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Wirtschaft im Norden Was zählt, ist der Respekt voreinander
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20:19 06.01.2018
In der Lehrwerkstatt: Cholamheydar Heydari (24, links) und Mohammad Al-Ajouri (22) lösen eine Übungsaufgabe an einem Montagebrett. Beide haben ihre Ausbildung bei der Firma Habotec begonnen. Möglich wurde das durch das Integrationsprojekt Elektrotechnik (IPET), an dem acht Lübecker Elektro-Unternehmen beteiligt sind. Quelle: Fotos: Lutz Roessler

Habotec hat sich auf Elektro- und Gebäudesystemtechnik für Firmen spezialisiert und bildet zurzeit 57 junge Leute aus, Anlagenmechaniker, technische Zeichner, Bürokaufleute. Darunter sind jetzt immer mehr Geflüchtete. „Die Arbeit hier macht großen Spaß“, sagt Ahmad Hosseini (26), der aus Afghanistan nach Deutschland gekommen ist. Auch Cholamheydar Heydari (24) ist mit seiner Frau aus Afghanistan geflüchtet und im Herbst 2015 in Lübeck angekommen, mittlerweile haben sie ein kleines Kind. „Nach einem Jahr in der Vorbereitung habe ich meine Ausbildung im September angefangen“, erzählt Heydari. Mohammad Al-Ajouri (22) kommt aus Syrien und ist seit zweieinhalb Jahren in Deutschland. „Ich habe schon lange als Elektriker gearbeitet, mein Vater hatte ein Elektrogeschäft in Aleppo“, sagt er. Durch den Bürgerkrieg in Syrien ist das Geschäft zerstört – „es ist alles kaputt“. Seine Eltern leben jetzt bei Flensburg, Mohammad macht seine Lehre bei Habotec – zusammen mit vielen anderen jungen Lehrlingen, die hier geboren wurden. Moritz Roßmann (17) hatte 2014 ein Praktikum bei Habotec gemacht und nach seinem Realschulabschluss die Lehre begonnen. „Für mich ist das ein sehr vielfältiger Beruf“, sagt er. Latif Dönmez (17) aus Lübeck hatte bereits früh ein Interesse an Elektrotechnik. „Deshalb bin ich sehr glücklich über diese Ausbildung“, sagt er. Der Lübecker Bünyamin Demir (21) hat sich schon als Jugendlicher auf Schiffen um die Elektrik gekümmert, bevor er die Ausbildung begann. Er betont, wie gut die Auszubildenden zusammenarbeiten. „Egal, aus welchem Land jemand kommt oder welche Herkunft jemand hat, alle werden hier so akzeptiert, wie sie sind. Was zählt, ist der Respekt voreinander“, sagt Demir.

Morgens um sieben Uhr, wenn die VW-Transporter der Firma Habotec vom Firmenhof zu den Baustellen starten, gehören jetzt auch junge Syrer oder Afghanen zu den Montageteams. Die Auszubildenden kamen durch das Integrationsprojekt Elektrotechnik (IPET) in das Unternehmen.

Firmenchef Peter Bode (54) legt großen Wert darauf, dass hier „nicht nach Herkunftsland oder Hautfarbe“ unterschieden wird. „Uns interessiert nur: Passt jemand ins Team und hat er handwerkliche Fähigkeiten?“ Nach dem Merkel-Satz „Wir schaffen das“ habe man zeigen wollen, „dass es wirklich geht“, erklärt Bode. Die jungen Flüchtlinge werden Montageteams zugeordnet, so können und müssen sie den ganzen Tag Deutsch sprechen. „Wir haben die Teams bewusst gemischt“, erklärt Bode. Das zahlt sich aus. „Bevor ich bei Habotec angefangen habe, war mein Deutsch nicht so gut, jetzt wird es besser“, sagt Mohammad Al-Ajouri.

Initiator des Projekts IPET ist Helmut Braasch (72), langjähriger Lehrer der Emil-Possehl-Schule, der in den 80er Jahren auch Habotec- Chef Bode unterrichtete. Braasch hatte im Herbst 2015 zwei jungen Somalis geholfen. „Da kam mir die Idee, Flüchtlinge auf eine Ausbildung vorzubereiten“, erzählt er. Im September 2016 begann das Projekt, das die Ausbildungsakademie organisiert, an dem acht Unternehmen beteiligt sind und das unter anderem von der Possehl-Stiftung und der Wessel-Stiftung gefördert wird. „In diesem Herbst sind 13 junge Flüchtlinge in Ausbildung gegangen“, sagt Braasch.

Die frühere Bildungsministerin Britta Ernst (SPD) war überzeugt von dem Projekt und hat es ins reguläre Schulangebot aufgenommen, auch die neue Jamaika-Regierung steht dahinter. „Eine tolle Geschichte, dass es weitergeht“, sagt Braasch. Sechs Lehrer, fünf davon pensioniert, kümmern sich um die jungen Flüchtlinge, bringen ihnen Deutsch bei, geben Nachhilfe. „Um die jungen Leute auch gesellschaftlich-kulturell zu integrieren, haben wir Exkursionen mit ihnen gemacht, waren bei der Polizei, bei Gerichten und im Landtag in Kiel“, erzählt Braasch.

„Wir wünschen uns gute Integration, denn wir brauchen gut ausgebildete Mitarbeiter. Wer fünfeinhalb Jahre hier ist, den kann man nicht mehr abschieben. Der hat sich gut integriert“, sagt Firmenchef Bode. Vor kurzem haben die Mitarbeiter ein internationales Grillfest organisiert, mit türkischem Buffet. Das habe die Mitarbeiter toll zusammengeschweißt. „Die hier geborenen Azubis begreifen, dass das ihre Kollegen von morgen sein werden, und die meisten Gesellen und Monteure auch.“

Zahlen und Fakten

Die Firma Habotec wurde 1998 in Lübeck gegründet. Seit Oktober 2010 führt Mitbegründer Peter Bode das Unternehmen. Es steht für Installationen aus den Bereichen Elektrotechnik, Heizungstechnik, Smart Home und Sicherheitstechnik. Habotec hat sich auf Elektro- und Gebäudesystemtechnik für Unternehmen spezialisiert und beschäftigt zurzeit knapp 150 Mitarbeiter aus acht verschiedenen Nationen. Eine der größten Baustellen ist die neue Firmenzentrale von SLM Solutions in Genin, wo bis zu 20 Mitarbeiter vor Ort sind.

Christian Risch

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