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Volkswagen-Skandal: Die erfolglose Jagd auf „Mister X“

Wolfsburg Volkswagen-Skandal: Die erfolglose Jagd auf „Mister X“

Die Suche nach dem oder den Schuldigen ist eine der spannendsten und wichtigsten Fragen im Abgas-Skandal von VW.

Wolfsburg. Nicht nur in Wolfsburg dürfte der Urheber des Diesel- Skandals derzeit einer der meistgesuchten Verbrecher sein. Doch anders als im ARD-„Tatort“ sind die Ermittler bei Volkswagen in einem der größten Wirtschaftskrimis der Nachkriegsgeschichte auch über sieben Monate nach dem Beginn der Affäre nicht fündig geworden.

Während sich die Strafbehörden weder in den USA noch in Deutschland in die Karten schauen lassen, will eine Ermittlergruppe bald liefern: Bis Ende April soll die vom VW-Aufsichtsrat im vergangenen Herbst engagierte US-Kanzlei Jones Day einen ersten „substanziellen Bericht“ vorlegen. So hat es das Gremium wiederholt angekündigt. Wer jedoch — wie viele der Konzernkontrolleure selbst — auf konkrete Namen, Zahlen und Fakten hofft, wird wohl enttäuscht werden.

Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur kann der geheime Bericht bislang keine endgültige Gewissheit über den Ursprung der illegalen Abgas-Software liefern. In der gigantischen Datenmasse von mehr als 102 Terabyte — immerhin rund 50 Millionen Bücher und die fast 40-fache Menge der „Panama Papers“ — konnten die insgesamt rund 450 Ermittler bisher keine restlosen Erklärungen für die weltweiten Abgas-Manipulationen in rund elf Millionen Wagen finden.

Ein Ermittlungsbericht ohne einen Schuldigen? „Das ist wie ein Witz ohne Pointe, das geht gar nicht“, heißt es aus dem kleinen Kreis der Eingeweihten. Die Ermittlungen von Jones Day sind eine absolute Top-Secret-Angelegenheit. Während sich im Konzern sonst gern gute wie schlechte Nachrichten verselbstständigen, konnte dieses brisante Material bislang nach außen unter Verschluss gehalten werden.

Auch ohne Beschuldigten ermöglicht der Zwischenbericht einen intimen Einblick in das Biotop Volkswagen. Schon deshalb ist fernab der Schuldfrage die Veröffentlichung ein Politikum. Welches Unternehmen will seiner Konkurrenz schon etwas über interne Abläufe, Hierarchien, Strukturen verraten? Doch VW kommt kaum umhin, dies zu tun, wenn der Konzern die Krise hinter sich lassen will.

Konkret bedeutet das folgendes: Der Verstoß lässt sich bislang nur auf einige Entwicklungsabteilungen und dort Beschäftigte eingrenzen, nicht aber in der Kette der Geschehnisse komplett rekonstruieren. Das erfuhr dpa aus mehreren voneinander unabhängigen Quellen. „Die Prozessstruktur war sauber“, betont ein Insider, der die Ergebnisse kennt. Was zunächst für den Konzern nicht schlecht klingt. Immerhin deutet damit nichts auf eine kollektive Schuld hin. Es lässt aber jedem IT-Forensiker die Haare zu Berge stehen.

Denn trotz der umfangreichen internen Ermittlungen ist so noch immer unklar, ob nun einzelne VW-Entwickler aus eigenem „bösen und kriminellen Antrieb“ den fatalsten Fehler begingen — oder ob sie nur auf eine Anweisung „von oben“ hin handelten. Ein VW-Sprecher sagt, der Konzern könne sich zur Arbeit von Jones Day nicht äußern.

Zumindest ein einstiger VW-Protagonist dürfte den Zwischenbericht auch mit Genugtuung lesen: Ex-Vorstandschef Martin Winterkorn. Er trägt laut Jones Day keine Verantwortung, weder ihm noch anderen Vorständen kann demnach eine Mitschuld angelastet werden.

Gemäß dem Ausschlussprinzip könnte damit wohl nur Variante eins bleiben: Ehrgeizige Ingenieure und Programmierer sahen sich ob der schlechten Abgaswerte der Diesel-Flotte von VW derart in ihrem Stolz verletzt, dass sie die verhängnisvolle Manipulation wagten. Bis das Diesel-Drama — wie von Oscar-Gewinner Leonardo DiCaprio geplant — verfilmt werden kann, muss wohl noch viel passieren. Ohne einen echten Bösewicht dürften die Zuschauer am Ende wohl enttäuscht sein.

LN

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