrlinge eine betriebswirtschaftlichen Zusatzqualifikation. Das Pensum ist anspruchsvoll: Neben ihrer regulären Ausbildung stehen für die Lehrlinge rund 1300 Stunden Betriebs- und Volkswirtschaftslehre, Finanzwirtschaft, Recht sowie Personal- und Unternehmensführung auf dem Programm.

Am Ende erwerben sie dann zwei Abschlüsse: den Gesellenbrief und den Technischen Betriebswirt. Die Qualifizierung ist laut Handwerkskammer auf die Bedürfnisse von kleinen und mittleren Unternehmen zugeschnitten. Rund die Hälfte der Teilnehmer kommt aus Familienunternehmen.


Die Zusatzqualifikation bietet das Fortbildungszentrum seit 2006 an. Sie richtet sich an Schulabsolventen mit gutem Realschulabschluss, Abitur oder Fachabitur und ist für alle Handwerksberufe geöffnet. Der Ausbildungsgang wird von Seiten des Ausbildungsbetriebes mitfinanziert.

„Ich mag es, wenn man sieht, was man mit seinen Händen geschafft hat.“
Jona Sell, Lehrling

Jan Wulf

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