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Viele Pendler stöhnen über Stress

Lübeck Viele Pendler stöhnen über Stress

Rund die Hälfte der Beschäftigen arbeitet laut einer Studie nicht am Wohnort. Experten: Die langen Fahrten schaden der Gesundheit.

Lübeck. Erst mit dem Fahrrad zum Bad Schwartauer Bahnhof, dann mit dem Zug nach Lübeck, von dort weiter nach Hamburg und schließlich in die U-Bahn: Etwa drei Stunden braucht Marie Bedtke, um von ihrem Heimatort Sereetz nach Norderstedt zu kommen. Dort absolviert sie seit drei Wochen eine Ausbildung zur Rettungssanitäterin. Abends geht es dieselbe Strecke wieder zurück.

 Sechs Stunden am Tag verbringt die 20-Jährige also mit dem Pendeln — und das fünfmal pro Woche. „Das ist echt nervig“, sagt die junge Frau. Denn die Zeit verstreiche ungenutzt. Lernen falle ihr in den vollen Zügen und U-Bahnen schwer, und auch entspannen könne sie dort nicht richtig. „Wenn die Bahn dann noch Verspätung hat und ich deshalb in der Schule anrufen muss, ist das sehr unangenehm und stresst mich noch mehr.“

So wie Marie Bedtke geht es immer mehr Pendlern. Eine Vielzahl von Studien belege einheitlich, dass langes Pendeln mit einem erhöhten Stresserleben verbunden sei, sagte der Soziologe Heiko Rüger vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung der „Neuen Presse“. Bei Menschen, die täglich eine Strecke von mindestens einer Stunde oder 50 Kilometern zur Arbeitsstelle zurücklegen, sei das Risiko für einen schlechten gesundheitlichen Allgemeinzustand etwa doppelt so hoch wie bei Nichtpendlern.

Einer aktuellen Studie des Deutschen Gewerkschaftsbundes zufolge arbeitet bereits die Hälfte aller Beschäftigten nicht mehr am Wohnort — Tendenz steigend. „Die Pendlerbewegungen im Norden werden zunehmen, weil es in den Städten an bezahlbarem Wohnraum für Arbeitnehmer fehlt“, sagt Uwe Polkaehn, Vorsitzender des DGB Nord. „Die Wege werden also länger, der Zeitaufwand wächst.“

Bei Arbeitnehmern komme daher zum wachsenden Arbeitsdruck immer öfter Stress beim Pendeln hinzu. „Familie und Freunde kommen zu kurz“, sagt Polkaehn. „Weil Zeit zum Regenerieren fehlt, steigt auch das Krankheitsrisiko. Jeder zweite Beschäftigte gibt bereits in unseren Befragungen an, die Arbeit wahrscheinlich nicht bis zum Rentenalter zu schaffen.“

Der Oldesloer Leo Mustafa muss zurzeit für sein Praktikum bei Dräger täglich mit der Bahn nach Lübeck fahren. Normalerweise pendelt er in die andere Richtung — zur Universität nach Hamburg. „Wenn die Bahn Verspätung hat und ich deshalb eine Vorlesung verpasse, ist das schon ärgerlich und löst Stress aus“, sagt der 22-Jährige. „An Prüfungstagen fahre ich deshalb extra zwei Züge früher los.“

Der Lübecker Elmar Battenberg ist vom Pendeln so genervt, dass er sich einen neuen Job gesucht hat. Seit sieben Jahren pendelt der Arzt zwischen seinem Wohnort und Malente, eine Stunde ist er pro Tour unterwegs. „Ich finde das sehr stressig“, sagt er. „Da geht jeden Tag viel Lebenszeit drauf. Zehn Stunden sind es pro Woche.“ Er könne sich auf der Fahrt zwar mal ein Hörbuch anmachen oder sich mit Kollegen unterhalten, aber dennoch nerve das ständige Unterwegssein. „Das wünscht man sich anders“, sagt Battenberg. In Malente habe er nicht wohnen wollen, in Lübeck keinen passenden Job gefunden. Deshalb zieht der 38-Jährige nun im Sommer in den Süden Deutschlands nach Oberstdorf. „Meine neue Wohnung und die Arbeitsstelle liegen nur einen Kilometer voneinander entfernt“, sagt er.

Jana und Dirk Kretschmer haben den umgekehrten Weg gewählt. Die beiden arbeiten in Hamburg, sind aber aus der Großstadt nach Bad Schwartau gezogen. „Wir wollten dort wohnen, wo es schön ist. Hier haben wir die Ostsee und den Wald vor der Tür“, sagt sie. In Hamburg zu leben, sei ihr zu anstrengend und zu stressig. Zudem seien ihr die Mietkosten zu hoch. „Da nehme ich lieber einen weiteren Weg zur Arbeit in Kauf“, sagt die 48-Jährige. Drei- bis fünfmal pro Woche fährt sie mit dem Auto zu ihrer Arbeitsstelle ins Amtsgericht in der Hamburger Innenstadt — zusammen mit ihrem Hund und ihrem Mann, der in Bahrenfeld arbeitet. „Ich genieße die Zeit zu zweit im Auto“, sagt sie. „Wir können uns unterhalten, ohne unterbrochen zu werden.“

Jana Kretschmer versucht, sich vom Pendeln nicht stressen zu lassen. Auch im Sommer nicht, wenn sie wegen der vielen Ostsee-Urlauber mal zwei Stunden für die Rückfahrt benötige. „Wenn ich mich doch ärgere, führe ich mir all die positiven Aspekte vor Augen, die das Leben in Bad Schwartau hat.“

Von Janina Dietrich

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